M.I.A.s neues Album "Matangi":Ich gegen alle

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In gewohnter Pose: Sängerin M.I.A. bei den YouTube-Music Awards in New York. (Foto: AFP)

Die Musikerin M.I.A. kämpft auch in ihrem vierten Album "Matangi" verbal an vielen Fronten. Das klingt nicht mehr so frisch wie bei ihrem Debüt. Aber ihr Mashup-Kosmos aus exotischem Allerlei und westlicher Clubmusik dröhnt immer noch wunderbar.

Von Annett Scheffel

Sie könnte ebenso gut Genie sein wie Betrügerin. "It's a thin line and I'm fucking with it", rappt M.I.A. in ihrem Song "Believer" - und thematisiert damit selbst das eigenartige Doppelspiel, das sie seit nun beinahe einer Dekade betreibt. Ein Bekenntnis zur Verunsicherung, das sie auch als Motto über einen autobiografischen Dokumentarfilm gestellt hat, an dem sie seit Jahren arbeitet. Und das vor allem deshalb so interessant ist, weil es alles umfasst, was das Werk der tamilisch-britischen Musikerin und Designerin schon immer ausgemacht hat: den zornig gehobenen Mittelfinger, den Ansturm gegen popkulturelles Gutmenschentum.

Antiimperialistische Straßenkämpfer-Attitüde, Ghetto-Überheblichkeit und Kunstanspruch. Eine Form von Agitation, in der dreist und zielstrebig großes Popspektakel, politisches Engagement, hippe Subkultur und "Third World Democracy" zusammengeworfen werden. M.I.A., ein Phänomen eigener Art.

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In die fast obligatorische Zwangslage zwischen Charterfolg und Street Credibility hatte sich die in London geborene Mathangi Arulpragasam schon 2008 gebracht, als ihr mit Pistolenschüssen befeuertes Stück "Paper Planes" zum Hit wurde, zum globalen Klingelton. Eine Journalistin der New York Times beschrieb später ausführlich den materiellen Luxus, den M.I.A. als Ehefrau eines Bronfman-Sohnes in Los Angeles genoss (von dem sie sich mittlerweile getrennt hat) - auch das half nicht. Dass die Künstlerin die Tochter des umstrittenen tamilischen Rebellenführers Arul Pragasam ist, hat ihr immer eine gewisse Per-se-Glaubwürdigkeit gegeben. Die Rolle der linken Revolutionärin nehmen ihr viele trotzdem nicht ab.

Nicht düster genug

Nun ist "Matangi" erschienen, M.I.A.s viertes Studioalbum. Immer wieder war der Veröffentlichungstermin seit 2012 verschoben wurden - die Rapperin selbst sagt, die Plattenfirma Interscope habe den Ablauf verzögert, weil den Zuständigen die Musik nicht düster genug gewesen sei. Zuletzt drohte sie sogar, das Album selbst ins Internet zu stellen. Und so ist der Ausgangspunkt schon klar umrissen, bevor man einen einzigen Song gehört hat: M.I.A.s Parole heißt immer noch "Ich gegen die Welt", oder: "I fight the ones that fight me". Auch 2013 kämpft sie zumindest verbal an vielen Fronten, gegen Musikbusiness, YouTube-Zensur und Google-Monopol, für Frauenrechte im Nahen Osten.

"Brown girl, turn your shit down/ Let you into Super Bowl, you try to steal Madonna's crown", so kommentiert sie nachträglich den Super-Bowl-Auftritt mit Madonna 2012, bei dem sie live im US-Fernsehen den Stinkefinger zeigte und dafür von der National Football League verklagt wurde. Auch "Matangi" ist wie die letzten Alben bis oben hin angefüllt mit dieser diffusen Wut, mit Gesellschaftskritik und Verschwörungstheorien. Und immer noch dröhnen und sägen die brachial zusammenkopierten Sounds ganz wunderbar.

Auch der neue spirituelle Überbau ändert wenig daran: "Matangi" ist ihr Geburtsname, gleichzeitig heißt so auch eine grünhäutige, hinduistische Göttin für Musik und Künste, zu deren schriller, postmoderner Inkarnation sie nun auf dem farbverzerrten Coverporträt mutiert. Als Klang- und Ideeneinsprengsel findet nun auch die Hindukultur ihren Platz in M.I.A.s Mashup-Kosmos - die Stücke heißen "Karmageddon" oder "Y.A.L.A.", kurz für "You always live again", ein Spottstoß gegen den hedonistisch-sorglosen YOLO-Slogan der weltweiten Netzjugend. "If you only live once/ Why do we keep doing the same shit?", rappt die 38-Jährige im Ghetto-Gören-Slang, Gebetsglöckchen klingeln durch die Songs, Chöre machen "Om!".

In den meisten Songs überwiegt dann aber doch wieder der hitzige, überdrehte Wordbeat-Mix aus exotischem Allerlei und westlicher Clubmusik: digital verzerrte Bollywood-Samples, Beat-Gehämmer, wabernde Sub-Bässe, Störsignale. Natürlich ist dieser polyrhythmisch polternde Global-Techno nicht mehr so frisch wie zu Zeiten von M.I.A.s Debütsingle "Galang" von 2004: Produzenten wie Diplo und Switch, die den Sound als dissidente Kunst entwickelt haben, sind heute teure Superstars.

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Berechenbar ist M.I.A.s Musik aber auch auf dem vierten Album noch nicht geworden. "Exodus", eine Zusammenarbeit mit The Weeknd, klingt verhallt und neblig, "Bring The Noize" knarzt technoid, und "Come Walk With Me" gibt sich erst als sonnige Kaugummi-Pophymne, bevor das Stück in hysterisches Bhangra-Großraumdisco-Gedaddel zerfällt.

M.I.A. habe das Talent, auch die verrücktesten Ideen in ganz reale Bewegung zu bringen, hat der Produzent Dipo einmal gesagt. So anstrengend ihre Musik dadurch zuweilen wird, so nervtötend sie selbst oft als Protagonistin ihrer eigenen Kunst ist: In ihrer chaotischen Ruhelosigkeit spiegelt das, was M.I.A. macht, immer noch den Zeitgeist einer zerfaserten, globalisierten Welt wider. Matangi Arulpragasam ist konsequent inkonsequent. Und was 2004 eine schallende Ohrfeige ins Gesicht des Pop war, ist heute immerhin noch grandiose, relevante Musik.

© SZ vom 04.11.2013 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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