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Malkovichs "Obrist und Tänzerin":Lebens-Labyrinth

John Malkovich gibt dem politischen Film neue Impulse mit "Der Obrist und die Tänzerin"

Das Kino erzeugt immer wieder die Illusion, es würde uns Geschichten erzählen über die Menschen, die wir auf der Leinwand sehen. Natürlich hoffen wir, in Sugar Kane in "Manche mögen's heiß" irgendetwas über die Traurigkeit von Marilyn Monroe zu entdecken - und am Ende ist es vielleicht doch immer nur Billy Wilders Traurigkeit, von der sie erzählt. John Malkovich ist so gesehen ein extremer Fall, weil die Erkundung seines Innenlebens Gegenstand eines ganzen Films ist. Er hat Charlie Kaufman und den Regisseur Spike Jonze zu "Being John Malkovich" inspiriert. Die Person John Malkovich wird dadurch kein bisschen greifbarer. Er spielt sich selbst - als Fiktion. Und genau das schürt die Neugier auf den ersten Film, den er als Regisseur gedreht hat. Viele Schauspieler wechseln gerade hinter die Kamera; demnächst stehen noch die Regiedebüts von Denzel Washington ("Antwone Fisher Story") und George Clooney ("Confessions of a Dangerous Mind") an. Aber bei John Malkovichs "Der Obrist und die Tänzerin" ist der Reiz halt noch größer: Hier muss sie zu finden sein, die Wahrheit über Malkovich.

(Foto: SZ v. 20.01.2003)

Er hat sich fürs politische Kino entschieden, hat einen sehr engagierten Film gedreht darüber, wie schwer es ist, Integrität zu wahren in einer Welt, die in sich zusammenfällt. Alles fängt an mit einem Hunde-Kadaver, der in der Stadt aufgehängt wurde. "Es lebe Präsident Ezequiel" steht auf dem Schild um seinen Hals. Es folgen brutale Bombenanschläge auf dem Land. Agustin Rejas (Javier Bardem), der bei der Polizei schnell Karriere gemacht hat, beginnt, sich für die Guerilla und ihren Führer Ezequiel, eine geheimnisvolle Gestalt, über die keiner etwas zu wissen scheint, zu interessieren, beginnt, jedem Zitat, das er findet, hinterherzurecherchieren, bis sich Ezequiel für ihn allmählich zusammensetzt aus den Büchern, die er gelesen hat, den Theorien, in denen er sich verfangen hat. Rejas steigert sich hinein in diesen Job - für ihn wird es immer wichtiger, herauszufinden, wer Ezequiel ist, er will ihn verhaften, klar, aber vor allem will er ihn verstehen. Eine Geschichte über Fanatismus ist daraus geworden, über die Gefahr, leidenschaftlich für ein Detail zu kämpfen und dabei Verrat zu begehen an allem anderen, woran man glaubt. Rejas wird sich nie in einer politischen Überzeugung verlieren - sein Problem ist, dass er fanatisch liebt.

Malkovich hat die Geschichte solide inszeniert, hervorragend fotografiert, ohne technische Spielereien, character driven. Er folgt Rejas, nach Hause, wo seine Frau ihm nichts zu sagen hat, und zu der Tänzerin Yolanda, die seine Tochter unterrichtet und in die er sich verliebt. Nicholas Shakespeares Roman "The Dancer Upstairs" über den Leuchtenden Pfad diente als Vorlage. Malkovich hat es geschafft, einen Film über Terrorismus zu machen, dem man auch nach dem 11. September - gedreht hat er ihn vorher - nicht vorwerfen kann, er sei in irgendeine Falle getappt. Das hat mit dem Mut, eine unauflösbare Geschichte zu erzählen. Rejas' Versuche, die Welt zu verstehen, stellt er immer wieder einer brutalen Wirklichkeit gegenüber. Zu den härtesten Szenen gehört sicher die, in der ein Kind in ein Wahllokal geschickt wird, Dynamit an den Körper geschnallt. Es zündet die Bombe mit dem Ruf "Es lebe Präsident Ezequiel".

"Der Obrist und die Tänzerin" ist Costa-Gavras wesentlich näher als Hollywood. Man könnte sogar behaupten: Wer einen solchen Film dreht, muss mit Jerry Bruckheimer - Malkovich war bei "Con Air" dabei - eigentlich ein ziemlich großes Problem haben. Aber ein bisschen schimmert das amerikanische Erbe eben doch durch bei Malkovich. Seine beiden Cops, Rejas und sein Assistent Sucre, geben dieser düsteren Geschichte Humor und Coolness , eigentlich möchte man den beiden sofort zusehen, wie sie den nächsten Fall lösen; nicht gerade ein erklärtes Ziel des politischen europäischen Kinos der Siebziger.

Malkovich schimmert durch in jeder Szene, er ist fast zu spüren und zu hören, wie er mit sanfter Stimme seine Schauspieler anweist. Er muss so ungefähr das Gegenteil von dem vergeistigten Lebemann sein, den er uns in "Being John Malkovich" vormachen wollte. So wie in "Der Obrist und die Tänzerin" setzt er sich jenseits der Leinwand gern in Szene: politisch engagiert, klug, ruhig. Die Rolle des Regisseurs hat er übrigens schon dreimal gespielt: für Antonioni in "Jenseits der Wolken", für Oliveira in "Je rentre à la maison". Und dann war da noch der Murnau in "Shadow of the Vampire". Vielleicht hat er uns diesmal den Costa-Gavras vorgespielt - den ganzen Film nur gemacht, um eine neue Spur zu legen im Labyrinth John Malkovich, die so falsch ist wie alle anderen. Zuzutrauen wäre es ihm. THE DANCER UPSTAIRS, Spanien/USA 2002 - Regie: John Malkovich. Buch: Nicholas Shakespeare, nach seinem Roman. Kamera: José Luis Alcaine. Mit: Javier Bardem, Juan Diego Botto, Laura Morante. Solofilm, 124 Minuten.