Lyrik Trost der Form

Jürgen Theobaldy, 1944 in Straßburg geboren, lebt seit 1984 in der Schweiz. Mit dem Gedichtzyklus "Auf dem unberührten Tisch" erinnert er an seine verstorbene Lebensgefährtin und gibt ein kräftiges Lebenszeichen.

Von Lothar Müller

Oft sind auf Friedhöfen Holzkreuze die Statthalter, bis die Grabsteine mit ihren Inschriften fertig sind. Sie zeigen an, dass ein Tod noch nicht lange zurückliegt: "Im klammen Dunst des Morgens, / zwischen verteilten Steinen, von weitem immer noch zu sehen // das helle Kreuz aus Holz, ins fette Gras gerammt fürs erste ...". Jürgen Theobaldys Zyklus "Auf dem unberührten Tisch" ist ein Andenken in zwanzig Gedichten an seine Lebensgefährtin Sanae Christen-Inoue, die im Mai 2016 starb.

Die hingetuschte Teetasse auf dem Umschlag verbindet dieses schmale Buch mit seinem sehr viel umfangreicheren Vorgänger "Hin und wieder hin. Gedichte aus Japan" (2015), in dem einige Haiku-Übersetzungen von der Gefährtin stammen. Reisereminiszenzen, Landschaftsbilder, Lektüren japanischer Vorbilder, Variationen ihres poetischen Inventars nahmen darin großen Raum ein. Das tritt nun in den Hintergrund. Ein lackierter Schuhlöffel aus Bambusholz erinnert an den Markt in Wajima, aber von den Haikus und Kettengedichten ist vor allem das Grundmotiv geblieben, die Formidee der Imprägnierung knapp notierter Wahrnehmungen mit elementaren Erfahrungen. Die Erfahrung der Abwesenheit der Toten im Blick auf Orte und Dinge nimmt die Trauer in sich auf. Sie imprägniert den seit dem Todesmonat nicht mehr umgeschlagenen Kalender, das flimmernd blaue Kleid auf einer Fotografie, das mit der Toten verbrennen wird, die Notiz "Rote Blumen" auf dem letzten Einkaufszettel: "Vergessen hatte sie, auf Deutsch, / wie diese Blumen heißen".

Jürgen Theobaldy, 1944 in Straßburg geboren, in Mannheim aufgewachsen, zog als junger Mann durch deutsche Universitätsstädte, landete in den Siebzigerjahren in Berlin, nahm an den Lockerungsübungen der deutschen Lyrik teil, schrieb Romane. Seit 1984 lebt er in der Schweiz, hat jahrelang als Parlamentsstenograf in Bern gearbeitet und ist 2010 aufs Land gezogen. Dieses schmale Buch ist ein kräftiges poetisches Lebenszeichen.

Jürgen Theobaldy: Auf dem unberührten Tisch. Ein Zyklus. Verlag Peter Engstler, Ostheim in der Rhön 2019. 28 Seiten, 11 Euro.