bedeckt München 15°

"Luther" - der Film:Ein Himmelhund auf dem Weg in die Moderne

Der Film lässt Luther Mit seinen Sünden allein: Die Filmkritik aus protestantischer Sicht.

Warum hat eigentlich seit mehr als einem Vierteljahrhundert keiner mehr versucht, Martin Luther zum Leinwand-Helden zu machen? Die Versuchung, wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen darf, müsste doch ziemlich groß gewesen sein: Der Mann hat alles, was man für einen Hollywood-Helden braucht, jeder kennt ihn, seine Lebensgeschichte ist ausreichend dramatisch für drei Drehbücher und die Rechte sind frei.

Luther ist deswegen ein so vollkommener Kinoheld, weil seine Figur - ganz besonders so, wie Eric Till, der Regisseur des neuen "Luther", von ihm erzählt - jeden modernen Querkopf spiegelt: ein Peacenik mit sozialem Gewissen, der zwar zum Widerstand aufruft, dem es aber lieber wäre, wenn dieser sich unbewaffnet durchsetzen könnte; der eine sympathische und absolut vernünftige Haltung zur Welt an den Tag legt. Das meiste von dem, worum es hier geht, ist heute gesellschaftlicher Konsens. Der Ablasshandel ist aus der Mode gekommen. Die Praxis, verarmten Gläubigen die letzten Kröten aus der Tasche zu ziehen, ist weitgehend geächtet, wenn auch nicht ausgerottet. Und selbst die Katholiken dürfen inzwischen die Bibel in Sprachen lesen, die sie verstehen.

Man könnte gegen einen Kino-Luther immer noch einwenden, es sei nicht sehr geschmackvoll, ihn zum Unterhaltungshelden zu degradieren. Eric Till macht ein paar Zugeständnisse an die Kinodramatik, über die man streiten kann - so verordnet der Revoluzzer Luther einem Selbstmörder ein christliches Begräbnis.

Das ist aber vielleicht gar nicht der falsche Geist - die ganze Bibel ist ein Melodram, die christliche Kirche hat einen unschlagbaren Sinn für Inszenierung. Und wenn die Antwort der evangelischen Kirche auf die Live-Auftritte des Papstes das Kino ist, beweist das nur, wer mehr Sinn hat für moderne Präsentation. Lila ist langweilig! Im letzten größeren Kinoversuch in Sachen Luther - nach John Osbornes Vorlage - hat der mopsgesichtige Stacy Keach die Titelrolle gespielt. Wenn sich Eric Till für Joseph Fiennes entschieden hat, ist das eine sehr hollywoodtaugliche Entscheidung. Und von guten Melos verstehen sie in Hollywood mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

Es gibt natürlich trotzdem zwei gute Gründe, warum es mehr Filme gibt über Martin Luther King als über Martin Luther. Und einer von beiden hat Eric Till offensichtlich schwer zu schaffen gemacht: Die Geschichte leidet geradezu zwangsläufig am Harry-Potter-Syndrom. Der Held hat schon von allein viel zu viele Fans, auf deren Erwartungen jeder Film Rücksicht nehmen muss. Eric Till ist an das Problem ähnlich herangegangen wie der Potter-Regisseur Chris Columbus - er hat sich für einen Film entschieden, der eigentlich kein eigenständiges Werk ist, nur im Zusammenhang mit seiner Vorlage funktioniert. Alles, was reingehört in die Geschichte, kommt auch im Film vor, damit keiner einen Mangel an Vollständigkeit beklagen kann - was wiederum nur Leute tun, die alle Details schon vorher kennen. Tills "Luther" hetzt von Ereignis zu Ereignis, und man wird den Eindruck nicht los, dass von manchen Szenen nur noch das Skelett übrig ist. Die Bauernkriege werden quasi von der vorbeifliegenden Kamera gestreift. Alfred Molina als Tetzel schaut mal kurz vorbei, verkauft fix ein paar Ablassbriefe und ward dann nie wieder gesehen. Das gesamte Reformationspersonal wird über die Leinwand gejagt, und bei manchen reicht der Auftritt eben nur für ein knappes Grüß Gott. Auch die 95 Thesen haben keine tragende Rolle abgekriegt: Sie werden an die Kirchentür zu Wittenberg genagelt, und das war's.

Das führt zum zweiten Problem, das ein Film über Luther hat, und das hat Eric Till auf seine ganz eigene Art gelöst: Die Lehre Luthers nach Till ist vor allem deswegen so attraktiv, weil sie um alles verschlankt ist, was keinen Spaß macht. Hätten die Thesen mehr Raum bekommen, dann hätte Joseph Fiennes komplett unattraktive Dinge sagen müssen wie: Das ganze Leben ist Buße. Genaugenommen ist die Lutherkirche, wenngleich heute weltoffener als ursprünglich gedacht, extrem sündenfeindlich: Der wahre Evangele ist ein Ausbund an Tugend und Bescheidenheit, der nichts als seinen Glauben hat, mit seinen unbeichtbaren Sünden alleingelassen wird, für deren Erlass er gefälligst sein Bestes zu tun hat, ohne je zu erfahren, ob er fertig ist mit Büßen.

Macht nichts: Bei Joseph Fiennes klingt das alles viel weniger trostlos. Und einstweilen gilt der Verkauf von Kinokarten nicht als Ablasshandel.

LUTHER, D/USA 2003 - Regie: Eric Till. Buch: Camille Thomasson, Bart Gavigan. Kamera: Robert Fraisse. Ausstattung: Rolf Zehetbauer. Mit: Joseph Fiennes, Alfred Molina, Jonathan Firth, Claire Cox, Sir Peter Ustinov, Bruno Ganz, Uwe Ochsenknecht, Mathieu Carrière, Lars Rudolph. Ottfilm, 121 Minuten.

© SZ v. 29.10.2003
Zur SZ-Startseite