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Malerei:Die Fiktion bröckelt

Vor einem Jahr brach "Salvator Mundi" alle Auktionsrekorde: Das Gemälde soll von Leonardo da Vinci stammen. Nun aber tut sich der neue Besitzer, der Louvre Abu Dhabi, schwer mit der Trophäe.

Wo ist er denn nun, der Weltenretter? Vor einem Jahr wurde der "Salvator Mundi" auf einer Auktion bei Christie's für 450,3 Millionen Dollar verkauft. Seither ist das Werk das mit Abstand teuerste je verauktionierte Gemälde, was nur möglich war, weil einige Kenner es für ein originales, wiederentdecktes Werk Leonardo da Vincis halten. Es sollte schon im September im Louvre Abu Dhabi ausgestellt werden, den Termin aber sagte das Museum ab. Nun sieht es so aus, als würde das Bild auch nicht anlässlich des einjährigen Bestehens des Hauses an diesem Sonntag enthüllt. Das Museum schweigt dazu. Die Gründe könnten im Werk selbst liegen: Es mehren sich die Zweifel sowohl an der Autorschaft Leonardos als auch am Zustand der kleinen Holztafel, die manche Experten, die sie im Original gesehen haben, als "Ruine" beschreiben.

Offenbar hatten bei Christie's zwei Kronprinzen unwissentlich gegeneinander geboten, Saudi-Arabiens Mohammed bin Salman und Mohammed bin Zayed aus Abu Dhabi. Wie das Handelsblatt berichtet, dachten beiden irrtümlicherweise, ihr Gegner sei ein Bieter aus Katar. Mohammed bin Salman bekam den Zuschlag, soll dann aber zu Hause unter Druck geraten sein, weil er ein Christusbild als Statussymbol auserkoren hatte. Woraufhin er das Gemälde gegen eine Yacht tauschte und es so Abu Dhabi überließ. Dort jubelte man anfangs über diese Trophäe und wähnte sich im Besitz einer männlichen "Mona Lisa".

Weit gefehlt. Die "Mona Lisa" im Pariser Louvre ist außerordentlich gut erhalten, sie hat eine ordentlich dokumentierte Herkunftsgeschichte mit zwei Schriftquellen noch aus Leonardos Lebzeiten und etlichen posthumen Belegen, und sie ist sowohl in der komplexen Malweise als auch vom Sujet her ein künstlerisches Meisterwerk, wie es nur wenige gibt.

Auf den "Salvator Mundi" trifft nichts davon zu. Es ist höchst fragwürdig, ob Leonardo das Thema überhaupt als Gemälde ausgeführt hat. Es gibt lediglich zwei Zeichnungen von ihm, die mit dem Motiv vage zu tun haben. Zeitgenössische Schriftquellen fehlen. Es fragt sich, wie er das Bild unbeobachtet gemalt haben kann. Immerhin gingen in seinem Atelier die Mittelsmänner hoher Herrschaften wie der Mantuaner Markgräfin Isabella d'Este ein und aus und erstatten ihrer Obrigkeit detailliert Bericht über das Schaffen des Künstlers. Daher ist bekannt, wie schwer er sich zeitweise mit dem Malen tat, aber gleichzeitig seine Mitarbeiter zur Bildproduktion ermutigte. Manchmal veredelte er ihre Arbeiten mit finalen Pinselstrichen.

Lange galt auch der "Salvator Mundi" als Werkstattarbeit. Dann brachte die große Leonardo-Ausstellung der Londoner National Gallery im Jahr 2011 den Meister selbst als Schöpfer ins Gespräch. Obwohl das Gemälde damals Privatleuten gehörte, nahmen die Kuratoren es als Neuentdeckung in ihre Ausstellung auf. Die Beteuerung der Besitzer, es stünde ja gar nicht zum Verkauf, wollten sie gerne glauben.

Dem war natürlich nicht so. Das Stück wurde bereits für dreistellige Millionenbeträge mehreren Museen angeboten. Darunter war die Berliner Gemäldegalerie, die nicht nur wegen des Preises ablehnte, sondern vor allem wegen des sehr schlechten Erhaltungszustandes der Tafel. So wenig originale Farbmasse hatte überlebt, dass sich das Kunstwerk nach Aussage des Museums gar nicht mehr beurteilen, geschweige denn einem Maler zuschreiben ließ.

Das störte das Auktionshaus Sotheby's nicht, das die inzwischen umfangreich restaurierte - um nicht zu sagen: in Teilen neu gemalte - Tafel 2013 in einem Privatverkauf dem Kunstagenten Yves Bouvier vermittelte, vermutlich für 83 Millionen Dollar. Der überließ sie für 127,5 Millionen Dollar dem russischen Oligarchen Dmitrij Rybolowlew. Nach einem Zwist wegen dieser Preisdifferenz landete das Werk schließlich bei Christie's und brach alle Rekorde.

Seither werden die kritischen Stimmen immer lauter. Der in Oxford forschende Kunsthistoriker Matthew Landrus schlägt einen Leonardo-Nachfolger als hauptsächlichen Urheber vor (und erkennt die Handschrift des Meisters nur zu einem kleinen Teil an). Der Leipziger Leonardo-Experte Frank Zöllner hat seine Bedenken gegen die Zuschreibung an den Meister im Kunstmagazin Art kürzlich erneuert. Das Wissenschaftsjournal Art Watch meint, auf Fotos des Werkes von 2011 und 2017 eine weitere Veränderung zu erkennen: Die Gewandfalten auf Höhe der Glaskugel seien in diesem Zeitraum noch einmal angepasst, also übermalt worden, um stimmiger zu wirken. Und schon am Tag nach der Versteigerung postete Thomas Campbell, der frühere Direktor des New Yorker Metropolitan Museum, im Internet ein Foto des heruntergekommenen Gemäldes vor der Restaurierung, versehen mit dem Kommentar: "Hoffentlich kennt sich der Käufer in Restaurierungsdingen aus". Andere Kritiker geben die Schuld an der matten Wirkung der Tafel der Restauratorin Dianne Dwyer Modestini, die das Bild im Auftrag des erstes Käuferkonsortium bearbeitet hatte. Die weist das zurück, betont aber, dass sie nicht wisse, was seither geschehen sei.

Alles deutet daraufhin, dass der Kauf inzwischen auch dem Louvre in Abu Dhabi peinlich ist und man nun verzweifelt nach einer Lösung sucht. Ist das Werk erst ausgestellt, so kann sich die Weltöffentlichkeit von seiner Qualität überzeugen. Unwahrscheinlich ist, dass am Ende der Debatte ein allseits anerkanntes Original Leonardo da Vincis stehen wird. Lange aber wird das Museum in Abu Dhabi nicht mehr schweigen können, denn im kommenden Mai ist Leonardos 500. Todestag. Dann wird das Gesamtwerk des Universalgenies neu verhandelt werden, vorneweg vom Pariser Louvre. Das Museum hat die weltweit beste Sammlung an eigenhändigen Gemälden des Meisters, es wird im Herbst die große Jubiläumsausstellung ausrichten. Dafür war der "Salvator Mundi" auch im Gespräch. Ob es dabei nun bleibt, ist fraglich.

Leonardo ist seit Langem eine Projektionsfigur für die Träume der Moderne. Erst war es seine Technikbegeisterung, dann seine Experimentierfreude, die ihn zum idealen Vorfahren werden ließen. Jetzt also soll er für die Potenzfantasien eines geld- und geltungssüchtigen Marktes herhalten. Diese Fiktion bröckelt nun. Es sind die unbestrittenen, herausragenden Originale des Meisters, die im Vergleich alle Nachbilder armselig aussehen lassen.

© SZ vom 09.11.2018
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