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Akademietheater Wien:Gedankenspiele

Alles, was der Fall ist

Bühnenspiel: Tim Werths (links) und Philipp Hauß loten mithilfe von Wittgensteins Sprachphilosophie die Möglichkeiten des Bühnenraums aus.

(Foto: Akademietheater Wien/Marcella Ruiz Cruz)

Denken wie Wittgenstein: Das Theaterexperiment "Alles, was der Fall ist" von dem Regieduo Dead Centre.

Von Wolfgang Kralicek

Vor genau 100 Jahren ist jene Abhandlung erschienen, die den Wiener Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 - 1951) berühmt gemacht hat: der "Tractatus logico-philosophicus". Viele haben das Buch im Regal stehen, wenige haben es verstanden, alle haben die Hits im Kopf: "Die Welt ist alles, was der Fall ist", "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen".

Das Theater ist alles, was der Fall ist. So könnte man den Abend zusammenfassen, der am Wiener Akademietheater, dem kleinen Haus des Burgtheaters, gerade Premiere hatte. In "Alles, was der Fall ist" wird nämlich tatsächlich der Versuch unternommen, Wittgensteins "Tractatus" zu dramatisieren. Die Regisseure Ben Kidd und Bush Moukarzel, die zusammen die britisch-irische Gruppe Dead Centre betreiben, sind aber auch Spezialisten für unmögliche Aufgaben; Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" etwa haben sie in nur 55 Minuten auf die Bühne gebracht. Das Burgtheater hat das Regie-Duo nun zum zweiten Mal - nach "Die Traumdeutung von Sigmund Freud" im Vorjahr - damit beauftragt, sich mit einer Geistesgröße der Wiener Moderne zu beschäftigen.

Im Großen und Ganzen geht's im "Tractatus" darum, inwiefern sich die Wirklichkeit durch Sprache darstellen lässt - oder eben nicht. Dead Centre versuchen, Wittgensteins Theorie auf das Theater zu übertragen, und gehen in ihrer Inszenierung der Frage nach, wie ein konkreter Vorfall auf der Bühne dargestellt werden kann. Wittgenstein wird von Philipp Hauß gespielt, er ist Forscher, Regisseur und Moderator zugleich. Sein Platz ist am rechten Bühnenrand, wo ein Modell der Akademietheaterbühne steht, das gefilmt und auf die echte Bühne projiziert wird. Später werden auf diese Weise verschiedene Szenenwechsel vollzogen. So wird der Modellcharakter noch betont, der ohnedies zu den Grundeigenschaften von Theater gehört, in Zusammenhang mit Wittgensteins Weltsicht aber besonders zu beachten ist. "Ein Modell ist ein Bild der Welt, das wir mit der Wirklichkeit vergleichen", doziert Hauß, "um zu sehen, ob es wahr ist oder falsch."

Wahrscheinlich war es gut, dass Wittgenstein keine Stücke geschrieben hat

Als erstes Praxisbeispiel markiert er auf der Miniaturbühne das mögliche Bühnenbild für eine "Macbeth"-Inszenierung. Das Drama des mörderischen, von Wahnvorstellungen geplagten Schottenkönigs zieht sich leitmotivisch durch das szenische Experiment, dessen eigentlicher Gegenstand die Amokfahrt eines 26-jährigen Mannes ist, der am 20. Juni 2015 mit einem SUV durch die Grazer Innenstadt raste und 39 Menschen verletzte, drei davon tödlich. Teils live, teils via Green-Screen-Technik kommen vier weitere Schauspielerinnen und Schauspieler ins Spiel, mit denen verschiedene Szenarios nachgestellt werden: Wir sehen Menschen, die zum Zeitpunkt der Amokfahrt in einem Grazer Straßencafé saßen; wir sehen, wie sich die verängstigte Ex-Frau des Täters, lange vor der Tat, in ein Frauenhaus geflüchtet hat; wir begegnen seinen aus Bosnien stammenden Eltern, die sich im Winter 1993, mitten im Krieg, mit ihrem vierjährigen Sohn im Wald versteckt haben.

"Ich bin Schauspieler, so gesehen gibt's mich eigentlich nicht", betont Philipp Hauß immer wieder. Wittgenstein würde das bestimmt unterschreiben. Aber wahrscheinlich war es gut, dass er keine Stücke geschrieben hat. Die 80-minütige Hommage an sein Denken ist ein smartes, aber schon auch etwas trockenes Gedankenspiel. Das Ende ist ernüchternd: Das Modell hat nur gezeigt, was der Fall war - nicht aber, warum.

© SZ/freu
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