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Märchen:Das Hotel zum dicken Fell

Albert Wendt: Das tanzende Häuschen. Jungbrunnen 2015. 94 Seiten, 12,95 Euro.

"Das tanzende Häuschen" - Albert Wendts neueste märchenhafte Erzählung lässt ein kleines Mädchen in einem besonderen Hotel zwischen seltsamen Tiere stranden.

Von SIGGI SEUSS

Eine ganze Menge Charakterköpfe - samt Holz- und Schafsköpfen - treffen in Albert Wendts neuer Erzählung Das tanzende Häuschen zusammen, im Null-Sterne-Hotel gleich neben dem Bahndamm und in der Nähe des siebenstöckigen Hauses - einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt.

Und trotzdem hätten Hühnchen, Hähnchen und bunte Kuh aus dem Märchen Das Waldhaus der Brüder Grimm keine Chance, die kleine tapferzarte Heldin Tine Pellerine ins Kreuzverhör zu nehmen, um ihre Tugenden zu prüfen ("tapferzart" - das ist übrigens eines der poetisch-altmodischen Worte der an poetischen Wortbildern reichen Geschichte). Nein im "Hotel zum dicken Fell" sind alle willkommen, die irgendwie gestrandet sind in diesem komplizierten Leben. Tine Pellerine etwa, steht eben auf dem Bahnhofsvorplatz im Regen, klein und dünnhäutig - aber "nicht zimperlich", wie sie betont. Darin ist sie Betti Kettenhemd aus einer von Wendts früheren Erzählungen sehr ähnlich. Tine Pellerine ist von ihrem Onkel, bei dem sie wohnt, während ihre Mutter in der Fremde arbeitet, ausgebüxt, starrt nun auf die Bahnhofsuhr und wünscht sich, die Zeiger mögen sich schneller drehen, damit die zwei Wochen bis zur Rückkehr der Mutter wie im Fluge vergingen.

Albert Wendts gleichnis- und märchenhafte Erzählung ist kein Waldhaus-Verschnitt mit einfacher moralischer Botschaft. Dafür geht es im tanzenden Häuschen - das Haus hüpft und tanzt, wenn ein Zug vorüberrattert - viel zu verrückt zu. Und trotzdem ist die Geschichte ein lebenskluges und pfiffiges Loblied auf das, was Menschen in Nöten - kleine wie große - immer brauchen: Wärme, Fürsorge, Verständnis, Vertrauen. Natürlich verstehen kleinere Kinder nicht alle die augenzwinkernd und mit leichter Hand gestreuten Metaphern des Schriftstellers, aber Tine Pellerine und die Leser fühlen sich geborgen unter der Obhut der Hotelchefin, eines alten Kamels. Und das, obwohl in manchen Zimmern wirklich schräge Vögel wohnen, Dickhäuter, Pelztiere und Zottelmonster. Zudem haust in der Nachbarschaft der schrecklich selbstgefällige Mops Dreibein im Müll. Der würde gerne Leitwolf sein und sein Frauchen aus besseren Kreisen vergessen. Dem Himmel sei Dank gibt es auch freundliche Geschöpfe, wie die freiheitsliebende Ginsterkatze Klarinette und den Gepäckträgerbären Brim-brim. Der Bär leidet furchtbar unter dem Glauben, er habe keinen "Mimm" - Entschuldigung: Mumm -, weil jedes "u" aus seinem Munde wie ein "i" klingt.

Fürsorglichen und liebenswerten Wesen wie Madame Kamel, Brim-brim, der Ginsterkatze und einem geheimnisvollen Regenkönig verdankt Tine Pellerine das Überleben in krisengeschüttelter Zeit. Noch weiß das empfindsame Mädchen nicht, dass die Zeit eine alte Muhme ist, die auf dem Dachboden des Hotels in einem verstaubten Sessel sitzt und sich gelegentlich zu einem Tänzchen verführen lässt, bei dem vielleicht, aber nur vielleicht, ein kleiner Hüpfer genügt, um die Bahnhofsuhr schneller vorwärts laufen zu lassen.

Erstaunliches geschieht im und um das tanzende Häuschen herum. Eigentlich muss man nicht einmal bis zum Himmel gucken. Es genügt, wenn man neben dem Kaminkehrer auf dem Dach des siebenstöckigen Hochhauses am Bahnhof sitzt und einem Mops dabei zuguckt, wie er eben einen Höhenflug beendet, der für ihn so etwas wie ein achtfacher Pfad der Erleuchtung hätte werden können - wenn man das Dachgeschoss dazu zählt. (ab 9 Jahre)

© SZ vom 24.07.2015
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