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Lyrik:Das erlöste Babel

Eine gesamteuropäische Anthologie - kann das gut gehen? "Grand Tour" zeigt Gedichte in 46 Sprachen.

Babel und die mit ihm einhergehende Sprachverwirrung wurde von Gott als ein Fluch verhängt: So erzählt es die Bibel. Es ist gewiss der Fluch des politischen Europa. Englisch ist die Sprache der Welt, aber keineswegs diejenige Europas, und nach dem Brexit weniger denn je. Die zwei größten Sprachen, Deutsch und Französisch, werden als hegemonial beargwöhnt, nicht ganz zu Unrecht. Doch wenn man die nächstgrößeren, Italienisch und Spanisch, ebenfalls als offizielle Hauptsprachen zulässt, warum dann nicht Polnisch? Oder Rumänisch, Niederländisch, Portugiesisch, zuletzt Maltesisch und Gälisch? Bei 26 nationalen Sprachen ergeben sich Hunderte Sprachenpaare, es muss vom Lettischen ins Griechische, vom Kroatischen ins Finnische gedolmetscht werden: ein bürokratischer Albtraum, selbst nach EU-Maßstäben.

Nun treten die Dichter Frederico Italiano und Jan Wagner mit einer Anthologie die Flucht nach vorn an: Sie begrüßt das europäische Babel ausdrücklich. Wie herrlich ist es, dass dieser kleine Kontinent, dieser bloße Wurmfortsatz Asiens, so viele Sprachen beherbergt - und dass es in allen Dichter und Dichterinnen gibt! Der Band heißt "Grand Tour - Reisen durch die junge Lyrik Europas". Grand Tour, das war einmal etwas für den adligen Nachwuchs, der sich an den französischen und italienischen Höfen seinen Schliff holte. Heute kann sich, dank Interrail und Flixbus, jede Studentin Entsprechendes leisten. Reisen ist, was es nie zuvor war, demokratisch geworden. Und von diesem demokratischen Ideal lässt sich dieses Buch leiten.

Es gliedert sich in sieben "Reisen" zu je sieben Stationen, sieben mal sieben, eine magische, eine glückbringende Zahl. Jede Reise folgt nicht einer realen Route, sondern springt so weit wie möglich auf dem Kontinent herum, gleich die erste zwischen Polen, Wales, Mazedonien, Island, Moldawien, Portugal und Finnland. Dabei überwiegt das staatliche das linguistische Prinzip: Wales steuert gälische und englische Lyrik bei, Estland estnische und russische. Der Band nimmt es hin, dass sich das, was einmal Serbokroatisch hieß, aus politischen Gründen in Serbisch, Kroatisch und Bosnisch zerlegt hat. Sein Internationalismus rechnet jedenfalls mit Nationen - und ist auch darin ein typisch europäisches Projekt.

Jan Wagner, 2015

Dichter und Büchner-Preisträger 2015: Jan Wagner.

(Foto: Catherina Hess)

Die beiden Herausgeber Federico Italiano und Jan Wagner formulieren angesichts der gegenwärtigen Krise der Gemeinschaft ihre Ziele eher zurückhaltend: "Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel, um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden." Ihre Aufgabe als Herausgeber haben sie jedenfalls sehr ernst genommen und sich für die zahlreichen Sprachen, die ihnen fernstehen, ausführlich Rat bei denen geholt, die damit vertraut sind; und sie haben sich der Hilfe erstklassiger Übersetzer versichert.

Das Buch öffnet die Augen für die Ähnlichkeit des Anderen

Lassen sich irgendwelche Tendenzen erkennen? Am ehesten wohl die, dass die Lyrik heute, randständig zwar wie eh und je, aber doch in allgemeiner und vielfältiger Blüte steht. Der Westen neigt eher zum leichten, der Osten zum schweren Ton. Aber bei uns liegen die historischen Schrecknisse ja auch schon mehr als sieben Jahrzehnte zurück, in Ex-Jugoslawien gerade mal zwei.

Tausend Gedichte dürften es ungefähr sein, aus 46 Sprachen. Wo anfangen? Vielleicht, weil es so am knappsten geht, bei den Überschriften. "Tagsüber trinken" nennt der Waliser Patrick McGuinness sein Gedicht, und er unterscheidet, wie nur ein echter Adept es kann, zwischen den zauberischen Wirkungen des ersten, zweiten und dritten Schlucks. "Ich lebe in einem land in dem exhumierungen schlagzeilen machen", das ist, kaum überraschend, von einem Bosnier, Faruk Šehić. "In der U-Bahn gibt mir eine Frau mein Taschentuch zurück" - eine Kränkung, die außerhalb Litauens, wo Agnė Žagrakalytė lebt und schreibt, vielleicht gar nicht so empfunden worden wäre. "Auf uns sei Land gebaut", so spricht in sarkastischer Mimesis der landsmannschaftlichen "Hygge" die Dänin Ursula Andkjær Olsen. "Unsere köchinnen": das unmittelbare Erlebnis des Essens spielt in den Gedichten aus dem riesigen slawischen Raum eine weit wichtigere Rolle als im abgeklärten Westeuropa, selbst wenn die Sprache uns geografisch so nahe ist wie das Tschechische, in dem Jakub Řehák schreibt. Im Serbischen sind es die Kohlrouladen, im Russischen der Dill, die zur Ehre des Gedichttitels gelangen.

Und das Buch öffnet die Augen für die Ähnlichkeit des Anderen, wenn man bei Sprachen, die man nicht kennt, den Blick von der deutschen Version aufs beigegebene Original schweifen lässt. (Der Rezensent räumt ein, dass ihm das nur bei den germanischen und romanischen Sprachen gelang, denn mit zum Beispiel den slawischen ist er leider nie in Berührung gekommen, vom Albanischen, Ungarischen, Georgischen zu schweigen.) "Die Angst kriecht ins Bett / mit kalten Füßen", beginnt die Isländerin Gerđur Kristný ihr Gedicht "Nussschokolade". Im ursprünglichen Wortlaut: "Hnetsúkkulaði // Kviðinn skriður upp í / með kalda fætur". Da versteht man erst einmal wenig, erkennt aber doch mit Freude die kalten Füße. Und man hat Gelegenheit, die oft zu hörende Auskunft, das Isländische würde sich niemals Wörter fremdländischer Herkunft einverleiben, in Zweifel zu ziehen: Denn woher käme die súkkulaði, wenn nicht von der im Kern aztekischen Schokolade? - "die Blüten wie offene Geschlechtsteile - sind sie Geschlechtsteile? -", so steht es, ein wenig ungelenk, in der deutschen Version des Gedichts von Luís Quintais, und man fragt sich: Was wohl mögen die Geschlechtsteile auf Portugiesisch sein? Man findet: "as flores como sexos - são sexos? -". Man fühlt, um wie viel dunkler und poetischer und minder anatomisch das im Original klingt; und mag doch den Übersetzer nicht schelten, denn er hat das ihm Mögliche vollbracht.

Lyriker, Übersetzer, Literaturwissenschaftler: Frederico Italiano.

(Foto: Isolde Ohlbaum/laif)

Es ehrt das Buch, dass es auch die Kleinsten nicht vergisst, die Samen in der Arktis und die Ladiner, die kleinste Sprachgemeinschaft Europas, die mit wenigen Tausend Sprechern im Südtiroler Grödnertal ausharrt, italienisch Valgardena. Roberta Dapunt schreibt über ihre Muttersprache: "Ladiner, so kleiner name / weisen die augen & blinzeln ins land, / winzige herde auch wir eingeladen auf der welt". Ja, das ist das Besondere und Schöne an Europa, das, was sich an ihm zu verteidigen lohnt: dass es eine Einladung an die Kleinen und wenigen darstellt, sich am großen Ganzen zu beteiligen, ohne dass sie ihre Eigenart verleugnen müssen. "Jënt ladina, tan pice inom / rodosa i ödli y ćiara lunć, / mënder tlap inće nos adinfinit söl monn".

Ein Buch wie dieses kann man eigentlich gar nicht rezensieren. Eher geht es darin zu wie bei einem Feuerwerk mit seinen vielen, sich rasch ablösenden Figuren am Nachthimmel; oder besser, weil die Gestalten doch nicht zerstieben, sondern bleiben, wie bei einer Schatzhöhle, wo man nur mit dem Finger zeigen und rufen kann: Schau da! Und da! Und da drüben! Bei einem Schatz kann man, vom Funkeln geblendet, nicht alles auf einmal zuordnen und verwerten. Man lasse sich Zeit damit. In diesem Sinn ist dieses Buch bestimmt ein Schatzhaus.

Federico Italiano, Jan Wagner (Hg.) : Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Hanser, München 2019. 582 Seiten, 36 Euro.