Lou Reed in Berlin:Kein cooler großer Bruder

Danach "Heroin", die Hymne vom ersten Velvet-Underground-Album, Drogensucht als Liebe und Sklaverei. Auch das: eine Qual. Es gibt ernsthaft Leute, die hier mitklatschen. Nach dem zweiten Stück ist die erste halbe Stunde vorbei, die verregnete Menge sieht in ihren Folienmänteln wie ein Flüchtlingscamp aus. Etwaige Bundestagsabgeordnete der Grünen, die sich in Berlin gerne auf Rockkonzerten zeigen, sind spätestens jetzt auf dem Heimweg.

Publikum bei Lou-Reed-Konzert in Berlin

Nach langem Warten im Regen zahlt sich die Geduld aus - für den, der sich auf Lou Reed einlässt.

(Foto: dpa)

Lou-Reed-Konzerte laufen oft wie dieses Pokerface-Spiel. Und natürlich lacht das Publikum immer zuerst, und selbstverständlich merkt Lou Reed nicht, dass er gewonnen hat, und spielt immer weiter. Eine Stunde, zwei Stunden.

Aber - und das wird einem tatsächlich erst klar, wenn man das Ganze mal eine Weile ertragen hat, wenn man obskure Stücke wie "Senselessly Cruel" von 1976 hinter sich hat, ein endlos gehämmertes "I'm Waiting For The Man" und weitere "Lulu"-Dröhnungen, während es im Zitadellenhof immer dunkler und kälter wird: Gleichzeitig ist Lou Reed - so sieht nun mal die Kehrseite der Muffigkeit aus - auch einer der wenigen Künstler, die ihre Zuhörer keine Sekunde lang für dumm verkaufen.

Das bedeutet natürlich auch: In dieser Musik scheinen nicht mal Andeutungen einer Entertainment-Strategie zu stecken. Kein Rausch, obwohl es so oft um Drogen ging, bevor Reed irgendwann die klassische Literatur entdeckte. Dass es durchaus legitim sein kann, dem tanzwilligen Pulk eben keinen Spaß zu machen, ihm von der Bühne herunter nicht mühelose Absolution zu erteilen, ihm ein wenig Arbeit abzufordern, das hat er mit Velvet Underground eingeführt in die Popmusik.

Er hat nie viele Platten verkauft. Keiner wollte mit Lou Reed werben oder angeben. Außer Wim Wenders. Wer das alles begreift, den Reed-Psychotest besteht, der kann am Ende plötzlich doch noch Freude an diesem Auftritt haben. Als die konfuse Bigband ihre Verzerrer herunterdimmt, die Sache luftiger und kammermusikalischer angeht, der Regen stoppt. Und der alte Reptilienkönig "Think It Over" singt oder "Walk On The Wild Side". Der giftige Stoizismus klingt beim Velvet-Underground-Klassiker "Sweet Jane" auf einmal nachtblau lakonisch.

Wie viele seiner Rock'n'Roll-Kollegen aus den 40er-Jahrgängen, die derzeit ihre 70. Geburtstage feiern, hatte Lou Reed natürlich ein Vaterproblem. Vielleicht will er ja, ganz tief drinnen, am Ende das für sein Publikum sein: kein cooler Bruder, sondern ein besserer Papa. Und der ist immer auch erziehungsberechtigt.

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