"Lucy" im Kino Girlie im Rambo-Modus

Scarlett Johansson als amerikanisches Partygirl Lucy.

(Foto: dpa)

Was würde passieren, wenn der Mensch seine Hirn-Power erhöhen könnte? Luc Besson schickt Scarlett Johansson als Partygirl Lucy ins Rennen. Und schwankt dabei zwischen grundlegenden Fragen der Transzendenz - und der Inszenierung schwarzer BHs unter durchsichtigen T-Shirts.

Von David Steinitz

Die Lösung aller Sorgen frühkindlicher Bildung lautet: CPH4. So heißt das Intellektuellen-Crystal-Meth, das in der Welt von Luc Bessons neuem Film "Lucy" dem Konsumenten Zugang zum vollen Potenzial seines nur beschränkt genutzten Hirns gestattet. Chinesisch lernen in einer Stunde? Kein Problem.

Bessons Prämisse: Der Mensch nutze nur etwa zehn Prozent seiner Gehirnkapazität - was würde passieren, wenn er hundert erreicht? Als Versuchskaninchen schickt er Scarlett Johansson ins Rennen, die sich als amerikanisches Partygirl Lucy durchs wilde Nachleben von Taipeh feiert, bis sie eines Morgens nicht nur mit einem Kater, sondern auch mit einem Beutel voller CPH4 im Bauch aufwacht. Den haben ihr ein paar fiese taiwanische Gangster einoperiert, um sie als Drogenkurier zu missbrauchen. Als der Beutel durch einen Unfall platzt und Lucy eine Überdosis abbekommt, ist sie plötzlich in der Lage, sogar das komplizierteste algorithmische Problem zu lösen - von ihren ebenso plötzlich vorhandenen Kampfsportkünsten ganz zu schweigen.

In den USA ist "Lucy" zu einem der Überraschungshits des Sommers geworden. Wie die amerikanischen Branchenblätter vermuten, vor allem deshalb, weil endlich mal wieder eine Frau im Mittelpunkt eines Actionfilms stehe. Und tatsächlich hat gerade Luc Besson seine Karriere in den Neunzigern darauf aufgebaut, das misogyne amerikanische Actionkino der Achtziger mit Filmen wie "Nikita", "Léon der Profi" und "Das fünfte Element" neu zu beleben, indem er die Kunst der amerikanischen Actionchoreografie mit weiblichen Protagonisten imitierte.

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Lust am Experiment

Cinéma gaga jenseits von Logik und Verstand

In den vergangenen Jahren allerdings hat er sich als Produzent, Autor und Regisseur vor allem darauf spezialisiert, schlecht gelaunte Männer mittleren Alters ihre Midlife-Crisis im Rambo-Modus durchleben zu lassen - Kevin Costner in "3 Days to Kill" oder Liam Neeson in den "Taken"-Filmen. Diesen Action-Trash hat er zu einer Art cinéma gaga jenseits von Logik und Verstand perfektioniert, so stoisch, dass ihm zu wirklicher Größe eigentlich nur noch eine ordentliche Portion Selbstironie fehlt. Übertragen auf "Lucy", entsteht allerdings das merkwürdige Problem, dass Scarlett Johansson deutlich erkennbar kein Mann mittleren Alters ist - sich aber trotzdem wie einer benimmt, weil Besson auch hier seine aktuelle Protagonistenschablone anlegt.

Richtig unterhaltsam wird es, wenn Besson ganz nebenbei grundlegende Fragen der Transzendenz zu beantworten versucht und gleichzeitig schwer mit der Inszenierung schwarzer BHs unter durchsichtigen weißen T-Shirts beschäftigt ist, worin über weite Teile des Films Johanssons Outfit besteht. Dieser inszenatorische Ansatz leitet dann auch ganz wunderbar zu der Frage über, was denn nun passiert, wenn man die hundert Prozent Hirn-Power erreicht? Und die Antwort lautet in erster Linie, dass das Tragen hochhackiger Schuhe quasi unmöglich wird.

Lucy, F/USA 2014 - Regie, Buch: Luc Besson. Kamera: Thierry Arbogast. Mit: Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Amr Waked, Min-sik Choi. Universal, 89 Minuten.