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Louise Otto (XXXIX):Heilige Feuer <p></p>

SZ-Serie Aufmacher (XXXIX): Louise Otto und die Anfänge der deutschen Frauenbewegung

JOCHEN TEMSCH

Kinder hocken auf Haustürtreppchen. Jungfrauen füttern Tauben an Mansardenfenstern. Und dann kommt auch noch die Postkutsche dahergerumpelt. Ihre Kindheitserinnerungen beschreibt Louise Otto in Szenen, die Spitzweg gemalt haben könnte. 1819 wurde sie in der sächsischen Kleinstadt Meißen geboren. Die Familie gehörte dem Bürger-Stand an, war materiell abgesichert. Doch das Biedermeier-Idyll endete früh: Der Tod der Eltern zwang Louise mit 17 Jahren unter Vormundschaft. Ohnehin litt die wissensdurstige junge Frau unter den Restriktionen für Mädchen, die im Alter von 14 Jahren von der Schule verwiesen wurden. "Gelehrsamkeit" war zur damaligen Zeit ein Schimpfwort für Frauen. Zeitlebens blieb das Thema Bildung das wichtigste für Louise Otto. Sie verfasste unter anderem 27 Romane, 13 Novellen, fünf Gedichtbände und drei Opernlibretti. Sie brachte zwei Zeitungen heraus. Sie war der Kopf der organisierten deutschen Frauenbewegung - und ist im Jahr 2003 trotz ihres umfangreichen publizistischen Lebenswerkes fast vergessen.

Louise Otto publizierte unter harten Bedingungen. Mitte des 19. Jahrhunderts waren Frauen ausschließlich auf die häusliche Sphäre beschränkt. Von den liberalen Bürgern wurde ihnen immerhin die Rolle mitfühlender "Gefährtinnen" zugestanden, die ihren Männern als treue Freundinnen zur Seite stehen sollten. Gepaart war diese Vorstellung mit einer romantischen Überhöhung der als typisch weiblich angesehenen Eigenschaften wie Sittlichkeit und Selbstlosigkeit. Im Staatslexikon der Liberalen Karl von Rotteck und Karl Welcker aus dem Jahr 1847 steht unter dem Stichwort "Geschlechtsverhältnisse": Die Frau soll "auf dem häuslichen Altare das heilige Feuer unentweihter Liebe nähren, dass des Mannes Kraft fürs Allwohl nie erlösche". Politische Rechte für Frauen, vor allem das Wahlrecht, lagen jenseits der Vorstellungskraft, erschienen wider die Natur.

Dabei beteiligten sich Frauen heftig am Vormärz-Kampf gegen die nachabsolutistischen Regierungen der Einzelstaaten des Deutschen Bundes. Mit dem Ziel, die deutsche Einheit und Freiheitsrechte durchzusetzen, traten Frauen Männervereinen bei, gründeten eigene Vereine und kletterten sogar auf die Barrikaden. Dennoch gewährten ihnen die Männer im Gegenzug nicht mehr Rechte. Diese Haltung führte die Frauen zaghaft aus dem Zusammenhang der allgemeinen Demokratiebewegung heraus - zu den Anfängen einer sozialen Bewegung: der Frauenbewegung. Louise Otto gründete 1849 ihr erstes publizistisches Organ - die Frauen-Zeitung, die sie eigenverantwortlich in Leipzig herausgab. "Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen!" prangte programmatisch unter dem Titel. Das Blatt war ein Novum: Die erste dauerhaft erfolgreiche Zeitung einer Frau. Andere von Schriftstellerinnen gemachte, nicht speziell an Frauen gewandte Blätter der Epoche blieben Eintagsfliegen, zum Beispiel Der Freischärler von Louise Aston. Die Saint-Simonistin propagierte die freie Liebe und trieb es überhaupt so bunt, dass sie aus Berlin ausgewiesen wurde. Auf derlei hedonistische Kurtisanen schaute die Otto mit Abscheu herab.

Sie selbst war stets diplomatisch zurückhaltend. Vor der Gründung ihrer eigenen Zeitung hatte sie sich die Gunst einflussreicher Liberaler wie Ernst Keil und Robert Blum erworben und ihre Gedanken bereits in den demokratischen Blättern Sachsens veröffentlicht - zunächst unter dem männlichen Pseudonym Otto Stern, denn kein Mann hätte die politische Meinung einer Frau ernst genommen. Ungerechtigkeiten wie diese nagten an Louise Otto - sie wollte einfach teilhaben am politischen Geschehen. Dennoch gingen ihre Forderungen nicht über das von den Liberalen geduldete Gefährtinnen-Ideal hinaus. Unter "Frauen-Recht" verstand sie das Recht, als "Genossin" akzeptiert zu werden. Dies schloss ihrer Meinung nach eine verbesserte rechtliche Stellung der Frauen ein, vor allem das Recht auf Bildung und Erwerbstätigkeit - nicht jedoch die Gleichstellung mit dem Mann.

Als die Frauen-Zeitung 1849 zum ersten Mal erschien, zeichnete sich das Scheitern der Revolution bereits ab. Der Sieg der Obrigkeit schlug sich in politischen Kommentaren und Briefen von Leserinnen aus dem gesamten Gebiet des Deutschen Bundes nieder. Bis dann 1850 ein neues sächsisches Pressegesetz explizit nur noch Männer in Redaktionsstuben erlaubte - "Lex Otto" wurde es genannt. Die Frauen-Zeitung erschien trotzdem noch zwei Jahre lang, von Thüringen aus, wohin Louise Otto geflüchtet war.

Es folgten die Jahre der Reaktion. Von 1853 an wirkten sich die Zwangsmaßnahmen auch auf Louise Ottos sonstige Veröffentlichungen aus. Statt politischer Tendenzromane schrieb sie nun kunsttheoretische und historische Bücher, unter anderem über die Hexenverfolgung des Mittelalters. Sie heiratete den Dichter und Revolutionär August Peters, der bald an den Folgen einer Haftstrafe starb. 1865 gründete die Witwe den Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) - die Geburtsstunde der organisierten Frauenbewegung in Deutschland.

Wieder redigierte Louise Otto eine Frauen-Zeitschrift, das ADF-Vereinsblatt Neue Bahnen. Deutschland war inzwischen im Kaiserreich angekommen. In den 80er Jahren ihres Jahrhunderts beobachteten Korrespondentinnen der Neuen Bahnen die in England und den USA bereits heiß diskutierte Frage nach dem Wahlrecht für Frauen. Eigene Forderungen erhoben sie jedoch nicht - andere Länder, andere Sitten. So muteten der ADF und seine Zeitung immer konservativer an. Die Alt-Achtundvierzigerin Louise Otto hielt längst nicht mehr das Monopol in der Frauenbewegung - andere, etwa Helene Lange, Jenny Hirsch oder Clara Zetkin, brachten bald frischere, kämpferische Schriften heraus. Dass sie auf das Wahlrecht so passiv wie auf ein Geschenk wartete, wurde Louise Otto später vor allem von den Sozialistinnen vorgeworfen. Die Otto erschien den Nachgeborenen als zu zopfig und angepasst, um starke gesellschaftliche Veränderungen bewirkt zu haben.

1895 starb sie. Bei ihr war Anna Kuhnow, Leipzigs erste Ärztin. Wählen durfte Kuhnow nicht. Aber dass sie studieren konnte, verdankte sie Frauen wie Louise Otto.

© SZ v. 01.09.2003
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