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Gleichberechtigung:Die Krise der Männlichkeit ist kein Stahlarbeiterproblem

Womit wir bei dem anderen wichtigen Text wären. Der junge britische Journalist Jack Urwin macht in seinem kürzlich erschienenen Buch "Boys don't cry" nämlich eben diese Vorstellungen von Männlichkeit als Problem aus. Männern werde von Kindesbeinen an beigebracht, "männlich" zu sein bedeute, keinen Wert auf soziale und emotionale Kompetenzen zu legen. Urwin ist für die Debatte über das Männerbild das, was Laurie Penny für den Feminismus ist. Ein Pop-Aktivist, flapsig im Stil, aber immer verständlich. Oft redundant, aber immer von bestechender Klarheit. Das Männerbild unserer Gesellschaft sei ein vererbtes Leiden, schreibt er. Männer würden von Männern aufgezogen, die emotional nicht kommunizieren können. Und das vergifte nicht nur das Leben der Männer selbst, sondern auch aller Menschen, die mit ihnen in einer Beziehung stehen: Partner, Kinder, Freunde. Im englischen Original trägt Urwins Buch den Untertitel "Surviving Modern Masculinity". Und genau darum geht es: ums Überleben.

Risikobereitschaft ist für Urwin ein Symptom toxischer Männlichkeit. Männer gehen größere Risiken ein als Frauen, weil Risikobereitschaft eine gesellschaftlich tief verankerte männliche Eigenschaft ist - auch wenn sie auf Kosten des eigenen Lebens geht. "Toxische Männlichkeit", schreibt Urwin, "erwächst im Grunde aus der Angst vor Entmannung, die als das Schlimmste gilt, was einem Mann passieren kann, so schlimm, dass wir den Tod in Kauf nehmen, um sie zu vermeiden. Es gibt kein echtes Äquivalent dafür bei Frauen. Warum? Weil sie in der Hierarchie schon ganz unten sind. Männer fürchten Entmannung, weil sie damit ganz nach unten fallen und den Frauen gleich werden."

Die Angst als große und am Ende vielleicht einzige Triebkraft menschlichen Handels, da taucht sie wieder auf. Angst vor der Arbeitslosigkeit, Angst vor dem Bedeutungsverlust, Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg. Es geht hier um Männer, die nicht mehr da stehen, wo sie einst standen. Und die deshalb das Gefühl haben, dass man ihnen etwas weggenommen haben muss. Ihre Antwort ist der Rückzug in die Opferrolle und die Besinnung auf eine traditionelle Vorstellung von Männlichkeit.

Die Remaskulinisierung ist überall zu spüren - auch auf ZDFneo

In der Debatte über die Krise des Mannes geht es nicht nur um Geschlechterrollen. Dahinter steckt die grundsätzliche Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Und während das eine Lager hartnäckig die Leistungsfähigkeit des Mannes als höchstes Gut in der Leistungsgesellschaft unterstreicht und sich dabei auf alte Tugenden beruft, strebt die progressive Position nach einer Verbesserung des Zusammenlebens aller, indem der Mann eben nicht auf seine aktiv-produktive Rolle reduziert wird.

Die Krise der Männlichkeit ist kein Stahlarbeiterproblem. Die Remaskulinisierung ist überall zu spüren. Auf den wildmännischen Zeitschriftencovern am Bahnhofskiosk. In den holzvertäfelten Barbershops der Großstädte. Und, gemäßigter wohl, auf ZDFneo. Dort sah man kürzlich in der Talkrunde Schulz & Böhmermann, wie tief das Gefühl der männlichen Verunsicherung sitzt. So tief nämlich, dass selbst ein Anti-Macho-Mann wie Olli Schulz in einer Runde zum Thema Sexismus fragt, ob er denn jetzt noch einen Pimmelwitz machen dürfe - oder ob das sexistisch sei. Dabei ist das Problem gar nicht der Pimmelwitz.

Das Problem liegt vielmehr in diesem gefühlten Verbot, darin, dass Schulz glaubt, er dürfe jetzt keine Pimmelwitze mehr machen, weil es ihm irgendeine höhere moralische und politisch korrektere Instanz untersagen würde. Natürlich darf er das. Ob es die Diskussion an dieser Stelle bereichert, ist eine andere Frage. Denn diese Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Empörung behauptet einen Kampf, der so nicht geführt wird. Sie zieht Grenzen, wo keine sind.

Gesellschaften und ihre Strukturen wandeln sich. Das hat Auswirkungen auf die Leben und Rollen der Menschen. Veränderungen schaffen Unsicherheit. Von der realen Arbeitslosigkeit über diffuse Abstiegsängste bis zum vermeintlich verbotenen Pimmelwitz. Es ist dieser Zeitgeist der Angst, in dem sich Remaskulinisierung und Renationalisierung treffen. Wir ziehen uns in Geschlechterrollen und Grenzen zurück, von denen wir dachten, dass wir sie schon längst hinter uns gelassen haben. Wir machen uns in unserer Wahrnehmung zu Opfern, wo es keine Opfer gibt, sondern nur mündige Menschen, Männer wie Frauen.

"Das oberste Ziel des Feminismus ist, in allen Aspekten unseres Lebens Gendergleichheit zu erreichen", schreibt Jack Urwin in seinem Buch. "Und dann gäbe es keine Entmannung mehr. Wenn wir Männer in der Hierarchie nicht mehr über Frauen stehen, können wir auch nicht fallen." Vielleicht werden wir die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit eines Tages als ein Projekt für eine bessere Gesellschaft verstehen - für Männer wie für Frauen. Vielleicht werden wir dann auch verstehen, dass es nicht um Identitäten und Geschlechter geht, sondern um den Kampf der Besitzenden gegen die Besitzlosen. Und vielleicht werden wir dann auch verstehen, dass die einen ein kleines bisschen fallen müssen, damit die anderen aufsteigen können.

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