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Lyrik:Europa-Klage

Michael Krüger stellt einen neuen Gedichtband vor

Von Antje Weber

Ob er noch niemals auf Hawaii war, verrät er nicht. Er war jedenfalls noch nie in der Wüste, noch nie in St. Petersburg, in Kyoto, in Libanon, in Toronto. Wenn Michael Krüger im Nachwort seines neuen Gedichtbandes aufzählt, wo überall er nicht war, so heißt das allerdings nicht, dass er nirgends war. Er war oft im Südwesten Frankreichs, zum Beispiel, und er ist "sicher tausendmal durch den Englischen Garten gelaufen, die Thomas-Mann-Allee hinunter bis zum Wehr und dann auf der anderen Seite bis zum Aumeister und darüber hinaus, wo der Urwald beginnt".

Der Münchner Schriftsteller und ehemalige Verleger erzählt dies alles aus gutem Grund. Denn er hat seinem Gedichtband den, wie er selbst schreibt, "etwas pompösen" Titel "Mein Europa" (Haymon Verlag) gegeben. Krüger dokumentiert darin seine zahlreichen Reisen von Ende 2017 bis Anfang 2019; "Sarajewo", "Berlin, Friedrichstraße", "Salamanca", "Lenzerheide", "Kloster Banz" oder "Marseille" lauten die Titel der Gedichte, sie sind also alle - bis auf ein paar Gedichte aus dem "Irgendwo" - genau zu verorten.

Inhaltlich jedoch greifen sie, meist von Beobachtungen, Alltagssituationen, Naturbeschreibungen ausgehend, weit aus in den Raum der Erinnerung und des Existenziellen. Die Krähen, ohnehin als Todesboten in der Literatur allgegenwärtig, fliegen durch auffallend viele der Gedichte; aber da ist auch der "Star im Winterkleid" in Oxford mit seinem "löchrigen Geflüster", vom lyrischen Ich aufmerksam wahrgenommen, dem eigenen schläfrigen Herz, "im eignen Kummer gebadet". Das Herz, der Kummer, der Tod, das zusammenbrechende Europa - diese Texte aus dem Tagebuch sind wie so oft bei Michael Krüger melancholische Betrachtungen, Feiern der Schönheit in einer Schneeflocke, Übungen im Abschiednehmen auch.

Dieser Band ist also einerseits das Bekenntnis eines Kosmopoliten, der - aufgewachsen im geteilten Berlin - "von der Entgrenzung Europas nur profitiert" hat und heute mit einer "schweren Enttäuschung" auf Europa blickt. Andererseits scheint aber viel mehr als nur ein "fernes Echo meiner Liebe zu europäischen Landschaften und Städten" in diesen schönen, meist schlichten, mit sicherem Gefühl für Rhythmus schwingenden Gedichten durch: eine große, nicht verwundernde Liebe zu den Büchern, den Dichtern. Und zum Leben, allen Zweifeln, allen Ahnungen zum Trotz.

Michael Krüger: Mein Europa, Dienstag, 17. September, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1

© SZ vom 14.09.2019

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