"London Boulevard" im Kino Wie ein britischer Popsong

Brutalität mit Style, Zynismus als Selbstschutz, ein übersteigertes Verlangen nach Eleganz: So ist es scheinbar cool, ein Gangster zu sein. In "London Boulevard" sind die Zeiten dieser Coolness vorbei, Drehbuchautor William Monahan macht sich auf die Suche nach ihr. Die Hauptrollen in diesem dreckigen kleinen Film spielen Colin Farell und Keira Knightley - und irgendwie ist er eben doch ganz groß.

Von Fritz Göttler

Fragen Sie nie wieder, sagt Mitch, sein Gesicht verzieht sich in einer Mischung aus Erbitterung und Hohn, dann steht er auf und zeigt seinem Gegenüber die ganze Verachtung, die er für ihn verspürt - den Londoner Gangsterboss Rob Gant. Der hat ihn in ein Luxusrestaurant eingeladen und ihn bei Tisch gefragt, ob Mitch nicht für ihn arbeiten wolle, nicht wirklich gefragt, besser gesagt, eher festgestellt, dass Mitch für ihn arbeiten soll . . .

Sie ist die Schöne an der Seite des Gangsters - Mitchs Schwester, die den Namen Briony trägt (Keira Knightley). Sie verkörpert die verlorenen Swinging Sixties, das Westwood-Feeling und die Sehnsucht nach besseren Zeiten.

(Foto: dapd)

Mitch ist gerade aus dem Gefängnis raus, drei Jahre für schwere Körperverletzung, und hat Mr. Gant bei einem heroisch verpatzten Einsatz von Schutzgeldeintreibung schwer beeindruckt. Was das Essen angeht, hat Mr. Gant den Fisch empfohlen, aber Mitch hat ein Steak genommen, dann hat er abgelehnt, für Rob zu arbeiten. Fragen Sie nie wieder . . .

Mitch steht auf und im Gehen holt er ein Bündel Scheine aus der Hosentasche, blättert mit abrupter Bewegung zwei auf und wirft sie Gant auf den Tisch: Das ist für das Steak. Der totale Affront, selber zahlen und mit richtigem Geld, in einem Ambiente, wo alles diskret, indirekt, abgehoben, dekadent, irreal ist.

"London Boulevard" ist der erste Film von William Monahan, der für Martin Scorsese "The Departed" (Oscar!) und für Ridley Scott "Königreich der Himmel" geschrieben hat. Wenn man die beiden Filme zusammennimmt - und im Hinterkopf behält, dass er gerade "Sin City 2" für Robert Rodriguez schreibt - ergibt das etwa Monahans eigenen Film, die Gewalt, die Schmerzen der Suche nach sich selbst, den Mystizismus der Jugend. Die Inszenierung ist eher "scottish", aber von Scorsese kommt die Liebe zum englischen Gangsterfilm, die Verachtung für die gewöhnliche, pedantische Erzähllogik - "the dreckish and democratic level of ,making sense'", wie er selber sagt -, das Gespür für den Drive klassischer britischer Popsongs - "Lonely days are gone, I'm coming home . . . My baby wrote me a letter" - und ein sagenhafter cinephiler Blick fürs Detail.

"London Boulevard" ist ein dreckiger kleiner Film, aber im großen pathetischen Stil gedreht. Mitch (Colin Farrell) wird von seinem alten Kumpel in einem Luxusapartment einquartiert, Klamotten inklusive - ein Schuldner des Mr. Gant hat es Hals über Kopf verlassen. Das Gegenstück dazu ist die Wohnung von Charlotte (Keira Knightley), wo er einen Job kriegt - eine junge Filmdiva, die auf allen Schmutzblättern auf der Titelseite klebt. Eine umgekehrte Norma Desmond, sie braucht keine Close-up mehr, muss geschützt werden vor den geilen Paparazzi. Sie lebt mit Francis Bacon an den Wänden ihrer abgedunkelten Wohnung.

Blondkäppchen

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