Architektur:Unruhige Kugel

Architektur: Die Außenhülle der geplanten "MSG Sphere" würde zwölf von 24 Stunden lang Werbung zeigen.

Die Außenhülle der geplanten "MSG Sphere" würde zwölf von 24 Stunden lang Werbung zeigen.

(Foto: MSGC)

In London ist das nächste spektakulär unsinnige Bauwerk in Planung: eine Veranstaltungsmurmel, die ständig leuchten würde.

Von Alexander Menden

Als Boris Johnson, damals Londoner Bürgermeister, im Juni 2012, kurz vor den Olympischen Spielen, eine zwischen Greenwich und den Royal Docks die Themse überspannende Seilbahn namens "Emirates Air Line" einweihte, behauptete er, er fühle sich wie "der Juri Gagarin der Seilbahnen". Ein typisch sinnfreier Johnson-Soundbyte für dieses typische Johnson-Projekt, einen glorifizierten Skilift zwischen dem O2-Veranstaltungszentrum und den Excel-Messehallen unter kräftiger Einbindung der Privatwirtschaft in ein städtisches Bauvorhaben. Rund 45 der 74 Millionen Euro Kosten trug die Fluglinie Emirates damals.

London hat viele ähnlich spektakuläre, alberne und spektakulär alberne Architekturprojekte über sich ergehen lassen müssen. Das "London Eye" etwa, damals hieß es noch "Millennium Wheel", startete zur Jahrtausendwende den Trend zur Errichtung urbaner Riesenräder. Labour-Bürgermeister Ken Livingstone und sein Tory-Nachfolger Johnson genehmigten eine Unzahl effekthascherischer Hochhäuser. Dazu zählt das "Walkie Talkie" des Uruguayers Rafael Viñoly an der Fenchurch Street, dessen konkave Glasfront die Straße darunter bei starker Sonneneinstrahlung auf bis zu 91 Grad Celsius erhitzte, bis man sie mit einem Netz abdeckte. Andere Teile der Stadt, besonders Chelsea, gleichen mittlerweile disneyfizierten Marzipanmodellstädtchen.

In diese seltsame Gebäudegalerie könnte sich bald im Stadtteil Stratford im Osten Londons ein Konstrukt namens "MSG Sphere" einreihen, das, sollte es eine Baugenehmigung bekommen, alles in der näheren Umgebung buchstäblich überstrahlen würde. Die Pläne stammen von der US-amerikanischen Veranstaltungsfirma Madison Square Garden Entertainment (MSGE), welche die gleichnamige Mehrzweckarena in Manhattan betreibt. Das kugelförmige Gebäude, so wirbt die Firma, sei für "die nächste Generation immersiver Erlebnisse" ausgelegt, hätte Platz für 21 500 Zuschauer, würde innen über den größten und höchstauflösenden Bildschirm der Welt verfügen sowie ein "Infraschall-Haptiksystem" aus vibrierenden Böden und Audiotechnologie "zur Kanalisierung von Klängen zu jedem Sitzplatz" bieten. Besonders irrsinnig ist die geplante Fassade, ein fünf Hektar großer, sphärenförmiger Bildschirm. Er soll rund um die Uhr leuchten, und ungefähr zwölf von 24 Stunden Werbung zeigen.

Die Kugel-Pläne könnten Bürgermeister Sadiq Khan in eine Zwickmühle bringen

MSGE, deren Gründer James Dolan Donald Trumps US-Präsidentschaftswahlkämpfe 2016 und 2020 mit mehreren Hunderttausend Dollar unterstützte, baut derzeit einen nahezu identischen Leuchtglobus in Las Vegas, der 2023 fertiggestellt sein soll. In Vegas ist das Grelle, Hypertrophe schon immer Programm gewesen. In Stratford hielt dieser Stil erst 2012 Einzug, als die Gegend anlässlich der Olympischen Spiele stadtplanerisch vollkommen umgekrempelt wurde. Das gigantische Westfield Shopping Centre und die diversen olympischen Veranstaltungsorte wirkten wie Ufos, die in diesem bis dahin eher vernachlässigten Stadtteil gelandet waren.

Das Olympiastadion, das mittlerweile unter dem Namen London Stadium vom Fußballclub West Ham United genutzt wird, bietet 60 000 Zuschauern Platz. Warum auf dem knapp zwei Hektar großen Gelände hinter Westfield - gerade angesichts der hoffnungslosen Überlastung des Bahnhofs - unbedingt noch eine Riesenarena gebaut werden muss, erschließt sich nicht unmittelbar. Es gibt zudem Bedenken, die Lichtverschmutzung der Kugel könnte Anwohner um den Schlaf bringen und die Fahrer öffentlicher Verkehrsmittel blenden. Viele Menschen in Stratford protestieren gegen die Pläne.

Der sonst vergleichsweise vernünftige Labour-Bürgermeister Sadiq Khan nannte die MSG Sphere, als 2018 Pläne dafür erstmals vorgelegt wurden, "einen weiteren Veranstaltungsort der Weltklasse für die Hauptstadt". Sein eigenes Planungsbüro kam dann jedoch zu dem Schluss, das Gebäude stimme nicht mit den eigenen Stadtkonzepten überein. Sollte der 3000 Seiten umfassende Bauantrag im September vom Londoner Bauausschuss genehmigt werden, wäre Khan, der das letzte Wort hat, also in einer Zwickmühle. Ein Plan, der für das gleiche Gelände nach dem Ende der Olympischen Spiele schon einmal im Gespräch war, ist jedenfalls endgültig vom Tisch: Damals gab es die Idee, hier eine riesige Indoor-Skipiste zu errichten. Boris Johnson war begeistert.

© SZ/khil
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