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Lyrik:Tumpteln und Grabunkeln

Nils Mohl dichtet für Kinder und für Jugendliche.

Von Nico Bleutge

Wenn Zirpen grillen - was grillen sie wohl, fragt gleich das zweite Gedicht. Und während man noch überlegt (Insekten vielleicht, Kräuter, das eine oder andere Blatt?), wird man schon überrascht. Denn in Nils Mohls Versen werden nicht nur Dinge gegrillt, die jedem Kind das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen dürften, der Autor brutzelt auch die Reime an, reimt lustvoll schräg "fleischtomaten-spieß" auf "paprika edelsüß" oder "diverse kolben mais" auf "pistazieneis".

Pistazieneis und Spieße kannte man bislang vor allem aus Mohls Geschichten. In Büchern wie "Es war einmal Indianerland" oder "Stadtrandritter" zeigt er immer auch, wie Kinder und Jugendliche mit Sprache spielen. Und so wundert es nicht, dass er nun als Dichter dort am stärksten ist, wo er die Wörter auseinanderbauen und neu zusammensetzen, wo er Silben vertauschen oder Buchstaben einfach weglassen kann ("wtf - wtttf"). Hier verleiht die Sprachfantasie tatsächlich Flügel, und wenn man gemeinsam mit dem "könig der kinder" in die Welt der "glitzerflummis" und "spiralhaargummis" aufbricht, kann es einem ergehen wie dem drachenliebenden Prinzen: "ja erzähle von drolligen sachen / - das mündchen wird sich weiten / und der prinz sich scheckig lachen".

Allerdings merkt man Mohl den Erzähler bisweilen deutlich an. Es sind jene Stellen, an denen Reim und Versmaß nicht mehr als Beiwerk für eine gute Story sind. Da fällt einem gleich Peter Rühmkorf ein, der wie Mohl in Hamburg lebte und einer der vermutlich trickreichsten Reimkünstler überhaupt war. Literatur sei keine reine Formsache, hat er einmal geschrieben, sondern ein "von magischen Vorstellungen noch und noch durchsetztes Zauberreich, in dem gewunschen und Wunderwirkung erhofft wird wie ehedem".

Und der Reim ist sozusagen der blitzgewandte Götterbote dieses Zauberreiches, der Abkürzungen kennt, Kurzschlüsse und versteckte Zusammenhänge herstellt. Wo jedoch das Versmaß unmotiviert holpert und Reime nur um des Reimes willen da sind, verwandelt sich das Zauberreich in eine ziemlich öde Jahrmarktbude. Dann muss man schnell zum geheimnisvollen Golbert zurückblättern, denn der versteht nun wahrlich etwas von Sprachmagie: "wer grabunkelt durchs unterschrümm? / wer tumtelt und schorkelt zur humpfe hin? / wer züstert bei fröck im ompengrund rum?"

Nils Mohl hat seine Gedichte auf zwei Bücher verteilt, einmal 40 Gedichte für Kinder ab sechs Jahre, einmal 40 Gedichte für Jugendliche ab zwölf. Wirken die Gedichte im Kinderbuch mit ihren vielen Fragen sehr offen, so ist der Ton im Buch für Jugendliche eher cool bis nüchtern. Ein bisschen Listengedicht, ein bisschen konkrete Poesie, ein bisschen Haiku. Meist gönnt Mohl seinen Leserinnen und Lesern ganz bewusst nur "einen hauch von poesie im letzten bild". Trotzdem sind vielleicht genau jene Gedichte am schönsten, die sich emphatisch zum Leuchtstoff der Poesie bekennen. Zum Beispiel dort, wo Schneeflocken vom Himmel purzeln wie "kleine schafslocken". Oder wo man einfach am Nordseestrand liegen kann: "ummöwt strande ich meernah (...) / gischtig salzt die see auf zunge - und alles ist einfach insel".

Das gilt auch für die Bilder von Katharina Greve, die oft bloß kleine, gimmickhafte Illustrationen sind, dann aber auch mal eine Gedichtidee wenden und etwa eine Eselsbrücke am "redefluss" wunderbar fantasievoll ins Bild setzen. In solchen Fällen kann man nur den Tieren recht geben: "juchhu känguru (...) /"sieg ahoi koi / sehr apart leopard".

(ab 6 und ab 12 Jahre) Nils Mohl: König der Kinder. Tänze der Nacht. Gedichte. Mit Illustrationen von Katharina Greve. Mixtvision Verlag, 2020. Je 64 Seiten, je 16 Euro.

© SZ vom 15.01.2021
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