bedeckt München 22°

Lyrik:Der Mond, von unbekannten Wesen angefressen

Zweisprachige Gedichte von Leta Semadeni, in Deutsch und Rätoromanisch. Sie machen Kindern Spaß, auch wenn sie sich nicht reimen.

Von Heike Nieder

Ohne Netz über einen Abgrund springen. Das ist gefährlich. Oder aber: ein großes Abenteuer. Dass Lyrik so ein Abenteuer sein kann, wissen bereits kleine Kinder. Sie springen in einfachen Abzählversen oder Anfeuerungsrufen ohne ein Netz von Zeile zu Zeile, Sinn oder Unsinn ist einerlei. "Schneller, Propeller, die Oma fliegt im Keller!" Die Fantasie der Kinder schafft ständig neue Zusammenhänge, auch da, wo man vorher keine vermutet hätte. Kinder lieben Gedichte meist so lange, bis sie in der Schule gezwungen werden, welche auswendig zu lernen oder zu interpretieren.

Schade! Lyrik kann so viel Spaß machen. Auch ohne Reime. Das beweist die Schweizerin Leta Semadeni in ihrem neuen Lyrikband "Tulpen / Tulipanas". Darin die beiden kurzen Strophen mit dem Titel "Gedichte lesen": "Leg / das Herz / in die Lücke // Spring / ohne Netz / auf die nächste / Zeile."

Ja! Mut zum Sprung! Dann findet jeder sein persönliches kleines Abenteuer. "Gestern hat ein Fuchs / meine Nacht gekreuzt // Im Lichtkegel / erinnerte er mich / dass ich einmal / über Dächer lief / und dachte der Mond / sei ein Apfel / von unbekannten Wesen / angefressen." Die Autorin macht nicht viele Worte, sie arbeitet mit starken Bildern. Da werden die aufgeplatzten Würste im Feuer zu Tulpen, der vögelfütternde Opa auf dem Balkon zu einem Tanzbären. Diesen Wortbildern fügt Madlaina Janett ihre rot-blauen Illustrationen hinzu, die einen auffangen können, falls einem der Abstand zwischen den Zeilen so ganz ohne Netz doch zu weit ist.

Und dann gibt es da noch ein weiteres Zuckerl, das man probieren sollte: Leta Semadeni verfasst viele ihrer Gedichte zusätzlich zum Deutschen auch in Vallader, einem Idiom des im Schweizer Kanton Graubünden gesprochenen Rätoromanisch. Beide Gedichtversionen stehen sich auf einer Doppelseite gegenüber. Als Nicht-Graubündenerin lernt man da zum Beispiel, dass "Mond" auf Vallader "glüna" heißt - welch wunderbar sprechendes Wort.

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zeichnete das im Schweizerischen Jugendschriftenwerk erschienene Büchlein dieses Jahr mit dem Josef-Guggenmos-Preis für Kinderlyrik aus. Der Preis wird seit 2016 alle zwei Jahre verliehen. Mit der Bekanntgabe des Gewinnertitels veröffentlicht die Jury außerdem eine Empfehlungsliste mit kinderlyrischen Neuerscheinungen. Erklärtes Ziel ist es, Verlage zur Veröffentlichung von Büchern mit Gedichten für Kinder und Jugendliche zu ermutigen.

Lyrik sollte keine Angst machen! Sie kann viel mehr Ängste vertreiben: Leta Semadeni schreibt in "Warum ich dichte": "Warum ich dichte? // Denn ohne Dichtung / wären Fenster / der freie Zutritt / für Gespenster". (ab 8 Jahre)

© SZ vom 17.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite