Mahnmal Les Milles in Frankreich:Unwille, sich zu erinnern

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Entsprechend war der Unwille in der Region nach dem Krieg, sich daran zu erinnern. Die Ziegelfabrik nahm den Betrieb wieder auf und übertünchte die Spuren mit gesteigerter Produktionskraft. Als im Jahr 1983 ein Nebengebäude mit erhaltenen Freskenzeichnungen der Häftlinge abgerissen werden sollte, regte sich aber Widerstand. "In der jüdischen Gemeinde der Region reagierte man auf unsere Appelle mit Ratlosigkeit", erinnert sich der Soziologe Alain Chouraki, heute Vorsitzender der Stiftung Camp des Milles: Es handelte sich vorwiegend um ehemalige Algerien-Franzosen, die wenig direkte Erfahrung mit der Shoa und keine klare Vorstellung von Les Milles hatten.

Der Freskensaal konnte gerettet werden und gegen diffuse Widerstände reifte auch das Projekt, am Ort eine Gedenk- und Lehrstätte einzurichten. Unterstützt wurde es von Persönlichkeiten wie Simone Veil, Elie Wiesel, Robert Badinter, Serge Klarsfeld. Das Gründungsteam um Alain Chouraki wollte den Ort weder einem der bestehenden Museen von Aix-en-Provence überlassen, noch den europaweit schon zahlreichen Mahnmalen einfach ein neues hinzufügen. Anders als bei Lagern, in denen Zwangsarbeit, Folter und Vernichtung praktiziert wurde und die deshalb heute Schweigen verlangen, seien im Lager von Les Milles mit seiner starken Künstlerpräsenz auch Lesungen, Musik- und Theateraufführungen denkbar, findet Chouraki.

Die nach dem Ende der Ziegelproduktion 2006 von der "Fondation du Camp des Milles - Mémoire et Éducation" vorbereitete und heute eingeweihte Institution ist originell vor allem durch ihre gesellschaftspolitische Zielsetzung. In einer Region, in der Ausgrenzung, Fremdenhass und die Ideologie des Front National seit Jahren Verbreitung findet, sieht man sich in Les Milles verpflichtet, historische Parallelen zu ziehen. Neben dem pädagogisch-historischen Teil und dem Gedächtnisteil mit den praktisch unveränderten Räumlichkeiten werden auf den fünfzehntausend Quadratmetern des Gebäudes in einem dritten Teil mit soziologischen Fachbegriffen allgemeine Gesellschaftsprozesse thematisiert. Krisenangst, Ressentiment, die Entstehung von Feindbildern, Diskriminierung und der Widerstand dagegen kommen zur Darstellung. Vier Völkermorde werden exemplarisch vorgeführt, jener an den Armeniern, den Juden, den Zigeunern und den Tutsis in Ruanda.

Keine stumme Betroffenheit zum Ausklang

Die Präsentation vollzieht sich in dem von Pierre Bourdieu her bekannten Dilemma zwischen Wissenschaftsanspruch und politischem Engagement. Aus der soziologisch minutiösen Situationsbeschreibung springt die Argumentation in die Perspektive von Handlungsaufruf und politischer Debatte, mit der problematischen Doppelvoraussetzung, dass laut Brechts Formel der Schoß fruchtbar noch sei, aus dem das kroch, dass andererseits aber besseres Wissen das Übel in der menschlichen Natur abwenden könne. Chouraki, der seine Forschertätigkeit als Soziologe mit der Erforschung der Gewerkschaftskämpfe begann, steht zu diesem Dilemma. Er verweist auf die Grundbotschaft seiner Ausstellung. Nicht mit stummer Betroffenheit klingt sie aus, sondern mit Beispielen, wo der Widerstand geholfen hat.

Die Verbindung zum aktuellen Widerstand französischer Solidaritätsvereinigungen gegen die gewaltsame Räumung von improvisierten Roma-Lagern, die nach Sarkozy auch unter den Sozialisten, wenn auch etwas weniger rabiat, fortgeführt wird, mag in Les Milles explizit aber keiner ziehen. Dies schon gar nicht gegenüber dem angereisten Regierungschef. Auf keinen Fall will man die Analogien strapazieren. Lager, in welche die einen gewaltsam gesteckt wurden, und Lager, aus denen andere vertrieben werden, spiegeln unterschiedliche Realitäten, haben aber vergleichbare Wurzeln. Die Aktualisierung von Geschichte, die in Les Milles versucht wird, stößt hier an ihre Grenzen.

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