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Lyrik:Sonette von Andreas Reimann

Ein Buch mit 150 brillanten Miniaturen.

Sonette sind kleine schnurrende Spieluhren: zwei Vierzeiler, zwei Dreizeiler, mal paarweise, mal kreuzweise gereimt. Der Doppelspaß der Lyrik - sie sagt etwas und erfüllt (oder bricht) dabei eine Form - ist hier besonders spürbar.

Wer ist der beste lebende Sonettist in deutscher Sprache? Wir behaupten mal kühn: Der 73 Jahre alte Leipziger Dichter Andreas Reimann. Er bekommt gerade eine schöne Werkausgabe, und da glitzert "Das große Sonettarium" (Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 22 Euro) mit über 150 Gedichten besonders hell. Und nein, es geht nicht nur um DDR und Osten: "Als wäre lava vormals stufenweise/ und sich zerteilend hier hangab geflossen/ und habe eine straße fest, doch leise/ bevor sie aus der stadt lief, abgeschlossen." So beginnt ein Sonett über die Spanische Treppe in Rom. Die Katzen der Ewigen Stadt schimmern so: "Am mittag, wenn die Sonne gleißnerisch/ auf trümmerbrüche setzt den flimmer-glimmer,/ dann räkeln auf den eignen gräbern sich/ die römischen matronen, träg wie immer.// Nur sind sie freilich neugebor'n als katzen ...". Als Kind wurde Reimann von seinen Eltern verlassen (die Mutter brachte sich um), er kam ins Heim und dann zur Großmutter. Der Frühbegabte wurde gefördert, eckte aber rasch an und erlitt nach Protesten gegen den Prager Frühling 1968 Haft und Publikationsverbote. Frei, liebevoll und witzig thematisieren seine Gedichte immer wieder seine Homosexualität, zum Beispiel das Sonett "Das interview", das eine kleine Szene zwischen dem Dichter und einem hübschen Journalisten festhält: "Er stellte wahrlich mir gescheite fragen,/ so daß ich dachte: Der wird nimmermehr/ ein journalist! - Dann las ich nach drei tagen,/ ich hätt gedacht - wie zu erwarten: quer." Den Witz des Wortes "quer" enthüllt das Sonett aber erst danach: Aus der Phrase vom Querdenker wird ein Erkennungszeichen. Der Interviewer ist nicht nur gut aussehend, sondern auch klug, er hat die Erschütterung seines Gesprächspartners wahrgenommen: "Ich hätt beim reden oft den Blick gesenkt!/ Weh mir, er hats bemerkt, der junge schöne!/ Nur wirds noch schwerer, nicht mich zu verlieben."