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Lyrik-Band über Rassismus:Die Verletzung anerkennen, den Schmerz benutzen

Natürlich haben für Rankine - oder ihre literarische Figur - solche Erfahrungen noch mal eine andere Relevanz. Gerade weil das Thema so wichtig ist, bleibt das Unbehagen: Dass es sich im Grunde um eine mit literarischen Mitteln emotional gepeppte Fallbeispielsammlung zur vorherrschenden Rassismustheorie handelt - und weniger um Literatur aus eigenem Recht.

Das rührt zum einen von dem Ansatz her, Befindlichkeiten und eigene Interpretationen absolut zu setzen. Natürlich können sie eine Erkenntnisquelle sein, aber eben keine Wahrheitsquelle. Die Verhältnisse werden durch sie nicht offengelegt. Trotzdem wird Betroffenheit zunehmend nicht nur zum Wahrheits-, sondern auch zum literarischen Kriterium. Ganz davon abgesehen, dass diese Art der Betrachtung der Welt auch etwas wirklich Ödes hat. Zeitweise liest sich "Citizen" wie eine Checklist: Hier hat er meine Hautfarbe erwähnt - Check, Rassismus. Hier wurde Serena Williams kritisiert - Check, Rassismus. Das nimmt jenen Momenten im Buch die Kraft, in denen sich wirklich ein durch tief sitzende rassistische Stereotype bedingtes Ungleichgewicht zeigt.

Die aktuelle Tendenz in der postkolonialen Gesellschaftskritik ist, sich auf einen bequemen Kulturrelativismus zurückzuziehen, der auf der einen Seite um Selbstkritik kreist und der sich auf der anderen in Black-Panther-Fantasien ergeht. Es ist ja auch schwieriger, sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es das rein Gute in der Kultur nicht gibt. Die Brutalitäten und die Errungenschaften der europäischen Geistesgeschichte sind hier zwei Seiten einer Medaille. Aber eine Beethoven-Sinfonie wird nicht weniger großartig, weil es auch Sklaverei gegeben hat. Die Entdeckung des Individuums als eigenes Universum ist keine geringere Errungenschaft, nur weil es kapitalistische Ausbeutung gibt. Literatur sollte sich in diese Widersprüche stürzen, anstatt sich mit einem Betroffenheitston zu begnügen.

"Citizen" ist eines der Bücher der Stunde, aber zugleich ist es furchtbar langweilig. Die taz schrieb in ihrer Rezension: "Die Verletzung anerkennen, den Schmerz benutzen, um sich mit anderen zu verbinden - Trauerarbeit und Empowerment -, darum geht es in Rankines Text." Nun, für Trauerarbeit (schreckliches Psychologenunwort, im Übrigen) kann man zur Therapie gehen. Für Empowerment eine Aktivistengruppe gründen. Aber mit Literatur hat das nichts zu tun. Im Moment aber dominiert Identitäts-Opferbefindlichkeitsprosa. Das mag notwendig sein, um einen gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Literarisch ist es eine Sackgasse.

Claudia Rankine: Citizen. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Spector Books, Leipzig 2018. 14 Euro

© SZ vom 04.05.2018/khil/luch
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