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Lyrik der Gegenwart:Wenn stehende Blitze rufen

Neubau Akademie der Künste Berlin

Drei Dichtergespräche und eine Lyriknacht in der Akademie der Künste in Berlin sollten eine Antwort auf die Frage geben, was Poesie ausmacht.

(Foto: Steffen Kugler/dpa)

Unter dem Titel "etc is poetry" hatte die Berliner Akademie der Künste zu Gesprächen über Gedichte und zu einer Lyriknacht geladen, und plötzlich schien der Pariser Platz voller Kobolde zu sein.

Von Jens Bisky

Man kann mit Gedichten vieles anfangen, kann sie auswendig lernen oder ignorieren, kann sie von Literaturwissenschaftlern erkennungsdienstlich behandeln lassen oder die Verfasser fragen, wie sie ihre Gebilde denn gemacht haben. Eigentlich aber, sagte die Dichterin Monika Rinck, als sie in der Berliner Akademie der Künste um poetologische Erklärungen gebeten wurde, eigentlich müsste die Poetologie doch von den Lesern geschrieben werden. Sie gebe gerne Auskunft, aber was wisse sie, was die Texte machen, wenn sie nicht da sei. Schon stand ein Bild vor Augen von koboldartigen Wesen, die über den Pariser Platz huschen, auf den Treppchen des Akademiegebäudes Purzelbäume schlagen, jeden anlocken, sich nach Belieben streicheln und zwicken lassen. Aber wenn einer sie festhalten will, sind sie wieder fort und winken von einer fernen Terrasse herüber.

"etc is poetry" waren die zwei Akademieabende überschrieben. Der Titel stammt aus Ernst Jandls "easy grammar poem", er ist die Schlusswendung des 1970 veröffentlichten Gedichts, dem der Englischlehrer Jandl das englische Konjugationssystem zugrunde gelegt hatte: "aye is poetry / you is poetry / hey is poetry". Das Wort Poesie, poetry, bleibt in Jandls Schema gleich, es verändern sich die Personalpronomen von "aye" über "eat" und "wee" bis zum finalen "etc".

Was das nun heißen könne, sollten drei Dichtergespräche und eine Lyriknacht illuminieren. Zum Auftakt sprach der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt über die Paradoxien des Gedichts, die er, wie sollte es anders gehen, wiederum in einem poetischen Bild fasste, dem vom "stehenden Blitz". Gedichte seien dynamische wie enigmatische, also rätselhafte Ereignisse. Man vergehe sich gegen sie gleichermaßen, wenn man das Rätsel löse und wenn man es nicht löse.

Dass es der deutschen Lyrik gut geht, ist unter Lesern ein Gemeinplatz. Zur Begründung wird meist der Preis der Leipziger Buchmesse für Jan Wagners "Regentonnenvariationen" erwähnt. In diesem Jahr steht Steffen Popps Gedichtband "118" auf der Leipziger Belletristikshortlist: "Wuchern und Dunkel, zwei Schwestern / ein Puls. Alles wächst innen, unendlich ..."

Mehr noch als Preise und Betriebsereignisse überzeugten die Dichtergespräche vom Glück einer blühenden, manchmal sogar florierenden Gegenwartsdichtung. Alte und jüngere Lyriker hatten einander etwas zu sagen, ließen gelten und widersprachen ohne den Zwang, sich einigen zu müssen. Die ganz Jungen fehlten leider auf der Bühne wie im Publikum. Aber die Kobolde waren immer dabei, es hatte jeder ein eigenes Gedicht und das Werke eines anderen mitgebracht, ein "Fremdgedicht".

"Wie sich Stadtplan zu Stadt verhält / Text zu Sprache ... "

Ulf Stolterfoht etwa las "tacho eschnapur" von Oskar Pastior, dem 2006 Verstorbenen: "mach ernst mach mach /mach überschall vitel- /lo tubs mach ungenau ..." Und wer ihn hörte, glaubte ihm sofort, dass in Gedichten nicht die Sprache, aber das Wort zum Gegenstand wird und dass Dichten auch ein Versuch sei, Klangstrukturen nachzubilden, Rhythmen, die man im Ohr habe, oft mehrere ineinander, unbewusst.

"Was Schönheit ist zu was", sagt ein Gedicht von Ursula Krechel: "Wie sich Stadtplan zu Stadt verhält / Text zu Sprache, Krankenwagen / zu Rettung, Seil zu Absperrung ..." Als sie berichtete, sie lasse oft drei, vier unfertige Gebilde liegen, da dem Gedicht sehr viel geschehe, wenn man es liegen lasse, fragte der Büchnerpreisträger Marcel Beyer überrascht, erschrocken fast: "Rufen die nicht nach dir?"

Das Geschrei dieser Kleinkinder müsse sie eben aushalten, erwiderte Krechel, manche Gedichte kämen schon ganz gut alleine zurecht, andere riefen lauter. Gewiss ist es mit dem Verfertigen von Gedichten wie mit anderen Tätigkeiten auch, es wechseln Begeisterung, Verzweiflung, Panik, Müdigkeit. Marcel Beyer sprach über den Augenblick, wenn ein Text zu seinem Schöpfer sagt, "mach du dein Zeug, ich komme alleine klar", und las dann ein Gedicht von Friederike Mayröcker für Oskar Pastior, ein kleines Worttheater: "Maden im Strumpf: langsam bewegt sich der Strumpf im Wäscheschrank / vorwärts!, sie rudeln sich so zusammen - (WAS?!)"

Da wurde wie durch Zauberschlag klar, dass die Kobolde nicht einzeln zu verstehen sind, dass Gedicht sich an Gedicht entzündet, dass viele lesen sollte, wer sich an einem erfreuen will. Während der Lyriknacht dann suchte Michael Krüger in einem Band mit seinen Gedichten nach dem einen, von dem er sicher war, es dort zu finden; aber es hatte sich fortgemacht. So eigenwillig sind sie.

© SZ vom 13.03.2017

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