Neues Madonna-Album Und sie motzt zurück

Der verflixte Groove hat sie wieder: Madonna singt auf ihrem neuen Album als "Madame X".

(Foto: Universal Music)

Ist Madonnas neues Album "Madame X" wirklich so schlecht, wie viele Kritiker behaupten? Die Antwort ist natürlich: Nein.

Von Jan Kedves

Madonna verteidigen! Kein leichter Job gerade. Fast alle wollen sie blöd finden, etwa ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv: Da hat sie schief gesungen, peinlich! Ihre Comeback-Single "Medellín" mit Maluma, dem kolumbianischen Superstar: netter Song, schunkelt hübsch mit diesen Reggaeton-Einflüssen, und die Zeile "We built a cartel just for love" ist genial, provokant, sofort im Hirn verankert. Aber in den Charts? Da krepiert "Medellín". Madonna hat keinen Erfolg mehr! Und das neue Album: vermurkst, hirnrissig, unfreiwillig komisch.

Das sind die Vokabeln, die Kritiker benutzen, auch Kritikerinnen, und man fragt sich: Ist "Madame X" (Universal) wirklich so schlimm? Es scheint fast, als solle Madonna sich, statt neue Musik zu veröffentlichen, am besten zu ihren bedeutendsten Zeitgenossen legen, Michael Jackson und Prince. Die haben nicht mehr das Problem, im Pop noch den Übergang zu einem respektablen Alterswerk hinbekommen zu müssen (die Missbrauchsvorwürfe gegen Jackson mal ganz außen vor gelassen).

Madonna

Eine Stilikone wird 60

Dabei gibt es in Bezug auf "Madame X" viel zu loben, musikalisch wie gestalterisch. Da ist zuallererst der elegante Buchstabe X, der ideale Platzhalter für Madonna. Sie erzählt, sie sei zum ersten Mal so bezeichnet worden von der großen, strengen Choreografin Martha Graham - damals, als sie mit 19 gerade aus Michigan nach New York bekommen war, um Tänzerin zu werden. Damals ging das bei ihr schon los mit dem Wechselspiel aus Haarfarben, Frisuren, Looks und Rollen.

Songs, die einem die Kinnlade runterfallen lassen

Das X war aber nun nicht nur wegen Martha Graham Madonnas beständigster Begleiter. Es steckt auch im Sex drin, und in der Warnung "X-rated", die in Bezug auf Madonna immer gebetsmühlenartig wiederholt wurde: nicht jugendfrei! Und da kann man nun nicht anders, als hinter der Augenklappe, die Madonna als Madame X wieder trägt, ein Zwinkern zu erahnen. Wobei sie, wenn man sich erinnert, während ihrer "Erotica"-Phase 1992 gar keine Augenklappe trug, sondern eine SM-Augenbinde. So geht es einem an vielen Stellen des Albums: Man denkt, Madonna habe genau so etwas schon einmal gemacht. Und dann ist es doch ein kleines bisschen anders. Und nicht schlechter!

Es gibt herrlich opulente Deep-House-Flächen à la "Vogue" auf dem Album, Kastagnetten-Geklapper, Trap-Beats, Batuque-Percussions, krass sedierten Autotune-Gesang, romantisch überdrehtes Kitschklavier. Es gibt Songs, die komplett auseinanderfallen und das auch genauso sollen ("Dark Ballet"). Wenn man sie hört, fällt einem die Kinnlade runter: "So etwas traut die sich?!?" Ein Londoner Kinderchor singt, und ein Chor von portugiesischen Frauen mit kapverdischen Wurzeln. "Madame X" ist im Grunde ein Madonna-Weltmusik-Album, aber ohne Weltmusik-Klischees. "La Isla Bonita", erweitert um Portugal und Südamerika, Fado und Baile Funk. Wir sitzen in einem Boot, scheint Madonnas Botschaft zu sein, die Welt geht unter, wir müssen etwas dagegen tun, wir dürfen dabei den Sex nicht vergessen, "one, two, cha-cha-cha!"

Hat je eine 60-jährige Pop-Ikone schon mal ein Album veröffentlicht, das einerseits so bunt zusammengewürfelt ist und frisch klingt, das zugleich aber voll auf Linie mit dem bisherigen Werk liegt? Es fällt einem keines ein. Aber die Kritiker motzen. Und Madonna motzt zurück. Zum Beispiel findet sie es gar nicht okay, dass die New York Times gerade in einem ausführlichen und prinzipiell positiv gestimmten Madonna-Portät implizit darauf hinweist, dass der Buchstabe X auch in "sexagenarian" steckt. Das ist das englische Wort für Menschen zwischen 60 und 69.

Madonna ist aber doch eine sehr frische Sechzigjährige! Sie hat ihr Geburtsdatum nie korrigiert oder manipuliert. Könnte sie nicht ein wenig souveräner damit umgehen, dass sich Menschen für ihr Alter interessieren, sich einfach stolz als die Super-Sixty-MILF feiern, die sie ist? Eine Frau, die zur Förderung des Eindrucks der Jugendlichkeit ihr Gesicht teilweise hat stilllegen lassen, nun gut, machen doch alle. Madonna, die nie das Interesse an spezielleren Optionen des Lustgewinns verliert. Im "Medellín"-Video scheint es ihrem Duettpartner Maluma, diesem sehr gut aussehenden jungen Mann, geboren 1994, jedenfalls ganz gut zu gefallen, dass Madonna ihn am dicken Zeh leckt. Man nennt das "shrimping".

Madonna hat auf "Madame X" ihren Groove wiedergefunden

"Madame X" klingt also, als hätte Madonna zum ersten Mal seit Jahren wieder Spaß am Musizieren gehabt, am Ausprobieren, und als habe sie sich dabei - auch wenn das schwerste Kreativromantik ist - nur auf ihre Intuition verlassen. Auf ihren letzten beiden Alben war von Intuition nichts mehr zu spüren. Da hechelte sie dem jeweils aktuellen Pop-Sound hinterher. Auf "Madame X" hechelt gar nichts mehr, man könnte sogar sagen: Madonna hat ihren Groove wiedergefunden. Langsamer, lasziver. Lass mal kommen, "slow down, papi!" In "Medellín" dauert es ganze zweieinhalb Minuten bis zum ersten Refrain. Ein Luxus dieser Tage, in denen die meisten Trap-Hits in zweieinhalb Minuten längst schon vorbei sind.

Nur an einer Stelle wird es dann zu langatmig, beziehungsweise: Da schleppt sich ein Song von Zeile zu Zeile. In "Killers Who Are Partying" betont Madonna, dass sie schwul sein will, wenn Schwule "verbrannt" werden, dass sie Afrikanerin sein will, wenn Afrika "dichtgemacht" wird, dass sie arm sein will, wenn die Armen der Welt "erniedrigt" werden. Ihre Empathie in allen Ehren: Man ahnt dann halt schon, dass sie, wenn der Refrain vorbei ist, auch noch Muslima, Israelin, missbrauchtes Kind und so weiter sein will. Listen in Pop-Songs abzuarbeiten, das ist leider dramaturgisch nie ratsam. Mit Ausnahme von "50 Ways to Leave Your Lover", wo Paul Simon die Ideen, wie man endlich wieder Single werden kann, immer lustiger und absurder werden ließ.

Diesen einen Song hätte Madonna also vielleicht weglassen oder ihn ab dem Refrain zumindest umkrempeln sollen. Und vielleicht hätte sie auch noch einmal darüber nachdenken sollen, inwiefern das Leid derjenigen, mit denen sie sich in "Killers Who Are Partying" solidarisiert, eventuell etwas mit einem gewissen Christentum zu tun hat. Das scheint sie auf "Madame X" in anderen Songs, in "Batuka" und "God Control", überraschenderweise sehr zu preisen. "Sing hallelujah, say amen!", singt in "Batuka" der Chor, ohne dass irgendeine ironische Brechung herauszuhören wäre.

Madonna hat doch nicht etwa vergessen, dass die Kirche es ihren allertreuesten Fans, den Homosexuellen, mit dem ganzen Sünden-Quatsch immer noch sehr schwer macht? Hier kommt wohl wieder der widersprüchliche Kern der Madonna zum Vorschein, ihre Jesus-Liebe, ihre Freude an der Buße. In der Vergangenheit hatte sie dies mal mehr, mal weniger durch ihre Hippie-, Yoga-, Domina-, Country-Girl- und Disco-Queen-Rollen, und auch durch ihre öffentlichen Streits mit dem Vatikan, überdecken können. Auf "Madame X" scheint es, als stünde das X im Titel auch für das Kreuz Jesu. Ach herrje!

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