Süddeutsche Zeitung

Robert Macfarlane:Ins Land gezogen

Wandern, den Flachmann kreisen lassen, schauen: Mit Robert Macfarlane, dem Meister des Nature Writing, über den "Hohlweg".

Von Catrin Lorch

Wenn vom Wandern erzählt wird, dann ist meist Anstrengung dabei, bergauf, und als Belohnung eine Aussicht. Wer auf der Suche nach Erkenntnissen ist, den zieht es als Autor auch in die Weite, kulturell oder von der Wegstrecke her. Die angelsächsische Literatur hat da eine große Geschichte - die in den vergangenen Jahren noch um das Unterkapitel des Nature Writing erweitert wurde. Als deren hervorragendster zeitgenössischer Vertreter gilt Robert Macfarlane, ein Cambridge-Akademiker, der aber auch immer auf dem Sprung ist, seine Leser mit Routen, Betrachtungen, Fundstücken und Wörtern zu versorgen.

"Hohlweg" ist, verglichen mit seinen Büchern "Im Unterland" oder "Berge im Kopf", ein schmales Heft. Und auf dem Titelblatt stehen außer Macfarlane noch Stanley Donwood und Dan Richards. In deutscher Übersetzung ist "Hohlweg" in der Friedenauer Presse erschienen, und der Verlag hat sich große Mühe mit der Gestaltung gegeben, viel Luft um die Zeilen gelassen und dazwischen noch Zeichnungen des Schriftsteller Stanley Donwood eingestreut. Bibliophil fadengeheftet sieht das Bändchen aus wie eine Festschrift. Und ist es in gewisser Weise auch, es ist dem verstorbenen Publizisten Roger Deakin gewidmet, mit dem die drei manche Wegstrecke zurückgelegt haben, darunter auch Wanderungen durch Hohlwege.

Verborgene Pfade, längst auf keiner Karte mehr eingezeichnet

Ein Hohlweg, so wird eingangs erklärt, ist "ein eingesunkener Pfad, eine tiefe und schattige Gasse. Eine Route, die über Jahrhunderte durch Fußtritte, Hufschlag, Radlauf und Regenfluss ins Land gezogen wurde". Alte Pfade - die ältesten stammen aus der Eisenzeit, die jüngsten noch immer mindestens dreihundert Jahre alt -, die für den Ausbau nicht taugten und deswegen noch weiter absanken, überwuchert kaum noch sichtbar sind. "Nesseln und Dornen bewachen den Eingang, von beiden Seiten neigen sich Bäume über sie und verflechten ihre Zweige zu einem Dach oder Tunnel." Und weil die fast verborgenen Wege längst nicht mehr auf Karten verzeichnet sind, müssen die drei Wanderer den Beschreibungen in Büchern folgen, verblichenen Hinweisen auf Routen durch Südengland, die sich um Berge herumringeln wie Schneckenhäuser.

Was dort geschieht? Nichts Spektakuläres - man wandert, lässt den Flachmann kreisen, breitet den Schlafsack rechtzeitig aus, um sich noch Gedichte vorzulesen, und wundert sich am Morgen, dass der Regen die Seiten durchweicht hat. Die Hohlwege, die gemeinsamen Routen und Ausflüge, sie bohren sich nicht allzu tief in die Erde. Und an ihrem Ende wartet keine gewaltige Grotte, kein verborgenes Tal, keine geheime Kluft. Doch stellt sich beim Lesen ein Gefühl von Nähe ein, unter dem sanften Grün taucht man in Erinnerungen, ist am Ende ganz bei sich - oder landet fast überraschend an einem Strand, wie dem weiten Holkham Beach, wo man früh morgens gemeinsam im Meer schwimmt.

Nur knapp vierzig Seiten lang, ist "Hohlweg" dennoch kein Buch für Leser, die den Einstieg in das Genre des Nature Writing suchen. Aber wer die Bücher von Robert Macfarlane oder Roger Deakin kennt, die Schriftsteller schon bei ihren Exkursionen begleitet hat, wird sich gerne durch das Bändchen schaukeln, in dem sich knapp formulierte Zeilen mit sanft gestrichelten Linien zu einem weichen Netz verknüpfen. "Viele Menschen haben geglaubt, dass sie auf den alten Wegen aus dieser Welt hinausschlüpfen könnten oder sich dort leise die Geister versammelten", heißt es an einer Stelle - und man stellt erstaunt fest, dass der Aberglaube sich auf diesem "Hohlweg" erfüllt.

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