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Serie: "Lokalrunde":Ein Sehnsuchtsort zum Nachspülen

Lieblingskneipe

Bis die Stammkneipe wieder aufmacht, dauert es wohl noch ein wenig. Bis dahin erzählen Schriftstellerinnen und Schriftsteller von ihrer Lieblingsbar.

(Foto: Steffen Mackert)

Bis die Stammbar wieder aufmacht, erzählen Autorinnen und Autoren in dieser Serie Geschichten von ihrer Lieblingskneipe - diesmal: Thorsten Schulz über das "Malmöer Eck".

Gastbeitrag von Thorsten Schulz

Die kleine Kneipe am Ende der Straße hat zu. Sie fehlt, so wie Bars, Restaurants, die gesamte Gastronomie, Gespräche, Flirts, letzte Drinks. Zur Überbrückung haben wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller um Geschichten über ihre Lieblingslokale gebeten.

Die erste Kneipe meines Lebens habe ich nie betreten. Sie hieß Malmöer Eck, und ich, acht Jahre alt, beobachtete durch die dunkelgelben Gardinen, wie die Alten Bier und Schnaps tranken. Mein Stiefgroßvater, der Ofensetzer-Meister Krebs, inzwischen Rentner, trank seinen Korn auf ex, schüttelte das Schnapsglas über dem Bier aus, sodass auch der letzte Tropfen nicht verloren ging, und spülte mit einem Schluck Bier nach (Nachspülen - so nannten das die Säufer damals).

Dann klopfte er mit dem Zeigefingerknöchel auf die Tischplatte, bis die Kellnerin auf ihn aufmerksam wurde. Sie wusste, dass sie ihm das nächste Glas Korn zu bringen hatte.

Nach dem Frühschoppen wankte der dürre, sklerotisch wirkende Krebs, der in der Familie immer nur beim Nachnamen genannt wurde, nach Hause, schlief seinen Rausch aus, aß mürrisch sein Abendbrot und ging zurück ins Malmöer Eck, um aufs Neue Alkohol zu vernichten, wie mein Vater es nannte.

"Sie tranken ihre Biere und Schnäpse und redeten kaum."

Für meinen Vater, seinem Stiefsohn, war er nichts anderes als ein stumpfsinniger Kampftrinker, und ich fragte mich, wogegen der Alte eigentlich kämpfte. Niemand versuchte, ihn am Saufen zu hindern, und der Alkohol wehrte sich nicht gegen seine Vernichtung. Einmal holte mich Oma Krebs - wie zur Strafe, dass sie ihn geheiratet hatte, wurde auch sie nur beim Nachnamen genannt - ins Schlafzimmer, zeigte auf ihren Ehemann, der im Schlaf stöhnte, und sagte: "Wenn er träumt, ist er im Krieg." Eines Nachmittags wachte er nicht mehr auf. Er hatte, sagte ich mir, gegen seine Träume verloren.

Mein Vater, meine Mutter und auch Oma Krebs - allein aus Gewöhnung gab ich ihr keinen anderen Namen mehr - ließen kein gutes Haar an ihm. Nicht nur ein Säufer war er, sondern auch ein Geizkragen, ein schlecht gelaunter Widerling, ein heuchlerischer Mitläufer. Ein ums andere Mal versicherte Oma Krebs, dass sie, nachdem mein leiblicher Großvater im Krieg geblieben war, den Krebs nur geheiratet hatte, weil er eine gut gehende Ofensetzerfirma besaß. Sie wollte doch, dass es ihren Kindern gut ginge.

Erst nach ein paar Jahren, mit dreizehn oder vierzehn, schaute ich wieder durch die dunkelgelben Gardinen und sah einen Teil jener Alten, die ich bereits kannte. Sie tranken ihre Biere und Schnäpse und redeten kaum. Ich hatte nicht den Mut, mich zu ihnen zu setzen, um nach Opa Krebs zu fragen. Ich redete mir ein, sie würden mir sowieso nichts Wichtiges sagen.

"Im Tanker war ich, in der Bornholmer Hütte ..."

Dass ich diesen alten depressiven Säufer, der mein Stiefgroßvater gewesen war, nie wirklich kennengelernt hatte, bedrückte mich, und bedauerlich finde ich es immer noch. Vielleicht war ich gerade deshalb nie im Malmöer Eck. Umso mehr in vielen anderen Kneipen. Im Tanker war ich, im Feuermelder, in einer Eckkneipe namens Glampe, in der Bornholmer Hütte, in Höher's Gaststube ...

Manche Menschen, die ich dort kennenlernte, regten mich zu Figuren an, die sich in meinen Romanen und Drehbüchern wiederfanden. Oder ich setzte Menschen aus meinem Leben in die Kneipen und ließ sie als Figuren agieren. Der verzweifelte Reiner Nilowsky zum Beispiel, der nur betrunken wurde, wenn er betrunken werden wollte. Oder Onkel Winfried, der seinen Stammkneipen Namen je nach Stimmung gab, mit Wehmut das Kummer-Eck besuchte und mit Frohsinn in der Gute-Laune-Destille soff. Meine Kreaturen, sagte er, wenn er seine Kreationen meinte. Oder der ehemalige Spartakist Karl Wegner, der mit über siebzig noch einmal zum Revolutionär wurde, sich dabei verliebte und wegen der Liebe mit dem Saufen aufhörte.

All diese Figuren sind für mich mehr oder weniger Bestandteil meiner Vergangenheit. Und ihre Kneipen auch. Mit der Zeit haben sich die Grenzen aufgelöst zwischen den Orten als real existierende und erfundene.

Aber das ist vermutlich nur der Lauf der Dinge, und mit Sehnsuchtsorten scheint es immer so zu sein.

© SZ vom 27.04.2020/khil
Lieblingskneipe

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:Bane, Wien: die Säuferleiter

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