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Lydia Davis' kürzeste Geschichten:Was kostet ein gebrochenes Herz?

Die Erzählerin Lydia Davis hat das Genre der Shortstory zerlegt und ins unendliche Kreisen unserer Wünsche überführt. In "Es ist, wie's ist" erscheinen jetzt die frühen Geschichten aus der Zeit ihrer Ehe mit Paul Auster.

Von Hubert Winkels

kostenfreies Autorinnenfoto von Lydia Davis für Rezension, (c) Theo Cote/Droschl Verlag

Meisterin ihrer Form: Die 1947 in Massachusetts geborene Schriftstellerin und Übersetzerin Lydia Davis.

(Foto: Theo Cote/Theo Cote)

Ihre Bücher tragen die Gattungsbezeichnung "Stories", ihr jüngstes auf Deutsch veröffentlichtes Buch beginnt mit einer Story, die "Story" heißt. Kurzgeschichten sagt man auf Deutsch und präzisiert, Lydia Davis schreibe gar "Kürzestgeschichten". Oder, wie der amerikanische Kritiker James Wood schrieb: Short-Short-Stories.

Nun hat diese Erzählform, neben neuen medialen Sonderformen, etwa der Snapshot-Story, zwei gängige Anwendungsformen. Die größer dimensionierte kann man auch als "Narrativ" bezeichnen. Es macht aus einem Haufen Informationen quasi-kausal verbundene Ketten. Ein Zustand oder ein Ereignis folgt plausibel aus den vorhergehenden. Das gilt für alle sozialen Handlungsräume, für historische und politische, ökonomische, soziale und psychologische. Im marketingnahen Gebrauch dominieren Intention, Wille, Vision die Handlung. Ein gutes Narrativ sichert Deutungshoheit und verkauft gut.

Im engeren literarischen Sinn sind es oft anonyme Kräfte, das Schicksal, das Trauma, das Unbewusste, welche die Handlung einer Erzählung steuern, wobei die Kurzgeschichte historisch an die Entwicklung des Zeitschriftenwesens in den USA gekoppelt ist. Mit den Höhepunkten Hemingway, Fitzgerald, Carver. Zuletzt erhielt Alice Munroe für ihre Kurzgeschichten den Literaturnobelpreis. Kurzgeschichten sind fest in Zeit und Raum situiert und halten innerhalb einer langen Entwicklung einen Moment des Wandels fest, den kathartischen oder katastrophalen Kipppunkt. Ist sie gelesen, ist man im Bilde. Man schlägt die Zeitschrift zu und steigt aus.

"Er sagt, er wird zurückrufen. Ich warte."

Warum ist die Erinnerung an den Begriff wichtig im Zusammenhang mit Lydia Davis' Schreiben? Einfach gesagt: weil sie alle mit der Form der Kurzgeschichte verbundenen Gewissheiten infrage stellt und ihre ganz andere Erzählweise entwickelt hat. Sie baut aus den Bruchstücken einer selbstgewissen Form neue Formen, sie ist eine Ruinenbaumeisterin der klassischen Kurzgeschichte, in ihren Verfahren und Stoffen.

Es liegt dramaturgisch nahe, die erste, "Story" genannte Story des Bandes "Es ist, wie's ist" darauf hin anzuschauen. Sie beginnt so: "Ich komme von der Arbeit nach Hause und finde eine Nachricht von ihm vor: dass er nicht kommt, dass er zu tun hat." Und wenige Sätze weiter heißt es: "Um Viertel vor elf rufe ich wieder an, und er ist zu Hause: Er war mit einer Ex-Freundin im Kino, und sie ist immer noch bei ihm. Er sagt, er wird zurückrufen. Ich warte. Schließlich setze ich mich hin und schreibe in mein Notizbuch, dass er entweder zu mir kommen wird, wenn er mich anruft, oder aber dass er es nicht tun wird und dass ich wütend sein werde, sodass ich entweder ihn habe oder meine Wut, und das wäre vielleicht in Ordnung, denn Wut hat etwas sehr Tröstliches, wie ich bei meinem Mann herausgefunden habe." So könnte es endlos weitergehen mit Rekonstruktion und Spekulation. Wir Leser steigen für die Zeit der Lektüre kurz in einen mäandernden Fluss von Worten und Deutungen. Aber wir lesen keine klassische Geschichte mehr.

Lydia Davis unterrichtet Literatur an der New York State University in Albany, und es gibt auch zwei Essaybände von ihr, schlicht "one" und "two" genannt, aber ihre Verfahren erkennt man am besten an ihren Geschichten. Sie verwebt, wie sie es von ihren geschätzten und auch übersetzten modernen Franzosen Michel Butor und Maurice Blanchot gelernt hat, Geschichten und ihre Reflexion, lädt den Leser geradezu ein, aus ihrer Erzählweise theoretisch zu extrapolieren, und sie macht es ihm vor, insofern sie sich in ihren Geschichten immer wieder auf deren Entstehung bezieht, Varianten beibringt, Korrekturen, Neuansätze, meist durch die Akteure, die sich der ihnen widerfahrenen Geschichte (vergeblich) zu vergewissern versuchen.

Die eigenen Wünsche und Ängste verzerren das Erlebte

Davis nimmt die Unsicherheit des Erzählens unmittelbar in die Geschichten hinein. Da ist so gut wie immer jemand, der etwas weiß oder erinnert, aber schon bei der Formulierung merkt, dass das Erlebte verschwimmt, undeutlich oder übercodiert ist. Was war, was ist, ist niemals, was es ist, es ist vielmehr niemals zu fassen, immer in Bewegung. Davon handelt das Schreiben der Lydia Davis, aber es prägt auch das Schreibverfahren selbst, das beiläufig wirkt, aber viel Aufmerksamkeit verlangt. Das nun in großer Konsequenz rund vierzig Jahre lang exerziert zu haben, mit wachsender internationaler Anerkennung, bedeutet auch einen Bruch der literarischen Gattungsgeschichte, und es ist ein Teil des weitergehenden Bruchs, den die Künste mit historisch verhärteten zeichenförmigen Standards vollziehen.

Nicht nur die jeweilige Heldin wird zur Detektivin in eigener verlorener Sache. Auch der Leser wird zum Spurensucher. Die Zeitverhältnisse können nicht stimmen, weil ein anderes Wetter geherrscht haben muss; man konnte nicht richtig sehen, weil die Fenster beschlagen waren; es standen mehrere Autos vor dem Haus und der Garage, oder standen sie in der Einfahrt? Verschärfend baut Lydia Davis manchmal flagrante Widersprüche ein. Das Schlimmste dabei, das mit dem Schönen so gut wie zusammenfällt: Es sind die eigenen Wünsche und Hoffnungen, die das Erlebte verzerren, die eigenen Ängste und Befürchtungen. In einigen Geschichten gehen die Externalisierungen der inneren Dramen so weit, dass parabelhafte Erzählräume entstehen, die dann auch schon einmal an Kafka erinnern.

Doch meist sind die Geschichten von Liebesverlust, Liebesende, Sehnsucht, Trauer und Verzweiflung permanenten Autokorrekturen unterworfen. Wir kommen nie an das Ende dieses Prozesses, es gibt in den Geschichten so gut wie nie ein richtiges Finale, keinen Kuss zum Abschied, kein klares Nein, keinen Tod, keine Erlösung, keinen Neuanfang. Alles geht immer weiter. Darin steckt das ganze Glück und Unglück. Und es entsteht gelegentlich ein trockener, fatalistisch grundierter Humor.

Eine Tür öffnet sich so kurz, dass keiner durchgehen kann

Einmal hat Lydia Davis die große Form versucht. Ihr einziger Roman heißt bezeichnenderweise "Das Ende der Geschichte" und ähnelt der Geschichte "Der Brief" im vorliegenden Erzählband. Da die Geschichtenbände von Lydia Davis nicht in der Reihenfolge der amerikanischen Publikationen auf Deutsch erscheinen, kommt man ins Grübeln, welcher Text zuerst da war. Tatsächlich stammt die Sammlung "Es ist, wie's ist" von 1986, der Roman von 1995. Letzterer dürfte also die extended version sein. Aber was heißt das? Es heißt, dass das Zweifeln und Korrigieren, das Lesen von Indizien in immer neue Runden gehen. Redundanz und Langeweile sind nicht zu vermeiden, und so blieb der Roman denn die Ausnahme im Werk.

In der ersten "Story", der vom vergeblichen Warten, geht das Schreiben allerdings mittendrin mit einem gewissen Tamtam anders weiter: "Und dann schreibe ich weiter - in der dritten Person und im Präteritum -, dass sie offensichtlich immer eine Liebe brauchte, selbst wenn es eine komplizierte Liebe war. Er ruft zurück ..." Ein einziger Satz bemüht das epische Präteritum, handelt von etwas scheinbar Endgültigem - und wird sogleich wieder weggerissen ins aufschiebende Präsenz der Um- und Umdeutung. Er ruft zurück und so weiter. So schmerzhaft kurz hat sich die Tapetentür geöffnet, dass keiner durchgehen kann.

Die Entstehung der Erzählungen aus "Es ist, wie's ist" fällt in die Zeit, als Lydia Davis mit Paul Auster verheiratet war und sich länger in Paris aufgehalten hat. Paul Auster hat danach seine New-York-Trilogie verfasst, in der das Unheimliche, Schwankende bestimmend wurde, und das Individuelle in der Figur des Doppelgängers ausgelöscht. Lydia Davis arbeitet auf ihre Weise auch gegen die Herrschaftsposition des Subjekts, die Zentrierung der Geschichten an, und sie gibt der Eigenbewegung der Sprache Raum. Sie ist vom Stamme der Blanchots, Barthes, Derridas und eben (frühen) Austers. Man kann nicht sagen, dass sich ihre Schreibweise wesentlich verändert hätte im Lauf der Jahre, und trotzdem findet sie immer neue Wendungen, um jede stabile narrative Einheit zu verhindern. Das ist auf eine, zugegeben subtile Weise spannend.

So tautologisch, wie er wirkt, passt der deutsche Titel nicht zu Davis

Der erste Übersetzer von Raymond Carver ins Deutsche war der österreichische Schriftsteller Klaus Hoffer. Er hat bisher ein halbes Dutzend Lydia-Davis-Bücher für den Droschl Verlag übersetzt. Die Reihenfolge dieser Übersetzungen wirkt ziemlich zufällig. Das jüngste deutsche Buch ist eines der ältesten amerikanischen. Die "Collected Stories" gibt es nicht auf Deutsch, die Essays auch nicht, der Roman kam irgendwann mittendrin. Das kann man mit ein wenig Davis'schem Humor als publizistische Dezentrierung auffassen. Zumal die Autorin, die als Jugendliche eine Zeit in einem Grazer Internat verbracht hat und gelegentlich aus dem Deutschen übersetzt, bei einigen Grundfragen der Übersetzung sicher mitgewirkt hat.

Ihre Texte halten die prekäre Mitte zwischen einer von Vergeblichkeit getragenen Handlung, der Auflösung aller festen Bezüge und dem Eigensinn der Sprache. Klaus Hoffer, selbst geprägt von der avantgardistischen Anfangsphase des Forum Stadtpark in Graz, hat eine schwierige Gratwanderung zu vollziehen. Er muss nah am Wort, an der grammatischen Form bleiben, um die kleinen Anstöße zu großen Richtungsänderungen im Deutschen einzufangen. Gut, dass er ein Lydia-Davis-Routinier im besten Sinne geworden ist. Müßig, ihm manchmal eine andere Wendung vorschlagen zu wollen. Aber im Fall des Titels des jüngsten Bandes dann doch, weil genau das tautologische Bekräftigen einer Sache als unveränderliche gerade nicht die Sache von Lydia Davis ist.

Cover Lydia Davis_Es ist wies ist_Droschl Verlag

Lydia Davis: Es ist, wie's ist. Stories. Aus dem Englischen von Klaus Hoffer. Droschl, Graz. 171 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Droschl Verlag/Droschl Verlag)

Im Amerikanischen heißt ihr Buch und die titelgebende Geschichte "Break it down": Wie darin im Zusammenspiel einer einzigen eleganten Bewegung und der exakten Gegenbewegung eine fast herzzerreißende Liebesgeschichte entsteht, das ist für jeden fühlbar hohe Kunst. Ein Liebhaber versucht, den Schmerz des Verlustes der Geliebten zu kompensieren, indem er rechnet, was ihn Sex und Geborgenheit gekostet haben. Aber die so nüchtern reduzierte Liebesgeschichte wird immer stärker und schöner, bis er es vor Verlustschmerz nicht mehr aushält. Diesen Schmerz sieht er zuletzt in einem Kästchen in einem Schaufenster vor sich liegen. Da heißt es dann: "It's hard and cold, like a bar of metal. You just look at it there and say, All right, I'll take it, I'll buy it. That's what it is."

Diese Wendung gibt den Titel des deutschen Bandes. Allerdings steht hier der metallische Schmerz noch einmal zum Kauf, ist also so wenig absolut wie irgend etwas in Lydia Davis' Geschichten. Sie sind eben gegen alles Metallharte geschrieben. Und es ist keine tautologische Wendung. Sondern eine der Kleinigkeiten, mit denen Lydia Davis das Ganze in Bewegung bringt. Große Kunst möchte man nicht dazu sagen. Aber es ist eine, so klein sie sich auch macht.

© SZ/masc
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