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"Lone Ranger" im Kino:Die Eisenbahn ist das Kino selbst

Die Disney-Maschine, das war in der "Karibik" ein Piratenschiff, die Black Pearl, in "Lone Ranger" ist es die Eisenbahn, um deren Bau es von Anfang an geht. "Die Zukunft ist nicht mehr weit entfernt", predigt der dubiose Bahnchef, gegen dessen Machenschaften sich der Indianer Tonto und Lone Ranger zusammentun müssen. Die Eisenbahn: Das ist die Macht über die Zukunft und über das Land, eine "Kraft, die Kaiser und Könige macht". Denn was erschließt die Eisenbahn, was liegt am Ende ihrer Strecke, im äußersten Westen? Hollywood. Die Eisenbahn, das ist letztlich das Kino selbst, die Macht des Spektakels, Disney.

Statt einer Fabel erzählt der Film eher die Geschichte seiner eigenen Entstehung. Wie im Film lässt Produzent Jerry Bruckheimer ein ganzes Schienennetz für die Zugsequenzen anlegen. Und wenn es auch um einen riesigen, aber verfluchten Silberschatz in einem Indianergebiet geht, dann deswegen, weil an dem ganzen Spaß das Finanzielle immer ein Fluch ist - entweder gewinnt man, oder aber man geht baden mit einem Budget von 250 Millionen Dollar. So wie "Lone Ranger", in Amerika einer der großen Blockbusterflops des Sommers.

Dabei bedient Gore Verbinski diese Maschine, die ihm Bruckheimer und Disney hinstellen, wirklich hervorragend. Die besten Szenen des Films spielen, wie könnte es anders sein, auf der Eisenbahn. Zu Anfang treffen sich hier Tonto und Lone Ranger zum ersten Mal und liefern sich eine halsbrecherische Jagd mit Banditen auf dem Zug in voller Fahrt - ein einziges akrobatisches Bravourstück über Dächer und Abteile. Am Ende werden sie herausgeschleudert, das dampfende Ungetüm schießt über das Ende der Gleise hinaus, schiebt sich langsam an sie heran - um einen Zentimeter vor ihren Gesichtern ganz stehen zu bleiben. Verbinski unterwirft sich nicht einfach der bestialischen Studiomaschine Disneys. Er domptiert sie wie die Eisenbahn, bis auf den letzten Zentimeter: Er stoppt sie, baut sie auseinander, setzt sie neu zusammen. Am Ende kommt es dann zu einer noch fulminanteren Verfolgungsjagd zwischen zwei Zügen.

Außerdem spickt Verbinski seinen Film mit Zitaten, die man aufgrund ihrer Melancholie hier kaum erwartet hätte: Wenn vermeintliche Indianer unter romantisch-violettem Himmel eine Siedlerfamilie überfallen, dann scheint diese Szene fast direkt aus John Fords "Der schwarze Falke" übernommen zu sein, beim Bau der Eisenbahn denkt man an Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod". Die legendäre, epische, aber längst überlebte Vergangenheit des Westerns, die hier wie in einem Freizeitpark konserviert und gleichzeitig reanimiert wird, inspiriert ihn zu einer klassischen, kontrollierten Inszenierung mit ruhigen Landschaftspanoramen, ohne sich der ungebändigten Hysterie zu unterwerfen, an der unsere heutigen, von jedem Gewicht befreiten Kameras manchmal leiden.

Das Letzte, was in dieser großen Wiederverlebendigungsmaschine noch zu reanimieren bleibt, ist der tote Vogel, den Johnny Depps Tonto stets bei sich hat und der ihn bis in den Jahrmarktsguckkasten begleitet. "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", so hieß eine berühmte Performance von Joseph Beuys: Mit einem toten Hasen auf dem Arm ging Beuys durch eine Galerie und erklärte ihm die Bilder. Am Ende war er freilich immer noch tot. Wenn aber Verbinski seinem toten Vogel die Disney-Bilder erklärt, dann, um ihn am Ende wieder fliegen zu lassen. 250 Millionen Dollar - für einen einzigen Vogel? Diese Vorstellung ist doch nun wirklich belebend.

Kurzkritiken zu den Kinostarts der Woche

Halbschatten des Daseins

The Lone Ranger, USA 2013 - Regie: Gore Verbinski. Buch: Justin Haythe, Ted Elliott, Terry Rossio. Kamera: Bojan Bazelli. Musik: Hans Zimmer. Schnitt: James Haygood, Craig Wood. Mit: Johnny Depp, Armie Hammer, William Fichtner, Tom Wilkinson, Ruth Wilson, Helena Bonham Carter, James Badge Dale, Bryant Prince, Barry Pepper. Disney, 149 Min.