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Maintenance Art:Streik

Die Pionierinnen der "MaintenanceArt" adelten Schmutz- und Hausarbeit zur Performance-Kunst.

Von Catrin Lorch

Was einem die Revolution so richtig vermiesen kann ist die Frage, wer am Montag danach den Müll abholt." Diese Feststellung der Künstlerin Mierle Laderman Ukeles war mehr als eine Beobachtung, sie war Ausgangspunkt eines Werks, das sich als "Maintenance Art" in den Siebzigerjahren in aller Konsequenz entfaltete, weit abseits der etablierten Kunstorte. Der Satz stammt aus dem "Manifesto for Maintenance Art", das die Künstlerin nach der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1969 veröffentlichte und in dem sie nach dem Wert von alltäglichen Routine- und Instandhaltungsarbeiten fragte, die vor allem Frauen vorbehalten waren und weder die Aufmerksamkeit noch die Wertschätzung der Gesellschaft erfuhren.

Als "Instandhaltungskünstlerin" beschloss Mierle Laderman Ukele damals, ihre tägliche Hausarbeit "zu performen" ("Meine Arbeit wird mein Werk sein."). Eine ihrer gewaltigsten Arbeiten wurde "Touch Sanitation" (1977-80) für das sie die erste und einzige offizielle Artist-in-residence der Stadtreinigung in New York wurde. Elf Monate lang besuchte die Konzeptkünstlerin jeden einzelnen der 8500 Straßenreiniger und Müllmänner Manhattans am Arbeitsplatz, ahmte ihre Arbeitshandlungen nach und dankte ihnen mit den Worten "Danke, dass Sie New York City am Leben erhalten".

Lee Lozano stieg mit ihrem "Dropout Piece" aus dem Kunstbetrieb aus

Die dreißig Fotografien, die den Handschlag und die Gesten der jungen Frau dokumentieren, sind derzeit im Düsseldorfer Museum K21 zu sehen. Die Ausstellung "I'm not a nice girl!" mit Arbeiten von frühen, feministischen Konzeptkünstlerinnen ist eine der seltenen Gelegenheiten, das Werk einer Generation von Künstlerinnen zu erleben, die heute zwar in der jüngeren Kunstgeschichte als ungeheuer einflussreich anerkannt sind, deren Werke aber nur selten ausgestellt werden, die lange darauf warten mussten.

"Ich nehme nicht an, dass Du den Mut oder die Unverfrorenheit hättest, mich jemals wieder um Rat oder Unterstützung zu bitten, aber eines solltest Du wissen: Wenn Du es tätest, wäre meine spontane Reaktion wahrscheinlich ziemlich blutrünstig", schrieb die Kuratorin Lucy Lippard im Jahr 1972 wütend an den Kurator Harald Szeemann, der gerade die siebte Documenta vorbereitete und sich bei der Amerikanerin zwar eine Liste mit den Namen von Künstlerinnen hatte zusammen stellen lassen, sich allerdings "kaum die Mühe gemacht" habe, "auch nur ein paar Frauen (wenn überhaupt) im Atelier zu besuchen".

Die an diesem Wochenende eröffnete Ausstellung mischt nun virtuos solche Funde aus Archiven mit den Werken von Künstlerinnen wie Eleanor Antin, Adrian Piper, Hanne Darboven und Lee Lozano, die in aller Konsequenz ihre Arbeiten mit konzeptuellen Lebensentwürfen verbanden. Am radikalsten war dabei vermutlich Lee Lozano, die nicht nur immer wieder die traditionelle Malerei auf ihre Tauglichkeit überprüfte (und aufgab), sondern an einer alle Bereich des Lebens umfassenden Revolution arbeitete. Mit Folgen, die für die Entwicklung ihrer Karriere nicht unbedingt förderlich waren: Ihr "General Strike Piece" begann Lee Lozano im Februar 1969. Es bestand im Boykott der New Yorker Kunstszene, wenige Monate später stieg sie mit dem "Dropout Piece" ganz aus dem Kunstsystem aus. Ihren im Jahr 1971 gefassten Entschluss, Frauen zu boykottieren, hielt sie bis auf wenige Ausnahmen bis an ihr Lebensende durch. Und obwohl die Anleitung die Forderung enthielt, "Lucy Lippards 2. Brief unbeantwortet auf den Außer-Betrieb-Haufen" zu werfen, attestierte die Kuratorin der Künstlerin mit ihren "außerordentlichen und exzentrischen konzeptuellen Werken gelebter Kunst" eine der "führenden weiblichen Persönlichkeiten" in der Konzeptkunst der Sechzigerjahre in New York zu sein.

Doch blieb deren Erfolg weit hinter dem der männlichen Kollegen zurück. Im Archiv hat sich ein Brief an Kasper König erhalten, in dem Lee Lozano kühl ihre "finale finanzielle Krise" feststellt. Bald werde ihr der Strom abgestellt, danach werde sie wohl wegen ausstehender Mietzahlungen aus dem Loft fliegen. Nach schwierigen Kooperationen mit Galerien sei auch ihre Verpflichtung als Lehrerin in Halifax nicht unkompliziert gewesen, wo sie - auch das ein Konzept- mit den Studenten in drei verschiedenen Zustandsformen gesprochen habe: nüchtern, stoned nach Genuss von Marihuana und, drittens, nach dem Gebrauch von Acid.

Künstler haben mehr zu bieten, als Waren, die sich nur wenige Sammler leisten können

Während die Gemälde von Lee Lozano inzwischen auch in die Sammlungen bedeutender Museen eingingen, ist von vielen anderen Konzepten wenig erhalten. Dabei sind gerade die Performances und Dienstleistungen (Laderman Ukeles kehrte beispielsweise nach Vernissagen eigenhändig den Bürgersteig) besonders wichtig für die nachfolgenden Generationen von Künstlern und Künstlerinnen, für die Entwicklung der Institutionskritik und einem Verständnis von Kunst als Dienstleistung. Wobei nicht alle dokumentierenden Fotografien und Filme so attraktiv sind, wie der in der Ausstellung projizierte Film "Funk Lessons" aus den frühen Achtzigerjahren. Der zeigt, wie die Künstlerin Adrian Piper sich nach Abschluss ihres Philosophie-Studiums in Harvard systematisch mit der Geschichte afroamerikanischer Funk- und Soulmusik beschäftigt, indem sie präzise mit Schultern und Kopf rollt.

Die von Isabelle Malz kuratierte Ausstellung gerade in der Kombination aus Archivmaterial und Konzeptkunst ist eine seltene Gelegenheit, einer Kunst in einem Museum zu begegnen, die einst vorsätzlich aus Sammlungen, Depots und Ausstellungshäusern ausgezogen war. Dass die Gesellschaft trotz der Ansage dieser Künstlerinnen hartnäckig bis heute eine marktkonforme Kunst bevorzugt, ist erstaunlich. Die Erkenntnis, dass Künstler mehr zu bieten haben, als Waren, die sich nur wenige Sammler leisten können, dass sie bereit sind, sich auch einfach nützlich zu machen, sollte nicht als historische Position, sondern als aktuelle Ansage verstanden werden.

I'm not a nice girl. K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. Bis 17. Mai. Info: www.kunstsammlung.de.

© SZ vom 18.01.2020
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