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"Mamma Mia! Here we go again" im Kino:Donna ist tot

Was heißt, dass Meryl Streep in ihrer Rolle als Latzhosen-Feministin schmerzlich fehlt. Und das wiederum ordnet die ganze Welt von "Mamma Mia", diesem audiovisuellen Antidepressivum, komplett neu.

Von Tobias Kniebe

So einfach und direkt wie möglich, raten die Profis von der Krisenintervention. Also nicht: Heimgeholt, verschieden, von uns gegangen. Sondern: Donna Sheridan - Mutter, Pensionswirtin, Latzhosen-Feministin, Gründerin der Girlgroup "Donna and the Dynamos" - ist tot.

Und ja, erstaunlicherweise ist es hier die Aufgabe des Kritikers, diese traurige Nachricht zu überbringen. Der Trailer und die Werbung haben sich noch drumherum gedrückt, obwohl gewisse Befürchtungen da schon geweckt wurden. Der neue Film selbst wiederum überbringt die Nachricht gar nicht, weder groß als Schicksalsschlag noch als fatale Wendung in der Mitte. Er setzt das Furchtbare einfach schon voraus - mit geseufzten Sätzen in der Vergangenheitsform und strategisch platzierten Erinnerungsfotos.

Ein Teil unserer heillos fragmentierten Gegenwart wird nun innerlich aufschreien wie ein altägyptisches Klageweib. Ein anderer Teil wird fragen: Donna wer? Also gut: Die alleinerziehende, unverwüstliche, bei jeder Gelegenheit Abba-Melodien anstimmende Donna Sheridan war nicht nur die Heldin des Films "Mamma Mia!", sondern jene Figur in der langen, gewaltigen Karriere der Schauspielerin Meryl Streep, die von den Zuschauern am meisten Liebe erfahren hat. Liebe von Mädchen jeden Alters und auch von etlichen Jungs. Liebe von allen Abba-Fans. Liebe von mit Cluburlaubern gefüllten Amphitheatern unter freiem südlichen Sternenhimmel. Liebe von Jungesellinnenabschieden, Geburtstagsrunden, Silvesterpartys. Und so fort. "Mamma Mia!", das zeigte sich mit den Jahren, war ein allzeit wirksames, filmgewordenes Glückshormon. Ein audiovisuelles Antidepressivum ohne Verfallsdatum. Ein Phänomen. Und jetzt soll die Party also weitergehen, unter der Regie von Ol Parker, mit "Mamma Mia! Here we go again". Aber als Erstes sieht man Sophie, Donnas Tochter, mit ernstem, ein wenig verhärtetem, von den Unausweichlichkeiten des Lebens gezeichnetem Gesicht. Das Strahlen einer repressionsfreien griechischen Inselkindheit, das die Schauspielerin Amanda Seyfried noch mit erstaunlicher Leuchtkraft durch den ersten Film trug, ist weg. Sophie hadert mit der Tatsache, dass Donna nicht mehr da sein soll. Genau wie wir.

Weil die große Meryl fehlt, zieht zeitgenössischer Fatalismusin das Musical ein

Wie kam es, mal produktionstechnisch gefragt, zu diesem Tod? Die einzig plausible Erklärung ist, dass Meryl Streep keine Lust mehr hatte. Zumindest nicht mehr so richtig. Auch Tote können ja - kleiner Hoffnungsschimmer, wenn man ans Übersinnliche glaubt - in Filmen durchaus noch Auftritte haben. Wurde es Meryl Streep mit der Liebe der Zuschauer zu viel? Litt sie in den letzten zehn Jahren an unheilbarem Abba-Tinnitus? Man weiß es nicht. Was man aber bald merkt: Das Nein der großen Meryl ordnet die ganze "Mamma Mia!"-Welt neu, es grundiert sie geradezu in zeitgenössischem Fatalismus. Manche Dinge passieren eben. Auch wenn sie grässlich sind. Der erste Film kam im Sommer 2008 in die Kinos, kurz darauf wurde Barack Obama Präsident, und alles sah für eine Weile ganz gut aus. Aber ach, nichts ist von Dauer. Nicht mal in Abba-Musicals.

Und so hat Sophie die freundliche Pension auf der griechischen Insel Kalokairi, die Donnas Lebenstraum war, mächtig ausgebaut. Zu einem, wie man im Gastgewerbe sagt, Luxus-Boutique-Hotel. Das soll nun eröffnet werden, okay, sehr gut gegen Depressionen: Party! Aber was ist das? Nicht nur Donna wird fehlen. Wichtige Gäste haben bereits abgesagt, darunter zwei der drei Männer, die Donnas Lover waren und die Sophie als ihre möglichen Väter betrachtet. Bill (Stellan Skarsgård) ist unabkömmlich in Schweden, Harry (Colin Firth) hat wichtige Verhandlungen in Asien.

Bleibt nur Sam (Pierce Brosnan), der als Donnas Witwer sowieso auf der Insel lebt. Er schaut trübsinnig aufs Meer hinaus, der Kummer hat ihm die Schläfen vereist und einen kleinen Bauch wachsen lassen. Als dann auch noch Sophies Verlobter absagt (tolle berufliche Chancen in New York) herrscht endgültig Blues, und die beiden traurigsten Abba-Songs kommen zum Einsatz: "One of Us", wo einer immer weint, und "Knowing Me, Knowing You", wo alles aus ist und schon nichts mehr zu machen.

Man ahnt natürlich, dass es dabei nicht bleiben wird. Was bitte gibt es Wichtigeres, als jetzt auf Kalokairi zu sein! Trotzdem hat man als Zuschauer ein flaues Gefühl im Magen, wie ein früh angereister Partygast, der sich fragen muss, ob überhaupt noch jemand kommt. Zur Ablenkung werden dann erst mal aufwendige Rückblenden angeboten, die zeigen, wie die junge Donna durch Europa tourte und schließlich in Griechenland auf der Insel ihres Lebens ankam. Das funktioniert aber nicht wirklich als Ersatzdroge. Es ist nämlich filmgeschichtlich sehr gut dokumentiert, wie die junge Meryl Streep so aussah und wie sie war. Und die Schauspielerin Lily James, die hier die Aufgabe übernommen hat, die junge Meryl Streep zu spielen, stürzt sich zwar tapfer auf diese Herausforderung, ist aber eben doch ein völlig anderer Typ.

Dann kommt die Sonne durch, "Dancing Queen" ertönt, und der Film kriegt einen doch

Außerdem wird durch diese Rückblenden noch einmal sehr genau gezeigt, wie es sein kann, dass Sophie drei mögliche Väter hat. Eine lustige Prämisse, die aber unlösbar mit gewissen dramaturgischen Notwendigkeiten verknüpft ist: Promiskuität! Ungeschützter Sex! Ungeplante Schwangerschaft! Im Original, das solcher Frivolität einen Großteil seines progressiven Charmes verdankt, wurde die Sache diskret über Donnas Tagebücher abgehandelt. An den entscheidenden Stellen hieß es, unter großem Kindergekicher im Publikum, immer: Punkt, Punkt Punkt ...

Diese hübschen Punkte werden nun alle ausbuchstabiert, und so konkret wollte man es dann vielleicht doch gar nicht wissen. Was auch an den drei jungen Engländern liegt, die nun Harry, Bill und Sam in der Blüte ihrer Jugend (und Zeugungsfähigkeit) verkörpern. Hugh Skinner soll der junge Colin Firth sein, wirkt dafür aber irgendwie zu psychotisch; Josh Dylan als der junge Stellan Skarsgård sieht zwar sehr skandinavisch aus, hat aber erstaunlich eng zusammenstehende Augen, was ihm etwas Sinistres verleiht; und Jeremy Irvine als der junge Pierce Brosnan? Sagen wir es so: In diesen Passagen wächst die Sehnsucht nach der älteren Generation.

Und nach der richtigen Donna, verdammt! Immerhin tauchen Julie Walters und Christine Baranski auf, ihre alten Weggefährtinnen, das hebt schon mal die Stimmung. Dann haben sich auch Colin Firth und Stellan Skarsgård auf ihre wahren Pflichten besonnen, von da an ist es schon fast wie früher, dann kommt die Sonne durch, "Dancing Queen" dröhnt über das Meer, und der Film kriegt einen schließlich doch. Dieser und ein paar andere Abba-Songs ("Super Trouper", "Waterloo", "The Name of the Game") müssen übrigens jedes Mal angestimmt werden, da mag der Songkatalog von Benny Andersson und Björn Ulvaeus noch so groß sein, ohne diese Granaten geht es offenbar nicht.

Der Schluss ist dann wirklich drüber, mit einem großen Moment für Andy García als Hotelmanager Fernando (hört man da nicht schon das glockenhelle Panflöten-Intro des entsprechenden Abba-Songs?) und Cher, die nach ihrer finalen Schönheitsoperation nun exakt so aussieht wie Lady Gaga. Er ist aber auch ein berührender Exkurs über Mütter und Töchter und Tod und Geburt und was man den Kindern so mitgibt und wie die Zeit so vergeht. Und das wäre er nicht, wenn Meryl Streep ihren Millionen Fans einfach nur das gegeben hätte, was sie wollten. Vielleicht ist sie ja doch wirklich die Klügste von allen.

Mamma Mia! Here we go again, UK/US 2018 - Buch und Regie: Ol Parker. Story: Catherine Johnson, Richard Curtis, Parker. Kamera: Robert Yeoman. Schnitt: Peter Lambert. Mit Amanda Seyfried, Lily James, Pierce Brosnan, Colin Firth, Stellan Skarsgård, Christine Baranski, Andy García, Cher. Verleih: Universal, 114 Minuten.

© SZ vom 18.07.2018/bere
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