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Lucy McKenzie in München:Baupläne für die Zeitmaschine

Die schottische Künstlerin ist ein Solitär. Eine große Ausstellung im Museum Brandhorst zeigt, wie gekonnt sie die klassische Historienmalerei weiterspinnt - bis ins Jetzt.

Von Catrin Lorch

Olga Korbut auf dem Schwebebalken, das waren Rattenschwänze um ein hoch konzentriertes Gesicht. Ein Rücken, der sich so elastisch durchdrückt, dass die überschlanken Arme wie von alleine hochfedern. Vor dem Fernseher dann das Lauern - ob der Triumph der sowjetischen Kunstturnerinnen bei der Olympischen Spielen wohl auch in den abendlichen Nachrichtensendungen gewürdigt wird, die kindlich kleine Athletin in ihrem orange-weißen Trikot noch einmal zu sehen ist? Während man als kindlicher Fan mit der Bastelschere den "Spatz von Grodno" aus einer Illustrierten trennte, telefonierten die Eltern schon mit dem Sportverein. Dabei hatte die Faszination nichts mit Nachturnen zu tun. Um was ging es dann? Liebe wahrscheinlich.

Jahre nach der Münchner Spielen von 1972 war Olga Korbut dann wieder da, auf der Wand einer Kölner Galerie. Und die Künstlerin, die ihr Bild dort aufgehängt hatte, die im Jahr 1977 im schottischen Glasgow geborene Lucy McKenzie, sah selbst so schmal und weich wie eine Turnerin aus, trug auf Fotografien einen weiß-orange gesteppten Anzug und schwarze Kniestrümpfe. Mit ihrem dicken, aschblonder Halblangschnitt wirkte sie bei diesen ersten Auftritten vor der internationalen Kunstszene nach der Jahrtausendwende nicht wie der Spross einer schottischen Künstlerfamilie (der sie war), sondern tatsächlich wie ein Talent aus der inzwischen untergegangenen Sowjetunion. Weil Lucy McKenzie auch klug genug war, im kurzen Schottenrock auf die Kameralinse von Richard Kern zu pinkeln, wurde sie dann auch schnell berühmt.

Danach schrieb sie sich am Institut Supérieur de Peinture de Bruxelles Van der Kelen-Logelain ein, an einer Schule für Monumentalmalerei. Zu sehen gab es bald nicht nur sehr große Gemälde von Jugendstil- und Arts-and-Craft-Architektur, sondern auch Selbstbildnisse, auf denen Lucy McKenzie weite Malkleider trug und auf Leitern herumturnte. Im wahren Leben schneiderte sie zudem Retro-Kleider in matten Tönen, entwarf Plakate und Magazin-Cover, exzentrische Möbel und Stoffmuster. Mit einer Künstlerfreundin gründete sie in Brüssel ein Modelabel ("e.b."), gestaltete Signets, Strick, Schmuck und aufwendige Schaufenster. Galeristen und Kuratoren mussten fortan nicht nur die Dekorationen installieren, sondern auch komplett verglaste Holzfassaden.

Lucy McKenzie hat auch Monumentalmalerei studiert: „Rebecca“ (2019) ist auf Holz gemalt.

(Foto: Lucy McKenzie. L. Schnepf. Galerie Buchholz, Cabinet, VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Wer Lucy McKenzie im bodenlangen Rock dann bei Vernissagen über die eigens eingebaute Treppe im Kölner Museum Ludwig flanieren sah, war sich nicht sicher, ob sich hier eine Performerin vor ihren Kulissen inszenierte, oder die Arts-and-Crafts-Bewegung nicht doch in diese Konzeptkünstlerin eingefahren war. Lucy McKenzies Ausstellungen wirkten so fugenlos wie ein Tim-und-Struppi-Comic und so kostbar wie ein historische Konfektschachtel. Dass die Künstlerin fasziniert ist von den Utopien wie der Sci-Fi-Novelle "The Diamond Age", die eine chinesische Zukunft mit viktorianischen Mode-Scharaden kurzschließt, ist sprechend: Ihre Recherchen holen weit aus und übersehen nichts. Technisch kann sie zerfledderte Fanzines genauso kopieren wie die TV-Bilder aus Olympiasommern. Tapeten, Modefotos und Stoffproben sehen so echt aus, wie klassische Trompe l'oeuil-Kunst.

Eine Ausstellung im Münchner Museum Brandhorst unter dem Titel "Prime Suspect" zeigt jetzt aber endlich, dass hier kein privater Geist seinen Neigungen nachgeht, sondern Lucy McKenzie die klassische Historienmalerei auf Augenhöhe fortspinnt - bis in eine Gegenwart, in der sich das Verständnis von Zeit auflöst. Lucy McKenzie kann nicht nur intellektuell die kraftstrotzenden Gemälde dekonstruieren, mit denen nationalsozialische Machthaber Bankhallen dekorierten. Sie malt unter dem Titel "Wenn es sich bewegt, küsse es" (2007) die goldglänzenden Matrosen einfach noch einmal neu. Ohne Hosen und überzogen mit einem Ornament aus kringeligen Sprechblasen, die ihnen schwule Komplimente zurufen.

Lucy McKenzies Bilder sitzen dann so straff auf dem Keilrahmen wie Martin Kippenbergers Konzeptmalerei. Ihre Malerkittel und Strickhosen sind vertraut mit der Kunst einer Rosemarie Trockel. Und ihre Kulissen und Raum-Installationen könnten einen Matthew Barney neidisch machen, wenn der sich für Europa interessieren würde und für die unordentlichen Erzählstränge ihrer Avantgarden.

In der zeitgenössischen Kunst ist Lucy McKenzie singulär - weil ihr Werk sich visuell darum bemüht, auf den Punkt zu bringen, was an Propaganda, an politischen Inszenierungen, an Architektur, Mode, Zeitgeist wirklich fasziniert. Die "ligne claire" eines Hergé-Comics ist eben auch nur eine Linie - wie die Silhouette eines Tageskleids, der Grundriss einer Industriellen-Villa, das Kartenmaterial einer Untergrundorganisation. Das sich im Brandhorst-Museum über zwei Etagen erstreckende Monumentalgemälde "Mooncup" (2012), ein Werbemotiv, das die psychedelischen Farben der Siebziger mit der selbstbewussten Sprache der jüngsten Feministinnen zusammen bringt, setzt der normierenden, fiesen Tampon-Industrie mal ein wirklich praktisches Produkt entgegen, in seiner Wirksamkeit, so der Slogan, vielleicht nur einer Kalaschnikow gleich.

Abstecher in die Welt der Mode - einer von vielen: Unbetitelte Zeichnung (2011).

(Foto: Lucy McKenzie. L. Schnepf. Galerie Buchholz, Cabinet, VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Lucy McKenzie kann zudem nicht nur die hölzernen Einwände von Modedesignern täuschend echt nachahmen, sondern auch die Kunststoff-Tafeln der Flip-Chart-Ära. Auf denen hängen dann - in perfekt illusionistischer Weise gemalt - E-Mail-Ausdrucke, auf denen die Künstlerin das Recht an ihren frühen, pornografischen Bildern einklagt. So ein ganz klassisch mit dem Pinsel gemaltes Bild ist dann verstörender als manche noch so harte Selbst-Inszenierung. Die Kunst der Lucy McKenzie, die so lange als fast versponnen geschätzt wurde, erscheint jetzt so scharf konturiert, als habe man den Bauplan einer Zeitmaschine entdeckt. Die daneben noch warm nachdieselt.

Lucy McKenzie - Prime Suspect. Museum Brandhorst, München. Bis 21. Februar. Der Katalog kostet 49,80 Euro.

© SZ vom 15.09.2020
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