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Man Booker Prize:Kaum Briten

Für den namhaftesten Literaturpreis Großbritanniens sind dieses Jahr fast nur US-Amerikaner nominiert.

Von Moritz Fehrle

Weiblich, weitgehend unbekannt und vor allem: nicht britisch. Das sind die Attribute, die für die Auswahl des diesjährigen Man Booker Prize bestimmend zu sein scheinen. Die diese Woche veröffentlichte Shortlist für die wichtigste Literaturauszeichnung des Landes wird in Großbritannien kontrovers aufgenommen. Nachdem der Preis im Vorjahr entgegen der Regeln an zwei Autorinnen ging, die Kanadierin Margaret Atwood und die Britin Bernardine Evaristo, provoziert die Jury diesmal schon mit ihrer Vorauswahl ihre Kritiker. Nominiert sind Diane Cook (USA) mit dem Roman "The New Wilderness", Tsitsi Dangarembga (Simbabwe) mit "This Mournable Body", Avni Doshi (USA) mit "Burnt Sugar", Maaza Mengiste (Äthiopien/USA) mit "The Shadow King", Dougals Stuart (Schottland/USA) mit "Shuggie Bain" und Brandon Taylor (USA) mit "Real Life".

Zeigt diese Shortlist nun das Scheitern des Diversitätskurses, oder ist sie divers wie nie?

Waren für den namhaftesten Preis für englischsprachige Literatur (im Unterschied zum International Man Booker Prize) bis vor sechs Jahren überhaupt nur Autoren aus dem Commonwealth und Irland zugelassen, deren Bücher in Großbritannien verlegt sein mussten, befindet sich diesmal mit dem Schotten Douglas Stuart nur ein einziger gebürtiger Brite auf der Shortlist. Auch er lebt allerdings seit Jahren in den USA. Große Namen wie Anne Tyler, Hillary Mantel oder Colum McCann schafften den Sprung auf die Shortlist nicht, dagegen befinden sich gleich vier Debütromane in der Auswahl.

Wie kaum eine andere literarische Auszeichnung hatte der Booker Prize immer schon eine politische Dimension, und umso mehr in Zeiten, in denen das Land zwischen dem Schlachtruf nach "nationaler Souveränität" und der Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem internationaleren Kurs gespalten ist. Dass die Shortlist nun derart US-amerikanisch dominiert ist, sehen manche als Zeichen einer Vorherrschaft aus Übersee, die britische Verleger bereits vor zwei Jahren in einem Brief an die Kuratoren des Booker Prize kritisierten. Sie forderten, die Öffnung des Preises für den gesamten englischsprachigen Raum zurückzunehmen. Nun dürften sie sich bestärkt fühlen in ihrer Kritik, dass die Lockerung der Regularien den Preis nicht diverser, sondern einheitlicher gemacht habe.

Der Guardian widerspricht: Bei der Vorauswahl handle es sich um die diverseste Shortlist aller Zeiten. Auch wahr: Mit der Vorauswahl hat sich die Jury bewusst gegen prominente Namen entschieden und stattdessen Raum geschaffen für ein weitgehend unbekanntes Feld eher junger Autoren, die zwar außerhalb des Vereinigten Königreichs leben, sonst aber sehr verschiedene persönliche und kulturelle Hintergründe haben.

© SZ vom 18.09.2020

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