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Madonna:Kabbalalala

Erleuchtung im Schnellverfahren: Warum das einstige "material girl" Madonna nun Esther genannt werden will und freitags nicht mehr singen kann.

Von Alexander Kissler

Erst war es nur ein rotes Bändchen an ihrem ach so weißen Handgelenk: Man schrieb das Jahr 1996, Madonna hatte gerade angekündigt, in einem Musical die Evita Peron zu spielen, und pünktlich nach Drehschluss wurde ihre erste Tochter geboren. Lourdes nannte die Mutter ihr Baby, denn in Lourdes war der Heiligen Bernadette achtzehn Mal Maria erschienen, und dass es mit der Tochter Madonnas etwas Besonderes, Großes auf sich haben muss, ahnte die Mutter, das Einwandererkind Louise Ciccone, sofort.

Doch warum trägt sie seither ein rotes Armband, das ein ehemaliger Versicherungsagent ihr gab? Heute wissen wir: Damals begann jene Neugeburt im Zeichen der Kabbala, die nun sich vollendet. Louise und Madonna sind abgetan, eine Esther will die Königin des Pop jetzt sein, eine neue Streiterin für das Judentum - wie ihre mutige Ahnfrau, die den Perserkönig Artaxerxes davon abhielt, alle Juden zu vernichten.

Ernst mit der Neugeburt

Der ehemalige Versicherungsagent, der seine Elevin vor acht Jahren willkommen hieß, ist der Gründer und Leiter des Kabbalah Learning Center in Los Angeles, Philipp Berg. Rund 50 Niederlassungen soll es weltweit geben, die Zahl der Anhänger wird auf 200000 bis drei Millionen geschätzt. In Hannover eröffnete jüngst eine deutsche Filiale. Am roten Bändchen erkennt man auch Elizabeth Taylor, Elton John, Barbra Streisand und Naomi Campbell.

Doch nur Madonna macht auf derart drakonische Weise Ernst mit ihrer Neugeburt. Im vergangenen Sommer bedrängte sie ihren Gemahl, das gemeinsame Landgut nicht länger den Rebhuhnjägern zu überlassen; die Seelen der gemordeten Tiere könnten ihr in neuer Gestalt erscheinen. Und nun gab Madonna, die Esther genannt werden will, bekannt, bei ihrer Welttournee an Freitagen grundsätzlich nicht aufzutreten. Den Vorabend des Sabbats, den Erew Shabbat, wolle sie respektieren.

Mit dem Körper beten

Seelenwanderung zählt nicht gerade zum Kernbestand der jüdischen Überlieferung. Den Nährboden für Phillip Bergs 1969 gegründete Kabbala-Sekte bildet jedoch die innerjüdische Reformbewegung "Jewish Renewal". Unter diesem Schlagwort entstanden seit den sechziger Jahren in Nordamerika zahlreiche kleine Basisgruppen, die Chavurot, deren Ziel "eine erneuerte Bewegung zwischen Gott und dem jüdischen Volk" ist - so Rabbiner Arthur Waskow. Ökologie, Feminismus und Demokratie sollen Eingang finden in das jüdische Gemeindeleben. Eine "neue Ethik der Sexualität" will man entwickeln und "mehr mit dem Körper beten". Ausdrücklich gefordert werden ein "großer Respekt für andere spirituelle Wege und die Bereitschaft, von ihnen zu lernen". So schuf "Jewish Renewal" die Voraussetzung für die jüdische Adaption fernöstlicher Frömmigskeitspraktiken, die Philipp Berg zu seinem geldwerten Markenzeichen ausgebaut hat. Buddhistische Meditation und hinduistische Seelenwanderung hat er in seine kabbalistische Lehre integriert.

Kritiker werfen ihm vor, das Kabbalah Learning Center diene allein dem Zweck, möglichst rasch möglichst große Gewinne zu erzielen. Billig sind weder die Kurse noch die Bücher, die Berg anbietet. Eine Aussteigerin aus Deutschland berichtete im vergangenen Sommer: "Sie wollen den Menschen ganz, und wer nicht zahlt, muss arbeiten." Madonna, das "material girl" außer Diensten, das einst, pardon, die Vagina den einzigen Tempel nannte, hat da ganz andere Erfahrungen gemacht: "Kabbala half mir zu verstehen, dass es etwas dem Menschen Übergeordnetes gibt. Wenn du dich nicht nach den Regeln des Universums richtest, bringst du Chaos in dein Leben." Aus Dankbarkeit spendete sie Philipp Berg fünf Millionen Euro, damit dieser in London seine größte europäische Niederlassung errichten kann.

Im Zirkel der lucky few

Während die großen, mehr oder minder rigiden Glaubensgemeinschaften vor sich hin kränkeln, boomen die kleinen und kleinsten Gruppen mit ihrer allzeit persönlichen Anrede. Im Zirkel der lucky few schnurren die so schrecklich unübersichtlichen Religionen zusammen auf ein Armband, ein Fläschlein geweihten Wassers oder die richtige Geste zur rechten Zeit. Bei Philipp Berg erwirbt Madonna "in fünf Lehrstunden esoterisches Wissen, das einst den größten Thora-Gelehrten vorbehalten war", spottete Jonathon Rosenblum. Berg ist der Erfinder einer unübertroffen effektiven Technik, dank derer die Erleuchtung zu einem fast maschinellen Vorgang wird, vergleichbar nur dem Gang zur Supermarktkasse mit übervollem Einkaufswagen: Berg lässt seine Schüler die heiligen Schriften scannen.

Unter seiner Anleitung huschen die Finger der Adepten über die hebräischen Zeichen, und schwupps fließt deren geheimer Sinn geradewegs hinein in den eben noch so gänzlich unwissenden, tragisch unerlösten Körper. Nur Fertigsuppen schmecken besser.

Kaum noch Worte muss der Meister dann machen über die vier kabbalistischen Welten, über Geist und Intellekt, Emotion und Aktion, es ist ja alles schon intus. Im Geiste dieser All-you-can-eat-Religion kann, ja muss es der Kinderbuchautorin, Sängerin, Schauspielerin Esther Ciccone egal sein, ob in Lourdes, Los Angeles oder Nairobi dieses oder jenes Große ihr widerfährt. Jeder Mensch, mag sie sich denken, ist nun einmal ein Gefäß mannigfacher Offenbarung, und wo immer du stehst und gehst, singst und spielst, kann ein "ray of light" dich erhellen. Ein Krämer sei, wer da noch zweifeln mag.

© SZ vom 15.4.2004
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