Süddeutsche Zeitung

Man Booker International:Fenster auf für die arabische Literatur

Jokha Alharthi aus Oman bekommt den renommiertesten Literaturpreis der englischsprachigen Welt.

Nicht nur, dass diesmal Frauen die Liste der fünf Nominierten für den Literaturpreis Man Booker International bestimmten und nur ein Mann aufgestellt war, auch die Siegerin sorgte am Dienstagabend bei der Preisverleihung in London für eine Premiere. Mit Jokha Alharthis Roman "Celestial Bodies" (Himmelskörper) hat zum ersten Mal ein aus dem Arabischen übersetztes Buch Großbritanniens wichtigsten Preis für Literatur gewonnen. Er wird seit 2005 vergeben und zeichnet Romane aus der ganzen Welt aus, die ins Englische übersetzt wurden. Jetzt sei "ein Fenster zur reichen arabischen Literatur aufgestoßen" worden, sagte die Preisträgerin. Die Jury lobte "Celestial Bodies" als "ein Buch, das Kopf und Herz gleichermaßen gewinnt".

In ihrer Heimat Oman, im Süden der arabischen Halbinsel und auch darüber hinaus, ist die 41-Jährige Alharthi keine Unbekannte mehr. Sie veröffentlichte auf Arabisch zwei weitere Romane "Manamat" (Träume, 2004) und "Narinjah" (Bittere Orange, 2016), zwei Kinderbücher und drei Kurzgeschichtenbände. In Schottland promovierte Jokha Alharthi 2010 zu klassischer arabischer Literatur und lehrt heute an der Sultan-Qabus-Universität in Oman.

Zum Schreiben habe sie ihr Großvater inspiriert, den sie als einen der "letzten klassischen Dichter Omans" bezeichnet. Er sei 1995 gestorben und habe es nicht geschafft, seinen Diwan fertigzustellen, erzählte sie in einem Interview mit dem katarischen Fernsehsender Al Jazeera. Als Kind sei sie von der Magie seiner Worte fasziniert gewesen: "Die Literatur zeigt uns verborgene Seiten der Wahrheit, mit der man seine Geschichte und Identität neu entdecken kann". Auch der Roman "Celestial Bodies", im Arabischen "Frauen des Mondes", handelt von der Vergangenheit. Drei ältere Schwestern erinnern sich an ihre Familiengeschichte in postkolonialer Zeit. "Ich habe großen Respekt vor den Frauen von damals", sagt Alharti. Einer Zeit, in der es nicht üblich war, dass Frauen sich weiterbildeten, und in der sie über etwas verfügen mussten, das vielen jüngeren Frauen heute abhandengekommen zu sein scheint: Selbstlosigkeit und Geduld.

Recherchieren musste Alharthi für ihren Roman in britischen Quellen. Das Sultanat Maskat stand im 19. und 20. Jahrhundert zeitweise unter britischem Protektorat. Unter Sultan Saïd, der von 1932 bis 1970 das Land regierte, waren Rundfunk und Fernsehen verboten, es gab nur drei Schulen im Land, die Analphabetenquote war hoch. Die Isolationspolitik des Sultans ließ das Land in Rückständigkeit verharren. Oman galt als Zentrum des Sklavenhandels, Menschen aus Ostafrika und dem Kongo verschiffte man von dort in die arabisch-islamische Welt: Erst 1970 wurde die Sklaverei abgeschafft, als der heutige Sultan Qabus seinen Vater Saïd stürzte.

In ihrem Roman wagt sich Alharti an das Tabuthema Sklaverei. "Es war ein Versuch zu verstehen, wie die Gesellschaft zu der Zeit gedacht hat. Wie kann ein Mensch einen anderen Mensch versklaven?", sagt die Autorin. Sklaverei habe es ja nicht nur in Oman gegeben, sie sei Teil der menschlichen Geschichte.

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SZ vom 23.05.2019
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