Comeback von Louis C.K.:Comedy als Rache

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Er ist wieder da: Louis C.K., hier in einer Fernsehaufnahme, kurz vor seinem tiefen Sturz 2017. (Foto: Kevork Djansezian/REUTERS)

Louis C.K. startet eine US-Tournee in New York. Früher war er böse, aber dabei sehr witzig. Und jetzt?

Von Christian Zaschke

Schwer vorstellbar, dass dieser so verbittert wirkende Mann auf der Bühne des voll besetzten Hulu-Theaters im New Yorker Madison Square Garden mal zu den lustigsten Menschen des Planeten gehörte. Die Shows von Louis C.K. waren auch früher böse, sie spielten immer damit, was man sagen darf und was nicht, und ja, zugegeben, er hat auch früher schon zu viele Witze über Pädophile gemacht. Aber in der Hauptsache sprach er in einer Weise über die Sinnlosigkeit des Lebens, die einen in den besten Momenten glauben ließ, dass man dem Leben eben doch eine Prise Sinn verleihen konnte, indem man die Welt und ihr Gewicht eine Weile vergaß und seinen nihilistischen Monologen lauschte.

Es wirkte, als prüfe er, wann die Zeit für seine Rückkehr gekommen war

An diesem Wochenende hat Louis C.K. mit zwei Auftritten in New York sein großes Comeback gegeben, nachdem seine Karriere im Jahr 2017 vorläufig ein jähes Ende gefunden hatte. Damals wurde bekannt, dass er mehrmals vor Frauen onaniert hatte, die darüber, gelinde gesagt, nicht begeistert waren. Er räumte die Vorwürfe ein. Er sagte, dass er jetzt erst einmal mehr zuhören wolle und weniger reden. Dann verschwand er von der Bildfläche.

Wenn auch nicht allzu lange. Nur neun Monate später tauchte er unangekündigt auf der Bühne des Comedy Cellar in New York auf. Einige Gäste verließen aus Protest das Auditorium. C.K. versuchte sich daraufhin im Ausland, zum Beispiel in der Slowakei, vielleicht in der Hoffnung, dass sie in einem Land, das so weit weg und so klein ist, nichts davon wussten, dass er mehrere Frauen sexuell belästigt hatte.

Anschließend trat er vereinzelt in kleineren Clubs in den USA auf. Es wirkte, als teste er fortwährend das Terrain, als prüfe er, wann die Zeit für seine Rückkehr auf die großen Bühnen gekommen war. Im Frühling des vergangenen Jahres machte er einen ersten Versuch in Washington D.C., zwei ausverkaufte Shows vor jeweils 1800 Leuten im Warner-Theater. Er ließ die Auftritte filmen und veröffentlichte einen Mitschnitt.

5500 Plätze, mitten in Manhattan. Deutlicher kann man kaum sagen: Ich bin wieder da

Sein Material war ziemlich krass, er machte Witze über Opfer von Amokläufen in Schulen, er verspottete asiatische Männer, ausdauernd arbeitete er sich am Thema Genderidentität ab. Es wirkte, als sei Louis C.K. ein Komiker von sehr weit rechts geworden. Er strich die meisten dieser Passagen wieder, aber das Thema Gender treibt ihn offenbar immer noch um. Dazu später.

Erst vor wenigen Tagen hatte C.K. mit der Ankündigung überrascht, auf eine längere US-Tour gehen zu wollen, die bis zum Dezember dauern soll. Um gleich ganz deutlich zu machen, dass die Phase des Testens für ihn vorbei ist, hatte er für die ersten beiden Auftritte am Freitag und am Samstag das Hulu-Theater gebucht, 5500 Plätze, mitten in Manhattan. Deutlicher kann man kaum sagen: Ich bin wieder da.

Vor C.K. traten drei New Yorker Komiker auf, eine Frau, ein Mann, eine Trans-Frau. C.K. ist dafür bekannt, dass er die Akteure des Vorprogramms persönlich aussucht, und das Line-up wirkte so ausgewogen, dass man kurz denken konnte, einer politisch korrekten Veranstaltung beizuwohnen. Die Witze der drei Performer waren - nun ja - witzig. Der Abend fing gut an. Dann betrat Louis C.K. die Bühne.

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Als der Vorhang aufging, waren fünf übermannshohe Buchstaben zu sehen: SORRY, stand da. Das war das Bühnenbild, aber sicherlich nicht das Motto der Show. In dem folgenden, gut eine Stunde dauernden Auftritt machte C.K. klar, dass ihm ziemlich genau nichts leid tut. Außer vielleicht, dass er so lange nicht mitmachen durfte im Konzert der Großen. Und dass sein Manager ihn damals verlassen hat. Und dass sein fix und fertig produzierter Kinofilm kurzerhand eingestampft wurde. Und dass sein millionenschwerer TV-Deal platzte.

Mit keinem Wort erwähnte er, was vorgefallen war. Das war bei seinen Testauftritten noch anders. Da hatte er bisweilen beschrieben, wie es ist, wenn man allein an einem Tisch im Restaurant sitzt und vom anderen Ende des Raums mit ausgestrecktem Mittelfinger gegrüßt wird. In Washington vor gut einem Jahr fragte er: "Wie waren 2018 und 2019 für euch, Leute? Noch jemand in GLOBALEN Ärger geraten?"

In New York wirkte es nun, als habe er beschlossen, seinerseits mit ausgestrecktem Mittelfinger zu grüßen. Statt über Opfer von Amokläufen witzelte er über Covid-Tote. Er sprach so viel über Pädophile, dass man sich nach einer Weile fragen musste, ob er damit sagen wollte: Seht her, es gibt noch viel miesere Typen als mich. Aber es waren gar nicht mal die Themen. Es war seine Ausstrahlung, seine Haltung. Er schien permanent zu sagen: Ihr schuldet mir was. Ihr habt mir unrecht getan. Und jetzt zahle ich es euch heim. Teilweise wirkte das beklemmend.

Früher vibrierte er vor Glück. Heute allenfalls vor Bitterkeit

Die Dunkelheit, die den aktuellen C.K. umweht, erschließt sich wohl nur, wenn man den früheren C.K. auf der Höhe seines Schaffens gesehen hat. Es gibt eine ältere Nummer über einen Mitschüler seiner Tochter namens Jizanthapus. Wie wunderbar beknackt allein dieser Name ist. Die Nummer beginnt recht harmlos damit, dass er erzählt, wie sehr er diesen sechs Jahre alten Jungen hasse. Abgrundtief hasse. Und dass das vielleicht nicht vollkommen okay sei für einen Mann seines Alters.

Daraus entwickelt sich eine bizarre Szene, in der C.K. unter anderem sowohl mit der Mutter als auch mit dem Vater des Kindes Sex hat, dem Vater später fundamentale Christen auf den Hals hetzt, das Kind gefesselt und geknebelt nach Venezuela zum Verhör fliegt, und immer so weiter, und das alles, wie er absolut nachvollziehbar darlegt, um seine Tochter zu schützen. Es ist ein kleines Wunderwerk der Stand-up-Comedy.

Darin ist alles enthalten, was Louis C.K. ausgemacht hat: die exakt kalibrierte Grenzüberschreitung, die poetische Verwendung der Vulgärsprache, der monumentale Irrsinn, dazu ein besseres Gefühl für Tag und Nacht als Sonne und Mond. Das alles vorgetragen mit einer unbändigen Freude an Wahnsinn und Anarchie. Der ganze C.K. vibrierte vor Glück, wenn er die Nummer vortrug, weil er wusste, wie gut sie war.

Bei seiner Comeback-Show vibrierte der ganze C.K. allenfalls vor Bitterkeit. Von der Freude, die einst in seinen Auftritten pochte wie ein unbezähmbares Herz, war nichts mehr zu spüren. C.K. spie seine Witze aus, zurück blieb als Essenz eine ebenso unbestimmte wie beinahe körperlich unangenehme Form der Boshaftigkeit.

Im Vorprogramm waren, wie gesagt, eine Frau, ein Mann und eine Trans-Frau aufgetreten. Was C.K. tatsächlich von Menschen unbestimmten Geschlechts hält, hatte er mehrmals während der Show in abfälligen Bemerkungen angedeutet. Am Ende erläuterte er dann sehr ausführlich, dass das ja alles schön und gut sei mit den Genderdebatten, aber am Ende komme es eben auf den Mann und die Frau an, alles andere sei papperlapapp. Warum? Nun, erläuterte er, auch zur Herstellung eines non-binären Menschen brauche man immer noch eine Frau und einen Mann, genauer: einen erigierten Schwanz und eine feuchte Muschi, rein, raus, Sie wissen schon.

Das war gewissermaßen der, sorry, Höhepunkt der Show. Er wiederholte das einige Male, er ließ ein verbales Gewitter aus Schwanz, Muschi, Schwanz, Muschi, Schwanz, Muschi vom Stapel, und als dieses Gewitter endlich vorbei war, verschwand Louis C.K. von der Bühne und gab zum Glück keine Zugabe.

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