Lyrik Magisches Quadrat

Der kleine Gott bleibt immer er selbst: Der neue Gedichtband des slowenischen Autors und Verlegers Aleš Šteger "Über dem Himmel unter der Erde" tastet die Bedeutungsnuancen der Sprache ab.

Von Nico Bleutge

Ein kleiner Gott versteckt sich im Sprecher dieser Gedichte. Schon seit der Geburt. Auch wenn der Sprecher sich fortwährend ändert - der kleine Gott bleibt immer er selbst. "Manchmal greift er aus mir / Und streichelt andere Götter / Ohne dass ich's merk." Doch so intensiv die Beschwörung auch ist, Aleš Šteger lässt offen, wer dieser kleine Gott sein könnte. Ist es die Liebe? Ein überirdisches Wesen? Oder der Geist der Poesie?

Aleš Šteger wurde 1973 in Ptuj geboren und gehört zusammen mit Anja Golob zu den auch hierzulande bekanntesten dichterischen Stimmen seiner Generation aus Slowenien. Er hat Essays, zwei Romane, vor allem aber Gedichte geschrieben. Und er ist ein hervorragender Übersetzer, der so unterschiedliche Dichterinnen und Dichter wie Ingeborg Bachmann und Gottfried Benn ins Slowenische übertragen hat. In seinen Versen spürt man ein großes Vergnügen daran, mit der Sprache nicht einfach etwas abzubilden, sondern mit den Wörtern und Buchstaben zu spielen, sie zu drehen und auf ihre Bedeutungsnuancen hin abzutasten. Besonders deutlich ist seine Lust auf intensive, unerwartete Bilder. Da können Büroklammern schon einmal zu Wegschnecken werden, und ein Kater erscheint als "kastrierter Travestit im Nerz".

In seinem neuen Band "Über dem Himmel unter der Erde", der in Slowenien bereits 2015 publiziert wurde, ist alles ein wenig gesetzter. Nun gibt es keine Sprachspiralen und "Zaubertricks" mehr zu entdecken. Aleš Šteger hat sich in den letzten Jahren offenbar ausgiebig mit fernöstlicher Philosophie und esoterischen Schriften beschäftigt. Und er war auf Reisen, in Japan vor allem, und hat von dort nicht nur Skizzen von Landschaften und Städten mitgebracht, sondern auch eine Liebe zu Matsuo Bashō und anderen Haiku-Meistern. Eine rechte Meditationsdichtung ist so entstanden, die den Raum zwischen den Wörtern und Sätzen auslotet, die immer wieder das Schweigen und die Ruhe in ihren Rhythmus holt, die mit Leerstellen arbeitet und stets die andere Seite des Lebens mitdenkt, das Nichtsein und den Tod: "Im Zirkus bekam ich / Ein magisches Quadrat. / Neun Symbole. / Ihre Summe ergab immer Tod."

In seinen stärksten Gedichten gelingt es Aleš Šteger, mit Widersprüchen zu arbeiten, die Gegensätze als selbstverständlichen Bestandteil des Denkens zu nehmen und sie bewusst auszuspielen. Als Momente einer im besten Sinne dialektischen poetischen Wahrnehmung, wie man sie aus seinem "Buch der Körper" (2012) kennt: "Etwas in etwas / Etwas, das hier und dort zugleich ist". In den weniger intensiven Stücken haben die Sätze bisweilen etwas Lehrhaftes, klingen nach Sentenzen oder kultivieren einen Verkünderton. Dazu gibt es manch schwache Überschreibung von bekannten Texten ("Mutter unser, / Die du bist in Körpern, / Zerstörung sei dein Name"). Der Übersetzer Matthias Göritz hat die Gedichte in ein gut rhythmisiertes Deutsch übertragen. Schade allerdings, dass die Ausgabe nicht zweisprachig ist.

Wie anders klingt Aleš Šteger, wenn er das Andere von Sprache und Welt mit feiner Ironie zu Gedichten formt, in denen er Sätze aus ganz unterschiedlichen Bereichen und mit wechselnden Sprechhaltungen zusammenzieht: "Hochgeschätzter Doktor der Kultur! / Vögel fliegen unterhalb der Wurzeln. / Computer sind durchgeschwitzt, / An den Polen wachsen Löcher, / Und ein Taubstummer stürzt / Aus ihnen hervor, / Um die Sklera abzuschaben / Und die Scham aus unseren Augen." Hier kann man die Sprache wieder als jenes Wunderding entdecken, das Aleš Šteger in seinen früheren Versen besungen hat. Und der kleine Gott der Gedichte greift nach außen und streichelt andere Götter.

Aleš Šteger: Über dem Himmel unter der Erde. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz. Edition Lyrik-Kabinett. Carl Hanser Verlag, München 2019. 96 Seiten, 18 Euro.