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Lyrik:Tintenfischkleckse

Arne Rautenberg leimt Wörter zusammen, verwandelt Tiere in Gedichttiere und stellt eine Menge Fragen.

Von NICO BLEUTGE

Arne Rautenberg: Kuddel-Muddel Remmi-Demmi Schnick-Schnack. Gedichte für alle. Mit Bildern von Nadia Budde. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020. 48 Seiten, 14 Euro.

Wer mit Arne Rautenberg ins Gedicht geht, der bekommt nicht nur viele Wörter geschenkt, sondern auch praktische Ideen für den Alltag. Um richtig schreiben zu können etwa, weiß der Kieler Dichter, braucht es nur ein bisschen Mut. Und wenn auf dem Papier mit den Hausaufgaben ein Tintenklecks ist? Keine Sorge, hier ist die perfekte Ausrede, sogar mit lauter Ausrufezeichen und gereimt: "das blatt papier fiel mir ins meer! / da schwamm ein tintenfisch daher! // der hinterließ nen tintenfleck! / zum glück nahm ich das blatt ihm weg!"

Zum Glück ist das Blatt aber in diesem wundersamen Band zu finden. Gemeinsam mit vielen anderen Blättern, auf denen Rautenberg Tiere in Gedicht-Tiere verwandelt, mit Lauten spielt, die Verse ganz schnell werden lässt oder, wie im Fall der Schnecke, gaaanz langsam: "maaanchmaaal iiist meeeiiin kooopf geeemeeeiiin". Bei alledem wissen die Verse, dass sie aus Sprache gemacht sind. Und stellen Fragen, anstatt oberlehrerhaft auf alles gleich eine Antwort zu haben.

Eine alte poetische Binsenweisheit lautet: Was sich reimt, das leimt sich. Arne Rautenberg allerdings hat großen Spaß daran, Wörter zusammenzuleimen, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Beim Lesen muss man immer wieder lachen oder wenigstens vor sich hin kichern, wenn das "gewissen" sein echo in "vollgeschissen" findet oder "figur" in "vokuhila-frisur". Andernorts reimt sich "schnelle" auf "großbaustelle" und "rein" auf "pinselohrschwein". Nicht umsonst ist hier der Mittwoch "weltlachtag". Und vermutlich der Donnerstag und der Freitag auch.

"Gedichte für alle" heißt das Buch im Untertitel. Das ist natürlich ein wunderbarer Verweis auf Ernst Jandl, der einen seiner schönsten Sammelbände "für alle" genannt hat. Gedichte, die wirklich jede und jeder lesen kann, wollte Jandl schreiben, Gedichte, die "nicht kalt lassen", die berühren, einen beim Lesen umtreiben und vor allem Vergnügen bereiten.

Das alles findet man auch bei Arne Rautenberg wieder. Das "rininininininininDER / brüllüllüllüllüllüllüllüllEN // schweineineineineineineineinE / grununununununununZEN" aus Jandls Gedicht "auf dem land" wird in den kuddelmuddel-Gedichten zu einem "gebet auf der arche noah", das eigentlich ein Arche-Noah-Konzert aus Tiergeräuschen ist: "oink-oink schnurr-schnurr summ zwitscher (...) / krah-krah meck-meck krah-krah muh-muh".

Nadia Budde hat den Gedichten farbstarke Zeichnungen an die Seite gestellt, die Motive der Verse auffalten und uns die immer wieder sehr menschenähnlich auftretenden Tiere in all ihrer Liebenswürdigkeit zeigen. Coole Kühe, mutige Möwen, Krähen und Raben, aber auch Feuersalamander und das berüchtigte wuuhuu: "das wuuhuu wacht / am abend auf / frisst noch den rest / vom sonnenlauf". Manche Gedichte sind so prickelnd, dass man dem Autor am liebsten einen Brief schreiben möchte. Macht man aber nicht, sondern zitiert zum Schluss lieber dieses Gedicht: "einen brief / soll ich schreiben? // mach ich / aber nicht // ich lass es / lieber bleiben // und schreibe / ein gedicht".

© SZ vom 13.10.2020

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