Lyrik Von Wirbel zu Wirbel

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Hauthaus stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Dana Ranga wurde 1964 in Bukarest geboren, mit 23 Jahren kam sie nach Deutschland. In ihrem neuen Buch "Hauthaus" baut sie ein Haus aus Sprache. Manchmal sehen die Steine, die sie verwendet, wie Gedichte aus, manchmal wie Prosa.

Von Nico Bleutge

Wer mit Dana Ranga in die Sprache geht, der bekommt ein Gespür für Ähnlichkeiten. Schon der Titel ihres neuen Buches macht erlebbar, wir nah sich Wörter bisweilen sein können. Von ihrer Bedeutung her weisen "Haut" und "Haus" in ganz unterschiedliche Richtungen. Doch so, wie beide, Haut und Haus, etwas umschließen und für den Austausch zwischen Innen und Außen sorgen, sind sich auch die Wörter näher, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Nur ein Buchstabe trennt sie, und "s" und "t" sind zugleich Nachbarn im Alphabet.

Klare Zuschreibungen, überschaubare Ordnung sind Dana Ranga fremd. Schon in ihrem leuchtenden "Wasserbuch" (2011), einer Sammlung ozeanischer Gedichte, tastete sie den Sprachbewegungen und Verschiebungen im Gefüge des Denkens nach: "Atmen und singen in stiller Bucht. Wasser kennt keine Narben; Druckwelle, Abschied, / akzentfreie Entfernung // zwischen dir und mir", heißt es hier in einem Stück zu Carcharodon carcharias, dem Weißen Hai. Und über Octopus vulgaris, die gemeine Krake: "Werde furchtlos und lebe versteckt, hier bleibt nichts zu entdecken." Zu entdecken aber gibt es bei Dana Ranga viel, man muss nur ihren Verknüpfungen folgen und dabei spüren, wie frei sich das Denken manchmal bewegen kann.

Er glaube an eine höhere Wirklichkeit, schrieb einst André Breton, an "gewisse, bis dahin vernachlässigte Assoziationsformen" und das "zweckfreie Spiel des Denkens". Nicht, dass Dana Ranga eine Surrealistin wäre, die Kraft der Assoziation aber und das "freie Spiel" sind die Impulswellen ihres Schreibens. Fast könnte man von einer Feier des Assoziativen sprechen, so schnell wechseln hier die Laute und Ideen.

Immer wieder lagern sich ihre Sätze, die eigentlich ein einziger, dicht getakteter Satz sind, an semantische Felder an, eine Sprache des Körpers etwa, die bis in die kleinsten Verästelungen reicht, die Härchen und "Hornfäden" in der Haut. Die Namen von Organen, "Herz" zum Beispiel, "Magen" oder "Milz", dienen dabei als Überschriften. Auch das "Haus" wird in all seinen Schattierungen erwähnt, es mag als "Käfig" sein, als "Rahmen" oder als "Röhre". Dann wieder nehmen die Zeilen bestimmte Wortformen auf, manchmal sogar die Idee einer Geschichte, sprechen aber von etwas ganz anderem. Es ist ein ständiges Schweifen von hier nach dort, ohne doch je zu zerfasern. Wie einer jener Nerven, von dem einmal die Rede ist: "Vagabund, und doch hält er alles zusammen".

Dana Ranga wurde 1964 in Bukarest geboren, mit 23 Jahren ging sie nach Deutschland. Neben ihrem Schreiben ist sie in der Welt des Films unterwegs und verfasst Hörspiele. Nicht von ungefähr hat sie ein großes Gespür dafür, wie unterschiedlich und zugleich durchlässig Medien und Sprachen sein können. "Ich werfe Wort für Wort über die rechte Schulter, unmögliche Spur durch das Dickicht des Ungewissen." Lateinische Termini sitzen in den Zeilen oder Cluster aus unterschiedlichen Sprachen: "cor, kardia, heart, cuore, inima, kokoro, corazón, xinzang, serce". Mit ihrer grenzsprengenden Energie unterlaufen die Texte auch die Frage, ob es sich um Gedichte handle oder um Prosa. Geschickt verknüpft Dana Ranga einen oft prosaartigen Satzrhythmus mit kaum merklichen Assonanzen und Binnenreimen, ordnet die Wortfolgen mal zu zentrierten Kolumnen an, mal zu längeren Blöcken.

Doch nie verliert sie sich in reiner Spielerei. "Was fressen Gedanken am liebsten?", fragte ein Gedicht im "Wasserbuch". Neue Gedanken, ließe sich mit "Hauthaus" antworten. Noch das kürzeste Stück enthält eine Denkbewegung, die überkommene Vorstellungen reflektiert und ihre Sprache einer kritischen Sichtung unterzieht. In einem über viele Seiten mäandernden Text zum "Hirn" etwa schließt Dana Ranga wissenschaftliche Sprache mit Bildern sakraler Bauten und Erzählungen aus der Bibel kurz und hinterfragt so nicht nur die Gewaltgeschichte der christlichen Religion, sondern auch die vermeintliche Vormachtstellung der Vernunft, jene "Großhirnkathedrale", in der sich vor allem Schwerter und Kreuze finden.

Es ist keine harmonisierende Sicht der Welt, die Dana Rangas Gedichte auffalten. Eher sprechen sie von Kratzern und Rissen, Rammböcken und Panzern, "schlechten Nachrichten von überall her, Daumenschrauben und Däumchen drehen". Der autoritären Rede der Väter, die Ranga auch aus der eigenen Familiengeschichte kennt, hält sie die Erfahrung der vielen Blickwinkel und der bewegliche Sprache entgegen: "springe von Wirbel zu Wirbel".

Manchmal, ganz selten nur, läuft ein Satz zu glatt über die Seite: "Wie viele sind / das Volk / verbunden und dirigiert / überwacht und eingezäunt: / der Großmeister / hält tausend Peitschen in der Hand / und lenkt den Karren geradeaus / gegen die Wand". Doch schon im nächsten Text schiebt Dana Ranga die Schichten der Sprache umso dichter ineinander und träumt von der Möglichkeit, "alles zu unterbrechen, mit einem Punkt, einem Punkt ohne Breite, Länge Tiefe, ohne Umfang und Masse". Einem Punkt, wie ihn vielleicht nur ein Bleistift setzen kann.

Dana Ranga: Hauthaus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 65 Seiten, 19,95 Euro.