"Magic Life" von Bilderbuch Kein versteifter Art-Pop, sondern die beste Musik zur Zeit

Maurice Ernst ist dafür wirklich funky. "Ich brauch mehr Power für meinen Akku" oder die noch einen Tick fantastischere Zeile "Baby, leih mir deinen Lader" serviert er, außenrum verziert mit "Ahs" und "Uhs", wie ein versierter Michael-Jackson-Imitator, der zu klug und zu bescheiden ist, um es zu übertreiben, aber doch bekifft genug, um einen Heidenspaß dabei zu haben: "Babyleihmideinladdah!" Perfekt.

Der verspielte Dadaismus und der zart schmierige Slacker-Stil der Band - es werden weiße Latzhosen, blondierte Haare und übergroße Mäntel zu Goldkettchen und Brusthaar getragen - ist dabei nicht bloß ironisches Rollenspiel. Die Grundstimmung ist eher angespannt-melancholisch, was das Album auf cleverste Art erwachsen und vielschichtig klingen lässt. Dabei wird's nie steif-verkopfter Art-Pop, man bleibt immer locker in den Knien. Oder wie es in "Investment 7" heißt: "Der Prosecco prickelt sich / durch den Verstand / Und nimmt meine Hand."

Diese Platte, die einem immer noch einen neuen guten Song zwischen die Ohren zaubert, ist die beste Musik zurzeit. Gratis-Nostalgie gibt's bei Wiener Nachbarn wie Voodoo Jürgens oder Wanda. Bilderbuch schaukeln einem mit dem Autotune-Robo-Flattern, dem Lieblings-Stimm-Effekt des Mainstream-Pop, lieber mitten in die Untiefen des Magic Life, ohne Rückfahrkarte auf die bequeme Retro-Couch, bye, bye: "Hey, Monika-a / sag es einmal noch zart / sag leise baba." Wie dieses "Baba" ja überhaupt die allergelungenste Art des Abschiednehmens ist. "Bye, bye" ist ja immer entweder zu lapidar oder zu schadenfreudig. "Baba" ist dagegen so schön beiläufig-fatalistisch.

Der letzte Song "Sneakers4Free" ist dann als ebenso furchterregender wie maximal lässiger Tagtraum aus der Mitte dessen, was der Philosoph Gernot Böhme jüngst "ästhetischen Kapitalismus" genannt hat, so etwas wie der heimliche Höhepunkt der Platte. Der ästhetische Kapitalismus hat es ja geschafft, auch den überflüssigsten Konsum nützlich zu machen. Er ist zum Rohstoff der Selbstinszenierung geworden.

Maurice Ernst braucht für diese Monströsität bloß ein paar Zeilen über das Betreten eines Einkaufszentrums: "Die Alten sagen, nichts im Leben ist for free / Ich will's nicht glauben, seh da drin keinen Sinn, ich bin so high wie nie / Türen aus Glas / Sehen mich kommen / Machen sich auf /Slideshow / Slideshow / Und da steht sie / Dieses sweet thing / Die Verkäuferin / Ja, ja, die Verkäuferin / Sie sagt / Für dich ist alles gratis, alles ist gratis / Ich fühl' mich so gratis." Wow.

"Verkäuferin" spricht Maurice Ernst dabei amerikanisch aus, mit dem "R", bei dem die Zunge hinten im Hals steckt, wie in "right". "Gratis" aber natürlich nicht. Es läuft einem kalt den Rücken herunter, während es ums Herz ganz warm wird.

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Österreich

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