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Mahnmal Les Milles in Frankreich:Wo der Widerstand geholfen hat

Zwischen Wissenschaft und politischem Engagement: An diesem Montag wird in Frankreich das ehemalige Internierungslager Les Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Doch die Aktualisierung von Geschichte stößt hier an ihre Grenzen.

Im Brennspiegel des Internierungslagers Les Milles frisst die Geschichte ein Loch ins Bild der République. Wahrscheinlich war deshalb die Herrichtung dieses Orts zur Gedenkstätte so langwierig. Als Jacques Chirac 1995 als erster französischer Präsident die Politik des État français unter Pétain in die Kontinuität der Dritten Republik stellte, war die Bemühung um dieses einzige noch erhaltene unter Frankreichs großen Internierungslagern schon seit zwölf Jahren im Gang. Es sollte dann weitere 17 Jahre dauern. Nun ist es so weit. An diesem Montag wird im Beisein des Premierministers Jean-Marc Ayrault das Camp des Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Die Aufarbeitung von Vichy geht weiter voran. In zwei Wochen soll auch im Pariser Vorort Drancy, wo einst die Züge nach Auschwitz abfuhren, ein vom Schweizer Architekturbüro Diener & Diener entworfenes Mahnmal als Außenstelle des Pariser Mémorial de la Shoah eröffnet werden.

Gelände von Les Milles

Ein Wagen, der während des Zweiten Weltkrieges für die Deportation von Juden benutzt wurde, fotografiert im Juli 2012 auf dem Gelände von Les Milles.

(Foto: AFP)

Die Bedeutung des Camp des Milles bei Aix-en-Provence liegt in der Komplexheit seiner Geschichte. Es war nicht nur ein Durchgangsort für die Juden vor dem Abtransport nach Drancy, sondern diente seit September 1939 schon in der Dritten Republik als Internierungslager. Nach Kriegsausbruch galt in Frankreich Meldepflicht für Männer aus Deutschland und dessen Bündnisstaaten. In der Mehrzahl waren das überzeugte Antifaschisten. Dennoch wurden viele von ihnen zeitweise interniert.

In der ehemaligen Ziegelfabrik von Les Milles kamen besonders viele Künstler und Intellektuelle zusammen, teilweise aus dem südfranzösischen Exilantenort Sanary-sur-Mer. Die Maler Max Ernst und Hans Bellmer, die Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz Hessel, Golo Mann, Alfred Kantorowicz, Theaterleute, Musiker, Architekten, Wissenschaftler wie Otto Meyerhof, Nobelpreisträger für Medizin, waren unter ihnen. Die Erfahrungen dieser Internierungszeit mit ihrer Mischung aus Hunger, Gedränge, Hitze und Kälte, Krankheit, Langeweile, Angst und überall Staub sind in Zeichnungen und Texten sowie in zahlreichen Mauerinschriften am Ort festgehalten worden.

"Wie viel Prozent Hoffnung geben Sie uns?"

Mit improvisierten Konzerten, Theateraufführungen und Vorträgen versuchten die Häftlinge sich abzulenken. Die meisten mühten sich mit allen Mitteln ab, die nötigen Ausreisepapiere von Marseille nach Amerika zu bekommen, wie Anna Seghers im Roman "Transit" es später beschrieb. "Heben Sie ein wenig unsere Stimmung, wir sind alle ganz down" - so wurde Feuchtwanger laut seinem Erinnerungsbuch "Der Teufel in Frankreich" bei seiner Ankunft in Les Milles begrüßt. "Ja, lieber Feuchtwanger, wir brauchen Mut heute", legte Hasenclever nach, "wie viel Prozent Hoffnung geben Sie uns?" Die Hoffnung hat den verzweifelten Hasenclever dann nicht mehr retten können. Im Juni 1940 nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der Deutschen im Lager von Les Milles das Leben. Berühmtheit erlangte im allgemeinen Chaos nach der französischen Kapitulation auch ein aus dem Lager auslaufender "Geisterzug" mit zweitausend Häftlingen, der fünf Tage lang ziellos durch Südfrankreich irrte und dann in einem Zeltlager bei Nîmes endete.

Unter Pétain wurden die kleineren französischen Internierungslager geschlossen und die Insassen in sieben große Lager vorab für Oppositionelle und ausländische Juden zusammengefasst. Les Milles gehörte neben Gurs und Le Vernet dazu. Im August und September 1942 wurde Les Milles schließlich Sammellager für die jüdische Deportation. Zweitausend Männer, Frauen und Kinder brachen von dort nach Drancy und Rivesaltes und weiter in die nationalsozialistischen Vernichtungslager auf. In vorauseilendem Gehorsam hatte die Regierung Laval den deutschen Behörden angeboten, auch Minderjährige unter 16 Jahren auszuliefern. Dies alles geschah vor der deutschen Besetzung der Südzone im November 1942, nach der das Lager geschlossen und als Munitionslager für die Wehrmacht genutzt wurde.

Unwille, sich zu erinnern

Entsprechend war der Unwille in der Region nach dem Krieg, sich daran zu erinnern. Die Ziegelfabrik nahm den Betrieb wieder auf und übertünchte die Spuren mit gesteigerter Produktionskraft. Als im Jahr 1983 ein Nebengebäude mit erhaltenen Freskenzeichnungen der Häftlinge abgerissen werden sollte, regte sich aber Widerstand. "In der jüdischen Gemeinde der Region reagierte man auf unsere Appelle mit Ratlosigkeit", erinnert sich der Soziologe Alain Chouraki, heute Vorsitzender der Stiftung Camp des Milles: Es handelte sich vorwiegend um ehemalige Algerien-Franzosen, die wenig direkte Erfahrung mit der Shoa und keine klare Vorstellung von Les Milles hatten.

Der Freskensaal konnte gerettet werden und gegen diffuse Widerstände reifte auch das Projekt, am Ort eine Gedenk- und Lehrstätte einzurichten. Unterstützt wurde es von Persönlichkeiten wie Simone Veil, Elie Wiesel, Robert Badinter, Serge Klarsfeld. Das Gründungsteam um Alain Chouraki wollte den Ort weder einem der bestehenden Museen von Aix-en-Provence überlassen, noch den europaweit schon zahlreichen Mahnmalen einfach ein neues hinzufügen. Anders als bei Lagern, in denen Zwangsarbeit, Folter und Vernichtung praktiziert wurde und die deshalb heute Schweigen verlangen, seien im Lager von Les Milles mit seiner starken Künstlerpräsenz auch Lesungen, Musik- und Theateraufführungen denkbar, findet Chouraki.

Die nach dem Ende der Ziegelproduktion 2006 von der "Fondation du Camp des Milles - Mémoire et Éducation" vorbereitete und heute eingeweihte Institution ist originell vor allem durch ihre gesellschaftspolitische Zielsetzung. In einer Region, in der Ausgrenzung, Fremdenhass und die Ideologie des Front National seit Jahren Verbreitung findet, sieht man sich in Les Milles verpflichtet, historische Parallelen zu ziehen. Neben dem pädagogisch-historischen Teil und dem Gedächtnisteil mit den praktisch unveränderten Räumlichkeiten werden auf den fünfzehntausend Quadratmetern des Gebäudes in einem dritten Teil mit soziologischen Fachbegriffen allgemeine Gesellschaftsprozesse thematisiert. Krisenangst, Ressentiment, die Entstehung von Feindbildern, Diskriminierung und der Widerstand dagegen kommen zur Darstellung. Vier Völkermorde werden exemplarisch vorgeführt, jener an den Armeniern, den Juden, den Zigeunern und den Tutsis in Ruanda.

Keine stumme Betroffenheit zum Ausklang

Die Präsentation vollzieht sich in dem von Pierre Bourdieu her bekannten Dilemma zwischen Wissenschaftsanspruch und politischem Engagement. Aus der soziologisch minutiösen Situationsbeschreibung springt die Argumentation in die Perspektive von Handlungsaufruf und politischer Debatte, mit der problematischen Doppelvoraussetzung, dass laut Brechts Formel der Schoß fruchtbar noch sei, aus dem das kroch, dass andererseits aber besseres Wissen das Übel in der menschlichen Natur abwenden könne. Chouraki, der seine Forschertätigkeit als Soziologe mit der Erforschung der Gewerkschaftskämpfe begann, steht zu diesem Dilemma. Er verweist auf die Grundbotschaft seiner Ausstellung. Nicht mit stummer Betroffenheit klingt sie aus, sondern mit Beispielen, wo der Widerstand geholfen hat.

Die Verbindung zum aktuellen Widerstand französischer Solidaritätsvereinigungen gegen die gewaltsame Räumung von improvisierten Roma-Lagern, die nach Sarkozy auch unter den Sozialisten, wenn auch etwas weniger rabiat, fortgeführt wird, mag in Les Milles explizit aber keiner ziehen. Dies schon gar nicht gegenüber dem angereisten Regierungschef. Auf keinen Fall will man die Analogien strapazieren. Lager, in welche die einen gewaltsam gesteckt wurden, und Lager, aus denen andere vertrieben werden, spiegeln unterschiedliche Realitäten, haben aber vergleichbare Wurzeln. Die Aktualisierung von Geschichte, die in Les Milles versucht wird, stößt hier an ihre Grenzen.

© SZ vom 10.09.2012/ihe
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