Mädchen im Kino Schöne Mädchenköpfe

Hitchcock, Hawks und Konsorten wiederum interessierten sich für Mädchenköpfe deutlich mehr von außen als von innen. Das schmälert zwar weder die filmgeschichtliche Leistung der Amerikaner noch der Franzosen. Aber man wird das Gefühl nicht los, dass gerade das französische Kino hier etwas nachzuholen hat - und deshalb so lustvoll von authentischeren Protagonistinnen erzählen will.

Dazu gehört zum Beispiel Mia Hansen-Løves zärtlich-melancholische Liebeskummergeschichte "Un amour de jeunesse/Jugendliebe", die letztes Jahr leider ziemlich unbeachtet bei uns im Kino lief - ähnlich wie "Blau ist eine warme Farbe" nimmt sie das ganze Panorama des Heranwachsens eines Mädchens zur Frau in den Blick. In der Hauptrolle Lola Créton, eine der spannendsten französischen Nachwuchsdarstellerinnen, die auch in "Après Mai/Die wilde Zeit" von Hansen-Løves Lebensgefährten Olivier Assayas zu sehen ist, der sich in seiner Post-68er-Studie in der Schar seiner jugendlichen Darsteller für die weiblichen Charaktere genauso interessiert wie für die Jungs. Was er auch muss, um den klischeehaften Chauvinismus der 68er sichtbar zu machen.

Emanzipierte Lolitas

Die meiste Aufmerksamkeit aber haben Abdellatif Kechiche und sein Kollege François Ozon für ihre Mädchen-Studien bekommen. Weil neben den vielen anderen Details auch der explizite Sex in ihren Filmen eine große Rolle spielt, gab es den ein oder anderen bösen Kommentar über männlichen Voyeurismus. Doch gerade den packt François Ozon in "Jung & schön", der seit Mitte November läuft, mit großer Ironie an.

Formal rückt er den Klischees über den neurotischen männlichen Überhöhungswillen auf die schönen Kinofrauen schlicht durch Parodie zu Leibe. Zum Beispiel mit einem gierigen Fernglasblick auf seine hübsche Protagonistin am Strand, der gleich den Beginn des Films markiert - und die voyeuristische Kino-Perspektive nicht nur des Regisseurs, sondern auch des Zuschauers karikiert. Oder mit einer Schattenhand in Nosferatu-Tradition, die unter der gleißenden südfranzösischen Sonne geisterhaft den Körper seiner Hauptdarstellerin abtastet.

Inhaltlich verweigert er sich stoisch einem Urteil über das Treiben seiner Hauptfigur. Marine Vacth spielt bei ihm eine Schülerin, die sich prostituiert - eine von jeder Verträumtheit befreite "Belle de jour", die nicht wie einst Catherine Deneuve der Langeweile der Pariser Oberschicht entfliehen muss, sondern sehr genau weiß, was sie tut. Und gerade dadurch ihre Umwelt - und den Zuschauer - provoziert.

Abdellatif Kechiche wiederum plant sein Werk über das emotionale Innenleben der jungen Adèle, das schon jetzt drei Stunden dauert, noch epochaler. Im Original heißt seinen Film "La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2". Einmal als Anspielung auf Pierre de Marivaux. Vor allem aber, weil er in Interviews immer wieder betont hat, dass er seiner Adèle-Geschichte in den nächsten Jahren durchaus noch weitere Kapitel hinzufügen möchte. Das würde dann ein großes weibliches Gegenstück zu Truffauts berühmten Antoine-Doinel-Zyklus, in dem dieser Jean-Pierre Léaud über Jahrzehnte immer wieder mit einem neuen Film beim Aufwachsen zusah.

Scheitern wo scheitern tabu ist

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