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Lou Reed in Berlin:Alter Reptilienkönig

Als wolle er dem Publikum das verdammte Ding wie einen übergroßen Keks in den Rachen rammen: Lou Reed traktiert die Zuhörer seines Konzertes in Berlin mit vier Stücken aus seinem "Lulu"-Zyklus und anderen Songs, in denen nicht mal die Andeutung einer Entertainment-Strategie steckt. Doch wer lange genug durchhält, wird belohnt.

Lou Reed sieht aus dem Garderobenfenster. Regen. Der von der ekligen Sorte: kalt, leicht sprühend. "Sehr gut", murmelt er und passt dabei auf, auch zu sich selbst nicht unnötig nett zu sein. "Das geschieht den Motherfuckern ganz recht." Spät ist es, sein Konzert geht bald los. Ein Open-Air im Innenhof der Zitadelle Berlin-Spandau vor rund 3000 Zuhörern, die schon im nassen Kies auf ihn warten. Er befiehlt dem Tourmanager, eine Extraladung Heizlüfter auf die Bühne zu stellen, damit die Musiker es besonders warm haben. "Und beschallt die Leute vor dem Auftritt mit lauter, atonaler Gitarren-Avantgarde-Krachmusik! Falls sich da draußen noch irgendjemand gut unterhalten fühlen sollte."

Lou Reed im Konzert in Berlin

Der schlechtgelaunteste Star der Welt, aber auch einer der wenigen Künstler, der seine Hörer nie für dumm verkauft: Lou Reed in Berlin.

(Foto: dpa)

Die Backstage-Szene ist selbstverständlich frei erfunden. Oder besser: die Zwangsvorstellung, die er nach 45 Jahren offen zur Schau getragener mieser Showgeschäft-Laune nun mal haben dürfte. Völlig klar, in Wahrheit ist Lou Reed, der notorische Schwarzkopf und Muffbold des Rock'n'Roll, sicher reizend. Liebt die Fans in aller Welt, streichelt kleine Katzen.

Aber die Feedback-Folter vor Konzertbeginn, die mussten die Besucher beim deutschen Tourauftakt am Mittwoch in Berlin wirklich ertragen. Klänge wie von einer barbarisch gequälten Buckelwalfamilie. Der lurchcoole, knirschlederne, heute 70-jährige Straßenpoet Lou Reed hat ja immer ein abstraktes, um Gottes willen kunstsinniges Alter Ego gehabt. Und will, dass sein Publikum das nie vergisst. Selbst wenn es möchte.

Das Tour-Motto "From VU To Lulu" suggeriert ja auch, dass hier Bilanz gezogen, ein Minimum an Greatest-Hits-Service geleistet werden soll, vielleicht zum letzten Mal: VU steht für Velvet Underground, die Pop-Art-Garagenband, mit der Reed dem Rock'n'Roll Ende der sechziger Jahre die Hippieblumen wegdrosch (und den halben Kopf gleich dazu).

"Lulu", mehr als 40 Jahre später, sein bislang letztes Werk von 2011, sollte eine große Interpretation der Wedekind-Dramen werden, in Kooperation mit der Heavy-Metal-Gruppe Metallica. Am Ende war es eine hingeschluderte, wenn auch nicht reizlose Kunstübung. Die Hörer hatten fast nur Spott übrig - für Lou Reed, wie wir ihn kennen, wieder ein Beweis dafür, wie dämlich die Leute sind.

Gleich das erste, lange Stück des Abends in Berlin holt er aus dem "Lulu"-Zyklus, drei weitere daraus wird er noch spielen, als wolle er dem Publikum das verdammte Ding wie einen übergroßen Keks in den Rachen rammen: "Brandenburg Gate", irgendwas mit Titten, Blut und Klaus Kinski. Reed, der über Jeans und T-Shirt eine Art schwarzen Bademantel trägt, wufft und doziert, die unfassbar große Begleitband - acht Musiker insgesamt, kurzhaarig und jung, langhaarig und alt, alles auch noch mal umgekehrt - bemüht sich mit ausladender, höchst verzweifelter Gestik, aus dem musikalischen Stein wenigstens ein bisschen Stimmung zu pressen.

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