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Mala Emde im Porträt:Die für das bessere Leben

Mala Emde

Mala Emde, 25, spielt, seit sie neun Jahre alt war: "Ich wollte Teil dieser Welt sein."

(Foto: Mathias Bothor)

Traumberuf Schauspielerin? Unbedingt. Aber nicht für jeden Quatsch. Wie Mala Emde durch eine raffinierte Rollenauswahl zum Nachwuchsstar des deutschen Films wurde

Von Kathleen Hildebrand

Mala Emde sitzt im Keller. Hinter ihr ein türloser Schrank, in dem einer dieser Drahtbügel hängt, wie man sie aus der Reinigung mit nach Hause bekommt. Man sieht nicht viel durch das Videokonferenz-Fenster, aber trister kann ein Hintergrund kaum sein.

Trotzdem: Aus dieser dunklen Garderobe des Basler Schauspielhauses kommt in der folgenden Stunde mehr Licht und Leben als dieser ganze Pandemiefrühling bisher zu bieten hatte: Mala Emde lacht, fährt sich durch die Haare, die zu einem wilden Vogelnest-Dutt hochgebunden sind. Sie überlegt, redet, lacht wieder, will sich duzen, weil sie sich so besser unterhalten kann. Erzählt, dass sie gerade die Elena in Tschechows "Onkel Wanja" probt, die Premiere stehe kurz bevor, es ist ihr erstes Theaterstück. Erzählt von den täglichen Corona-Tests ("Mein Nasenloch ist schon taub, ich spür das Stäbchen nicht mehr"). Lässt nicht nur fragen, sondern fragt zurück. Kurz vor Schluss, "ooohhh!", ist ihr Akku fast leer, sie springt auf, um das Kabel zu holen, "sonst kann ich nicht mehr Tschüss sagen".

Diese fröhliche Energie ist nicht unbedingt das, was man erwarten würde, wenn man Mala Emde kennenlernt. Die Rolle, auf die die 25-Jährige bisher abonniert scheint, ist die der schlauen jungen Frau, die, weil sie so schlau ist, auch immer ein bisschen melancholisch wird. Hinter ihren großen braunen Augen passiert immer sehr, sehr viel.

'Und morgen die ganze Welt'

Mala Emde als Antifa-Aktivistin im Film "Und morgen die ganze Welt".

(Foto: Oliver Wolff/dpa)

Mala Emde hat Anne Frank gespielt, im Doku-Drama "Meine Tochter Anne Frank". Im erfolgreichen deutschen Kinofilm "303" spielte sie eine ungewollt schwangere Studentin, die auf einem Roadtrip durch Europa mit ihrem Mitfahrer die großen Themen des Lebens diskutiert. In der ARD-Serie "Charité" spielte sie eine Nazi-Ärztin, der spät die Menschenfeindlichkeit des Systems klar wird. Dann kam die Rolle, mit der sie endgültig zum Nachwuchsstar des deutschen Films geworden ist: die linke Jurastudentin Luisa in "Und morgen die ganze Welt", dem Antifa-Drama von Julia von Heinz. Der Film lief im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig, wurde als deutscher Beitrag für den Auslandsoscar eingereicht. Ins Kino kam er wegen der Pandemie leider nur für vier Tage. Jetzt ist er auf Netflix zu sehen.

Lange klappte nichts, sie war immer Vorletzte bei den Castings

Luisa ist eine typische Mala-Emde-Rolle. Die junge Frau zieht aus ihrem wohlsituierten Adelselternhaus in ein linkes Wohnprojekt. Sie ist idealistisch, nachdenklich und wütend. Bald ist sie außerdem verliebt in den schönen Linksmacho Alfa (Noah Saavedra), der ihr die Tür öffnet zur Radikalisierung. Zum Zerhauen von Nazi-Autos und dann auch zum Nazis-Hauen. Irgendwann muss Luisa sich fragen, wie weit sie zu gehen bereit ist im Kampf für eine bessere Welt - und ob sie sich traut, die Chance auf ein bürgerliches Leben nach dem Studium sausen zu lassen. Weil Mala Emde sie spielt, bleibt Luisa geheimnisvoll. Sie hadert, steht immer ein bisschen abseits von den anderen, auch wenn sie immer mal wieder im schwarz vermummten Pulk verschwindet.

2020 sollte der Film in die Kinos kommen. Statt Kinotour und Premierenpartys kam dann der Lockdown. Mala Emde fuhr aufs Land zu ihren Eltern in Hessen. "Ich hatte vorher so viel gearbeitet, dass ich das erst mal wie ein Geschenk empfunden habe", sagt sie. Sie habe nachgedacht, geschrieben, eigene Kurzfilme gedreht, einen Kinodreh vorbereitet. Kein Sauerteigbrot gebacken? "Guilty!", ruft sie, "yes, I did" und lacht. Aber Sorgen, die gab es schon auch: "Ich hatte Angst, dass unser Job irgendwann einfach nicht mehr existiert."

Dann kam der Anruf: "Und morgen die ganze Welt" wurde nach Venedig eingeladen, die Premiere fand zwischen den Lockdowns vor Ort statt, auf dem roten Teppich. Viel besser geht es nicht. Als sie mit dem Team auf der Fähre zum Lido stand, sagt Emde, "hab ich erst mal angefangen zu heulen". Weil sie als Indie-Film nicht viel Spesengeld hatten, wohnten alle in einer venezianischen Kaschemme, in der es feucht roch. Die "guten Schuhe" - das sind für Mala Emde die bequemen - nahmen sie in Plastiktüten mit zum Festivalpalast. Hingefahren waren sie zusammen im Van, "weil wir alle Nichtflieger sind". Wegen Umwelt? "Wegen Umwelt." Bei all ihrer Heiterkeit vor der Webcam: Mala Emde spricht routiniert das Binnen-I, sagt "SpielerInnen", "FilmemacherInnen". Und, "dass alles, was wir tun, politisch ist". Dass sie den Ruf hat, gesellschaftlich relevante Filme zu machen, gefällt ihr: "Das war immer mein Ziel."

Dieses "immer" ist schon ziemlich lang. Ihre Filmbegeisterung begann früh. Als Kind habe sie nie Zeichentrick geguckt, immer Filme mit richtigen Menschen. Irgendwann, da war sie neun, gab es im Fernsehen ein Making-of im Anschluss an einen Film. "Das fand ich toll", sagt sie, "ich dachte: Ich will in diese Welt." Ihre Eltern sagten, sie könne ja Schauspielerin werden, wenn sie groß sei, aber sie wollte nicht warten, nicht erst etwas werden. Es sollte gleich losgehen. Ein bisschen Hartnäckigkeit brauchte es, dann suchte ihre Mutter ("keine Eislaufmutti!") ihr eine Agentur. Mala Emde ging zu Maria Schwarz in Köln, die auch Daniel Brühl und Elyas M'Barek entdeckt und gefördert hat, später Katharina Schüttler und Jannis Niewöhner. Die gute Kinderstube des deutschen Films.

US-Filme hat sie bereits abgelehnt, weil ihr das Frauenbild nicht passte

Lange klappte gar nichts. Sie sei immer die Vorletzte bei Castings gewesen. Mit 12 ging es dann los. Während des Abis, mit 17, drehte sie "Meine Tochter Anne Frank" von Raymond Ley. "Da hab ich gemerkt: Ich will nicht nur spielen. Ich will auch Schauspielerin sein". Emde ging an die Ernst-Busch-Schauspielschule, obwohl es da schon ziemlich gut für sie lief in Film und Fernsehen. Parallel kamen Drehangebote, ein paar nahm sie an: Eigentlich streng verboten an Schauspielschulen. Sie musste Doppelunterricht machen, um ihre Abwesenheit auszugleichen, "statt zwei Stunden Akrobatik hatte ich dann zum Beispiel vier hintereinander", sagt sie. "Wer den Stundenplan der Ernst Busch kennt, weiß, wie hart das ist." Für "Und morgen die ganze Welt" hätte sie das Studium dann beinahe abgebrochen. Aber irgendwie ging es trotzdem.

Mit Mitte zwanzig kann Mala Emde sich die Rollen jetzt aussuchen. Nach all der Ernsthaftigkeit hatte sie Lust auf eine Komödie, auch das klappte: Bald dreht sie eine Comedy-Serie, die Johannes Boss geschrieben hat, einer der Autoren von "Jerks". Danach kommt ein Kinofilm, über den sie noch nicht sprechen darf. Und dann? Was wäre zum Beispiel, wenn morgen Marvel anriefe und ihr die nächste große Superheldinnenrolle anböte? "Dann guck ich, wie die Geschichte ist, ob mir die Frauenbilder passen und ob die Leute cool sind, mit denen ich arbeiten würde." Ganz abwegig ist das Szenario offenbar nicht, Emde sagt auch noch, dass sie schon einige amerikanische Projekte abgelehnt hat. Eben weil ihr das Frauenbild darin nicht passte.

Aus der ganz linken Szene, in der "Und morgen die ganze Welt" spielt, kam die schärfste Kritik an "Und morgen die ganze Welt". Was vielen nicht gefiel, war die heteronormative Liebesgeschichte zwischen Luisa und Alfa, die, zumindest am Anfang, klassische Rollenklischees bedient: Der kämpferische junge Mann rettet die unerfahrene junge Frau. Sie hätten im Team viel darüber gesprochen, sagt Emde. Vor dem Dreh und auch danach, es gab Änderungen am Skript, auf die sie gedrängt habe. Aber: "Ich finde es überhaupt nicht verwerflich, im Film weiterhin heteronormative Geschichten zu erzählen. Aber eben nicht nur." Die Lösung könne ja nicht sein, dass nur noch unfehlbare Frauen im Film gezeigt würden. "Was für einen Druck machen wir uns da? Halleluja, wir machen uns eh schon ständig viel zu viel Druck. Ich verhalte mich auch nicht immer perfekt feministisch, sondern habe Momente, wo ich in alte Rollenmuster reinfalle."

Kurz ist man ein bisschen erleichtert über diese Großzügigkeit der Frau, die im deutschen Film gerade wie keine andere für den Kampf für die bessere Welt steht, mit all den Schwierigkeiten und Grautönen, die der mit sich bringt. Dann steckt sie das Ladekabel in ihren Laptop, sagt "Tschüss" und geht weiter "Onkel Wanja" proben. Der Basler Keller ist wieder Keller, ist aber gerade sehr gut durchgelüftet worden.

© SZ
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