Der Sommer ist vorüber, der Urlaub in Frankreich vorbei, ich bin zurück in London, und das heißt auch, zurück im Pub. Das eine bedingt das andere, unausweichlich, das liegt nicht nur an der Nachfrage, sondern vor allem am Angebot. Wenn ich aus dem Wohnzimmer, das gleichzeitig mein Büro ist, durch das einfach verglaste Fenster schaue, sehe ich vier Pubs in allen vier Richtungen. Unausweichlich, im Wortsinn.
Martin Wittmann lebt seit 2024 unter Briten. In „London Calling“ schreibt der SZ-Korrespondent wöchentlich über seinen Alltag zwischen Pub- und Popkultur, ohne dabei zu oft das Wetter zu erwähnen.
Wir leben in Kew, einem Stadtteil eines Stadtteils der Stadt, die vier Pubs dürfen dem Viertel als Kompass dienen. Im Westen steht The Botanist, im Norden das Rose & Crown, im Osten The Greyhound. Im Süden, direkt neben uns, das Coach & Horses, das gleichzeitig mein Wohnzimmer ist. Dort sitzt man frühlings und sommers mit einem fruchtigen IPA draußen, im Herbst und im Winter mit einem Guinness drinnen am Ofen. Natürlich nicht jeden Tag, das wäre dann doch verrückt. Es gibt ja noch die anderen Pubs.
Vom Botanist trennt mich nur eine Straße, was aber reicht, um es komplett zu meiden. In Großbritannien machen laut neuesten Zahlen im Durchschnitt pro Tag zwei Pubs zu, ich würde dieses opfern, wenn die anderen dafür verschont blieben. Auf dem Weg zu den anderen beiden Pubs muss ich über Grünflächen gehen, die in diesen Tagen hellbraun sind. Auf der einen spielen sie Cricket, ein Spiel, das ich selbst nach zwei Jahren so wenig verstehe wie Irisch, britische Maßeinheiten, Reform-Wähler oder Waschbecken mit zwei Wasserhähnen. Auf der anderen hellbraunen Grünfläche ist nicht allzu viel los, das letzte größere Spektakel war der Einzug der Irish Traveller, die mit ihren Wohnwagen eine Weile hier haltmachten. Aber das war vor unserer Zeit. Alles, was heute noch an das fahrende Volk erinnert, sind massive Poller, die nach seinem Auszug an den Eingängen angebracht wurden.
Wir hingegen wurden im Viertel sehr freundlich aufgenommen. Die Nachbarn haben uns herzlich begrüßt, etliche Geschichten von den Irish Traveller erzählt und keine vom Zweiten Weltkrieg, und alle haben sie uns zum Dinner eingeladen. Es hat eine Weile gedauert, bis wir verstanden haben, dass uns die Briten, wenn sie uns zum Dinner einladen, nicht zum Dinner einladen. Aber es gibt, wenn man unbedingt auswärts essen möchte, ja auch in den Pubs etwas zu bestellen. Burger, Meat Pies, Fish and Chips, englische Küche. Genau, vive la France.
Im Pub ist es wenigstens stabil teuer und schlecht
Hier oben in London lernt man schnell den Unterschied zwischen englischer Küche und der Küche in England. Die Kulinarik ist wohlweislich outgesourct, wer gediegen essen möchte, wird auf den Speisekarten der Inder, Italiener, Chinesen, Libanesen fündig. Aber die sehe ich nicht, wenn ich aus dem Fenster schaue. Es gibt zwar ein Restaurant in der Nähe, eigentlich direkt um die Ecke, fünfzig Yards entfernt (oder so). Ich war allerdings noch nie dort. Weil ich mal hörte, dass die Gerichte dort nicht ganz billig und gar nicht mal gut sein sollen. Zu riskant. So bleibe ich lieber im Pub, wo ich wenigstens sicher weiß, dass es teuer und räudig ist.
Es ist selten der Plan, dort wirklich zu essen, zumindest nicht meiner. Eine unsichtbare Hand regelt diesen Markt für mich, sie kitzelt meine Nase so lange, bis ich etwas Frittiertes bestelle. Hätte man mir in der Grundschule vorhergesagt, wie viele Pommes ich mal essen würde, wäre ich neidisch auf mich als Erwachsenen gewesen. Ich lebe hier meinen Kindheitstraum. Man muss die Briten lieben.
Frankreich war natürlich toll. Die Muscheln, die Pasteten, der Käse. Waschbecken mit lediglich einem Wasserhahn, und niemand sprach Irisch (oder Englisch). Aber irgendwann sehnt sich jeder nach seinen Wohnzimmern. Und zum Dinner hat uns da unten auch keiner eingeladen.

