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Serie: "Lokalrunde":Ich wusste nicht, was eine Absturzbar ist

Lieblingskneipe

Bis die Stammkneipe wieder aufmacht, dauert es wohl noch ein wenig. Bis dahin erzählen Schriftstellerinnen und Schriftsteller von ihrer Lieblingsbar.

(Foto: Steffen Mackert)

Bis die Stammbar wieder aufmacht, erzählen Autorinnen und Autoren in dieser Serie Geschichten von ihrer Lieblingskneipe. Angelika Klüssendorf erinnert sich an die Berlin Bar und die Hoola-Hoop tanzende Besitzerin.

Gastbeitrag von Angelika Klüssendorf

Die kleine Kneipe am Ende der Straße hat zu. Sie fehlt, so wie Bars, Restaurants, die gesamte Gastronomie, Gespräche, Flirts, letzte Drinks. Zur Überbrückung haben wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller um Geschichten über ihre Lieblingslokale gebeten.

Uhland, Ecke Pariser, sagte ich dem Taxifahrer, wenn er gegen Mitternacht die Berlin Bar ansteuern sollte. Meinen nächtlichen Zufluchtsort. Es war 1986. Ich war seit einem Jahr in Westberlin. In diesem Jahr hatte ich mehr oder weniger im Bett gelegen, depressiv, weil ich den Westen nicht verstand. Weil ich Leipzig vermisste.

Am Tag meiner Ausreise hatten sich meine Freunde auf dem Leipziger Hauptbahnhof versammelt, und umso länger sie mir hinterherwinkten, desto wehmütiger wurde ich. Den Ausreiseantrag hatte ich gestellt, weil ich die Wahl haben wollte. Nun hatte ich sie und konnte wenig damit anfangen. Meine Freunde in Leipzig besaßen kein Telefon, deshalb rief ich spät abends in der "Chardas" an, wo Harry, der Kellner, Rosenthaler Kadarka und Grauer Mönch servierte. Meine Guddste, sagte er, wir vermissen dich auch.

Die abgelehnten Visa, ohne die ich nicht besuchsweise in die DDR einreisen durfte, war die Strafe für mich, weil ich die sozialistische Großfamilie verraten hatte. Nun war ich hier: Westberlin, Moabit, in einer Erdgeschosswohnung. Vier Stockwerke über mir wohnte eine junge Frau, die mir fröhlich und sehr lebendig vorkam. Es vergingen Monate, bis ich mich traute, sie anzusprechen. Patricia war Barfrau. Komm vorbei, wenn du Lust hast, sagte sie, aber erst nach Mitternacht. Als ich das erste Mal die Berlin Bar betrat, überraschte mich ein provisorisch zusammengebastelter Raum, der aussah, als wäre er geradewegs aus dem DDR-Himmel gefallen. Ich war der einzige Gast. Es ist noch zu früh, sagte Patricia, das ist eine Absturzbar.

In morgendlicher Benommenheit erschien das Leben prächtig

Ich wusste nicht, was eine Absturzbar ist. Ich wusste so vieles nicht, wie man sich kleidete, was man trank. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass sich erwachsene Männer über Mineralwassersorten austauschen könnten. Weicheier, dachte ich; ich befreundete mich mit Patricia, bestellte Caipirinha, Margarita, und Monate später, an einem frühen Morgen trank ich Mezcal samt dem Wurm aus der Flasche. Unerschrocken, denn ich wusste es nicht besser, trug ich sommers wie winters ein ausgebeultes, kariertes Hemd, bis ich eines Nachts einem jungen Mann vorschlug, sein Matrosenhemd mit mir zu tauschen. Ich war nicht einmal überrascht, als er es tat.

Die Nächte waren voller Möglichkeiten. David Bowie kam aus dem "Dschungel" direkt in die Berlin Bar. Ein junger Mann gab mir die Adresse vom Literaturfonds in Darmstadt, wo ich mich um ein Stipendium bewarb. Ein anderer verschaffte mir einen Job im "Metropol" am Nollendorfplatz, wo ich für Punkbands das Catering machte. Die Bands waren mir damals unbekannt; Die Ärzte und Suicide lauteten beispielsweise ihre Namen. Das Catering war damals ziemlich einfach, ich kaufte Zutaten bei Kaiser's und kochte scharf gewürzte Suppen. Längst war ich Stammgast bei Patricia, sie schob mir die Getränke über den Tresen zu, ohne dass ich sie bezahlen musste.

Ich war jung, noch keine 30, und wenn Anne, die Besitzerin der Bar, frühmorgens ihre Hüften im Hula-Hoop-Reifen auf der Theke kreisen ließ, fühlte ich mich unverwundbar. In meiner morgendlichen Benommenheit sah ich mein Leben in den prächtigsten Farben. Es gab die DDR dort, Westberlin hier, ich kaufte meine Bücher in der Heinrich-Heine Buchhandlung am Bahnhof Zoo, bei Hans Brockmann. Doch das ist schon wieder ein anderer Sehnsuchtsort. Und eines wusste ich ganz bestimmt, alt, das wurde man in einem anderen Leben.

© SZ vom 23.04.2020/tmh
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