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Männlichkeit in der Krise:Faber singt: "Nachts sind alle Katzen geil" - und das Publikum kreischt

Man muss mit Faber jetzt kurz über zwei der größten deutschsprachigen Aufsteiger-Bands der vergangenen Jahre reden. Denn man kann nicht über "Brüstebeinearschgesicht" reden, ohne über Wanda zu reden. Und über Bilderbuch. Beide Bands kreisen sehr eng um eine sehr distinguierte Vorstellung von Männlichkeit - auch wenn sie am Ende sehr unterschiedlich ausfällt. Während sich Bilderbuch und allen voran ihr Frontmann Maurice Ernst als selbstbewusste, leicht weirde und beinahe gender-fluide Männer inszenieren und dabei dennoch eine äußerst maskuline Sexyness verströmen, geben sich Wanda einer weniger subtilen Virilität hin. Kurz und böse könnte man ihre Performances auch einfach Schwanz-Pop nennen. Oder um es in die Worte von Sänger Michael Marco Fitzthum zu fassen: "Nimm sie, wenn du glaubst, dass du's brauchst."

Und wo sieht sich Faber zwischen diesen beiden Männerpolen? "Wenn uns irgendetwas mit Wanda und Bilderbuch vereint, dann, dass wir alle auf seltsame Art und Weise lustig sind. Und trotzdem ernst." Ironisch ist das, was Faber macht, also nicht. Hier werden keine Rollenbilder hinterfragt, keine Gendernormen aufgebrochen. Aber ganz ernst will er das mit den Brüsten, den Beinen, Ärschen und Gesichtern auch nicht meinen. Kurzum: Man wird aus alledem noch nicht wirklich schlau. Weshalb man sich das Gesamtkunstwerk Faber einmal in Bewegung ansehen muss: den Musiker auf der Bühne, die Texte, den Sound, das Publikum.

Es geht hier nicht um Männer oder Frauen - sondern um dreckige Gefühle

Später Samstagabend in der großen Münchner Konzerthalle. Das letzte Konzert des Festivals steht an. Faber ist Headliner. Der Raum vor der Hauptbühne füllt sich. Ein Radiofestival zieht Radiohörerpublikum. Alles angenehm normal. Vor der Bühne stürzen fünf sehr junge und sehr blonde Mädchen Jägermeister aus winzigen Schnapsfläschchen.

Der Faber oben im Scheinwerferlicht ist schon wieder ein ganz anderer Faber als auf Platte oder im persönlichen Gespräch. Er labert, er mäandert zwischen den Songs durch schüchterne Monologe, erklärt sich, entschuldigt sich. "Hoffe es gefällt euch allen" und "Dass wir diese Halle hier füllen!". Süß. Die Mädchen kreischen. Und dann kommt "Beinebrüstearschgesicht", diese kleine, schmutzige Hymne der Unbefriedigten. Faber singt: "Nachts sind alle Katzen geil" und die Jägermeistermädchen strecken die Hände in die Höhe. Das Gekreische wird lauter. Es folgt, ganz seicht und sämig, ein italienischer Schlager, Faber singt irgendwas von "Amore" und dass er sie ganz dringend braucht. Jägermeistermädchenhände streicheln die Luft.

Richtig laut wird es, als Faber den Refrain von "Tausendfrankenlang" herauspresst - noch so ein zusammengesehntes Einwort-Wort. "Ich habe dich geliebt, Tausendfrankenlang!", stößt ihm ein mehrheitlich weiblicher Chor entgegen. Faber singt ein Lied, in dem das lyrische Ich eine Frau für Sex bezahlt und noch ein Glas anbietet, "wenn du mich unter dein Kleid schauen lässt." Dabei formt er mit seinen Händen ein kleines Herzchen für sein Publikum.

Es ist wirklich verzwickt. Dieses Publikum, diese Menschen hier: Das ist Radio, Normalfrequenz, kleinster gemeinsamer Nenner, Weg des geringsten Widerstands. Das ist Schweighöferbendzkogiesingerpoisel. Und da oben steht dieser Faber, der optisch und vom Habitus einer dieser wuscheligen Jungs sein könnte. Aber wenn er den Mund zum Singen aufmacht, poltern und rumpeln da diese Sätze raus. Und die Frauen jubeln. Was Faber natürlich nicht per se von allen Sexismus-Vorwürfen freispricht. Es ist kompliziert. Man kriegt die Brücken zwischen dem Menschen und der Figur, zwischen der Musik und ihren Fans einfach nicht geschlagen.

Und dann kommt "Alles Gute". Der mächtige Posaunist pumpt seine Töne vom Bühnenrand in die Halle. Faber, in der Mitte am Mikrofon, stöhnt: "Wie du es dir machst, macht es dir niemand auf der ganzen Welt." Es ist der Moment der Einsicht und sie kommt so unsubtil daher wie alles an dieser Musik, an diesem Abend. Die ständige Geilheit, die Faber so angenehm vom Keimfrei-Pop deutscher Jungmänner abhebt, vermischt sich mit existenzieller Einsamkeit. Und das ist ein ebenso dreckiges wie universelles Gefühl. Es geht hier nicht um Männer oder Frauen. Es geht hier nicht um Sexismus, sondern um die poetische Erfahrung der Welt.

Auch der große Dichter Leonard Cohen, dessen lüsterne Geisterstimme wohlig warm durch Fabers Songs zu knistern scheint, sang von Huren und Blowjobs, vom größten und blondesten Mädchen, das er jetzt doch unbedingt nackt sehen müsse. Aber eigentlich sang er von seinen eigenen Unzulänglichkeiten, von der ewigen Sehnsucht, die ungestillt bleiben muss, weil sie alles will. Ist das jetzt Machismus? Mackerndes Jungmännertum? Ironie und Witz? All das trifft es nicht. Vielleicht hat Faber das einfach alles verstanden. Das mit dem Mann sein. Und das mit den Männern und Frauen. Hier und heute. Verstanden, dass wir alle Nutten sind. Und verstanden, dass wir nie vom Richtigen träumen.

Männlichkeit in der Krise - ein Schwerpunkt

Dem Mann geht es nicht gut. Heißt es gerade immer wieder. Man gibt ihm die Schuld an allem, was schief läuft in der Welt. Sexismus, Gewalt, Populismus. Was ist los mit dir, Mann? Zeit für eine Inspektion. Lesen Sie:

© SZ.de/biaz/khil/feko
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