Süddeutsche Zeitung

Arbeiten und Lernen im Lockdown:Die Multitasking-Zentrale

Im Home-Office und beim Fernunterricht scheint das ganze Land sich am Küchentisch zu drängen. Warum hat denn keiner mehr einen eigenen Schreibtisch?

Von Johan Schloemann

Ein seltsames Bild ist in dieser Pandemie entstanden: Gedrängel am Küchentisch. Die Heimarbeit der Erwachsenen und der Distanzunterricht der Kleinen erzeugen eine archaische Szenerie. Denn wie einst in den ärmlichen Hütten der bäuerlichen Gesellschaft quetscht man sich daran, als gäbe es in der ganzen Behausung nur diesen einen einzigen Tisch, als könne man, wenn man ein Dach über dem Kopf hat, überhaupt nur an zwei Orten verweilen: im Bett und nahe der Feuerstelle.

Wenn jetzt öffentlich verhandelt wird über das Zuhausebleiben im Lockdown, in dem das Arbeiten und das Lernen weitergehen müssen, dann kommen die Bildagenturen und Kamerateams immer mit denselben Motiven: Gestresste Angestelltengesichter beugen sich über den Laptop, drumherum sind wichtige Unterlagen ausgebreitet, die sich mit den Hausaufgaben der Kinder chaotisch mischen, umringt von Kaffeetassen, von Spuren der vorigen oder der nächsten Mahlzeit. Der Küchentisch ist die Multitasking-Zentrale der Corona-Zeit. Und zusätzlich zur Kollision von Schule, Kinderbetreuung und Beruf entsteht hier eine extreme räumliche und zeitliche Anspannung, weil das alles offenbar auch bald wieder abgeräumt sein muss, damit man an selber Stelle den Teig fürs Roggenbrot ausrollen oder die Kohlsuppe zubereiten kann.

47 Quadratmeter Wohnraum hat im Durchschnitt jeder und jede zur Verfügung. Eigentlich

Wie kann das eigentlich sein? Im Durchschnitt hat jede und jeder Einzelne in Deutschland heute 47 Quadratmeter Wohnraum zu Verfügung. Zugegeben, diese Quadratmeter sind ziemlich ungleich verteilt. Doch selbst in den prekärsten Verhältnissen wäre eine gewisse Entzerrung im Prinzip denkbar - der billigste Kinderschreibtisch bei Ikea kostet 40 Euro. Es gibt Eltern mit sehr wenig Geld, die so etwas organisiert kriegen. Erst recht aber wundert man sich über die Bilder von wohlsituierten, bürgerlichen Familien vor ihrer Hightech-Küchenzeile, die an ihrem Massivholztisch aufeinanderhocken.

Nun gut, es mag damit zu tun haben, dass der offene Wohnbereich beliebt geworden ist. Und dass die Kinderzimmer nur durch Treppen zu erreichen sind, dort aber niemand sitzt, weil die Hausaufgaben oft nicht mehr selbständig erledigt werden, sondern mit oder gar von den Eltern. Und klar, je kleiner die Kinder, desto schwieriger ist die Heimbüro-Situation, desto mehr Fragen haben sie an die Eltern. Außerdem kennt man diesen Herd(en)-Trieb von Partys: Alle kommen in die Küche, obwohl im Rest der Wohnung mehr Platz ist. Am Küchentisch wurden immer Reden geschwungen, Pläne geschmiedet, Gemeinschaften gestiftet.

Bei Partys treffen alle sich in der Küche. Aber das hier ist keine Party

Aber das Corona-Home-Office ist keine Party. Da ist es doch erstaunlich, dass selbst akademisch Ausgebildete höheren Standes seit Ausbruch der Seuche sagen, sie hätten zu Hause keinen Schreibtisch. Und, ein Grund für Rückenschmerzen, auch keinen guten Stuhl. Warum eigentlich nicht? Der Schreibtisch, ursprünglich "Bureau", ist seit vielen Jahrhunderten eine Errungenschaft des Wohnens. Und längst gibt es ihn ja in unzähligen kleinformatigen Varianten fürs Laptop-, Handy- und Tablet-Zeitalter, also als eine aktuelle Form des Sekretärs, der auch in jede beengte Großstadtwohnung passt.

Es wäre also vielleicht an der Zeit, den armen Küchentisch mal freizuräumen. Und noch eine ganz großartige Erfindung übrigens, das merkt man jetzt in der Ära der Videokonferenzen, kann allen Familien und Innenarchitekten nur wärmstens ans Herz gelegt werden: Türen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5182762
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/knb
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.