Süddeutsche Zeitung

Loriot bei Beckmann:"Na warte, Evelyn!"

Lesezeit: 3 min

Vicco von Bülow lobt am Montagabend bei Beckmann die verstorbene Evelyn Hamann, die man oft für seine Frau gehalten hat. Und einmal mehr schämt man sich ein bisschen für Beckmann als Moderator.

Ruth Schneeberger

Das ist der Nachteil einer Fernseh-Aufzeichnung: Zwar werden sämtliche Unwägbarkeiten, die bei einer Live-Show auftreten können, ausgeblendet - aber ganz so aktuell, wie sie tut, ist sie dann doch nicht:

Vicco von Bülow musste sein Interview mit Reinhold Beckmann, das am Freitagabend aufgezeichnet wurde, um es am Montagabend in der ARD auszustrahlen, gestern auf die Schnelle nochmal deutlich erweitern. Denn in der Nacht zu Montag ist seine langjährige und wichtigste Filmpartnerin Evelyn Hamann gestorben. Und ein Interview mit "Loriot", ohne dabei über den Tod seiner kongenialen Partnerin zu sprechen, das wäre nicht mal die halbe Miete gewesen.

Vicco von Bülow tat es also, auf seinen "persönlichen und innigen Wunsch", wie Beckmann gleich zu Beginn betonte, und sobald von Bülow loslegte, glaubte man ihm das auch: "Mit Evelyn habe ich eine treue Partnerin und wir alle eine wunderbare Schauspielerin verloren, der es immer gelang, die heiklen Seiten des Lebens durch Komik zu überwinden", sprach er in die Kamera.

Bei aller außergewöhnlichen Präzision, die ihre Arbeit geprägt habe, habe sie die Komik bestimmter Situationen besonders schnell erfasst. "Wenn sie das merkte, hatte sie ein Lachen, was ich von keinem anderen Menschen bis dahin gehört habe", sagte er. Dieses Lachen werde er nie vergessen. "Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt", sagte er. "Nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!"

"Na warte, Evelyn!"

Es war rührend, wie der Mann, der seit den siebziger Jahren als Deutschlands beliebtester Komiker gilt, seine Partnerin, die oft für seine Ehefrau gehalten wurde, zu ehren wusste. Und rührend ging es weiter: Mehr als eine Stunde Zeit nahm sich Beckmann, um mit Vicco von Bülow ein paar ernste Worte zu reden - und zwischendurch seine schönsten komischen Sketche einzublenden.

Sketche, die Jahrzehnte alt sind und dem Betrachter trotzdem noch die Tränen in die Augen treiben. Erstens vor Lachen, und zweitens darüber, dass die deutsche Comedy-Landschaft solche Talente schon lange nicht mehr hervorbringt. Möglicherweise hat von Bülow recht, wenn er den Unterschied zwischen damaligen und heutigen Komödianten beschreibt:

"Heute wird man wahnsinnig danach beurteilt, wie viele Leute zugesehen haben. Wie heißt das? Quote! Wir haben damals nicht auf die Quote geachtet. Ich finde, sie dürfte nicht entscheidend sein."

Er habe damals Szenen noch vielfach wiederholen können, nur weil ein winziges Detail nicht stimmte, bis sie ihm schlussendlich wirklich gefielen. Seine Schauspieler, allen voran Evelyn Hamann, hätten das genauso gesehen. "Denn sie wussten: Ich kann es noch besser!" Bei Loriot habe es niemals ein improvisiertes Wort gegeben. "Das hat den Vorteil, dass es länger Bestand hat."

Der Anblick seiner lustigsten Sketche, darunter die berühmte Nudel-Szene, die heitere Jagd durch den Hotelflur im großartigen "Ödipussi" und der köstliche Kampf um den Kosakenzipfel schienen das gleich mehrfach zu belegen.

Trotzdem war im Leben dieses großen Komödianten längst nicht alles heiter. Weniger gerne spricht von Bülow über seine Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Biographie-Anfragen hat er bisher - unter anderem auch aus diesem Grund - abgelehnt. Zwar gelang es Beckmann, ein längeres Gespräch über die Zeit an der Front in Russland zu führen, doch dies war ihm offenbar so unangenehm wie von Bülow selbst. Weshalb beide froh waren, als weitere Gäste dazustießen: Olli Dittrich und Max Raabe, beides laut Beckmann Kollegen, die von Bülow hoch schätze.

Doch spätestens, als Beckmann Dittrich als "die neue Generation von Loriot" ankündigte, was vermutlich nur eine Überleitung sein sollte, war der Spaß vorbei.

"Na warte, Evelyn!"

Erstens ist Dittrich mit Loriot wohl kaum zu vergleichen. Was schon die Tatsache zeigt, wie Dittrich im Einspieler den Nazi im Ballettkostüm parodiert. Von Bülow hatte sich vorher dezidiert zu Hitler-Parodien geäußert: "Ich könnte jedesmal schreien, ob der Fehler, die allen Beteiligten unterlaufen sind." Charlie Chaplin sei in seiner Hitler-Parodie fabelhaft gewesen und zudem mutig, "denn da lebte Hitler noch." Bei neuen deutschen Produktionen aber "funktioniert das nicht. Sie haben keinen rechten Zugang." Es sei ein furchtbarer Irrtum, anzunehmen, man könne die Figur einfach nur komisch darstellen.

Es schloss sich eine Diskussion über den Zusammenhang zwischen Tragik und Komik unter den Komikern an, bei der sich von Bülow, Dittsche und Raabe durchaus annäherten - nur einer störte: Beckmann. Er stellte die falschen Fragen an den falschen Stellen, fiel den falschen Leuten zum falschen Zeitpunkt ins Wort und brach immer dann ab, wenn es wirklich spannend geworden wäre.

Das lähmte den Schluss. Und selbst die Emotion, die Vicco von Bülow noch in letzter Minute gelang, indem der 83-Jährige, der seit Jahren zurückgezogen mit seiner Frau am Starnberger See lebt, sich herzlich für das Gespräch bedankte und mit brüchiger Stimme, aber dem gewohnt herzlichen Schalk in den Augen sagte, er würde gerne noch einmal wiederkommen, wischte Beckmann den großen Moment mit einem allzu legeren "sind immer herzlich willkommen" gekonnt vom Tisch.

Wie eine Leserbriefschreiberin kürzlich recht passend formulierte, changiert Beckmann in seinem Nacht-Talk "stets zwischen der unangemessenen Begeisterung eines kleinen Kindes und der Unterwürfigkeit eines Assistenten der Geschäftsführung". Und zwischendurch talkt er seine Gesprächspartner kumpelhaft-arrogant an die Wand. Was meistens nicht so schlimm ist. Und für Sport-Moderationen vielleicht bisweilen ganz angebracht. Diesmal aber war sein Gegenüber eine Nummer zu groß für ihn.

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