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Lob dem deutschen Provinzialismus:Das Putzige und Miefige

In Thüringen war es der bei allem Duodezmäßigen doch stets umfassende Anspruch der Mini-Residenzen, der im Kleinen das Universale vergegenwärtigte, in Sachsen der von früher, wasserkraftgestützter Textilindustrie genährte Bürgerstolz, in Schwaben die alte Tradition der freien Reichsstädte, in Franken der noch mehr zu Zwergstrukturen tendierende Weinbau, der auch den Dörfern Mauern und den Weinbergen Mäuerchen verlieh. Das Putzige und Miefige, besonders penetrant, wo das Überlieferte im Zeichen wachsenden Reichtums totrenoviert worden ist, schweben immer in gefährlicher Nähe; doch genügt zuweilen ein blühender Apfelbaum, um es zu zerstreuen.

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Der Grand Canyon von Deutschland

Und man vergesse auch nicht den speziell deutschen Typus der großen Provinzstadt. Das sind Kommunen von 200 000 bis 600 000 Einwohnern (in manchen Gegenden reichen auch schon 100 000), die infrastrukturell alles haben, wodurch Metropolen sich auszuzeichnen pflegen, angefangen bei Straßen- und selbst U-Bahnen bis hin zum Dreispartentheater; alles ein bisschen, aber nicht entscheidend kleiner als in den wirklich großen Orten. In solchen Städten lebt es sich, wenn man ein paar Eitelkeiten und Einbildungen abzieht, meist besser als in denen der nächsten oder übernächsten Größenordnung, und deutlich entspannter; verzichten muss man auf gar nichts.

Dabei stirbt dank modernen Austauschs allmählich die Kategorie der dämonischen Entlegenheit ab, jenes "Aber so sind hier die Leute", mit dem Degenhardt einem noch in den sechziger und siebziger Jahren Schauer über den Rücken jagte. Es soll, wie Einheimische versichern, das einst berühmte Passauer Kabarett in den letzten Jahren ganz zahnlos geworden sein, und zwar weil ihm sein fruchtbarer Widerpart, die einst bodenlos rabenschwarze Lokalfarbe dieser Stadt, immer mehr abhanden kommt. Kein Zeichen ist hoffnungsvoller.

Die ohnehin starken provinziellen Traditionen Deutschlands wurden durch die Teilung 1945 bis 1949 noch einmal beträchtlich verstärkt. Jede der beiden deutschen Hälften, um ihr Ganzes gebracht, sah sich auf ihre Regionen zurückgeworfen, auf die des Rheins und seiner Nebenflüsse der westliche und auf den im weiteren Sinn sächsischen Raum der östliche Staat.

Berlin schied als Metropole gewaltsam aus. Es war auch schon vorher eigentlich nicht Metropole gewesen, seine Blüte, allzu spät begonnen und allzu früh schon wieder abgebrochen, hatte keine historischen Wurzeln. Und seine geographische Lage ließ sich als zentral allenfalls für das alte Preußen beschreiben - für das Preußen nach 1815, das Westfalen und das Rheinland hinzugewonnen hatte, eigentlich schon nicht mehr. Vollends nach der Vereinigung von 1990 hat es nunmehr im Verhältnis zur Gesamtnation eine krasse Randlage inne; östlich von hier kommen noch 80 Kilometer Kiefernwälder und Kartoffeläcker und dann die polnische Grenze. Die überspannten Hoffnungen der neunziger Jahre, der ganze Berlin-Hype, sind inzwischen einer nüchternen Einschätzung der Lage gewichen.

Die Stadt gewinnt nicht, sie verliert an Einwohnern und lässt wenig Kraft erkennen, ihre Umgebung krakenhaft zuzuwuchern, wie es sich für eine echte Metropole gehört. Wer von Südosten mit der Bahn hereinfährt, kann sehen, wie die Steppe in die Stadt zieht. Und Berlin ist so obszön billig! Eine Weltstadt, die auf sich hält, hat Wohnraumprobleme zu haben, kleine, absurd teure, schlechte Appartements, die nur auf dem Weg des Geheimtipps zu kriegen sind, nicht dieses Überangebot an sanierten Altbauten.

Es ist das alles sehr in Ordnung. Wer nach Berlin kommen will, tut es, die anderen sehen sich nicht schlechter gestellt, bloß weil sie in der Provinz bleiben. Die Provinz neidet und grollt nicht, die Hauptstadt blickt nicht oder nur wenig auf sie herab; dazu fehlt es ihr an jedem Anlass. Der sprachlich-physiognomische Typ des Berliners wird gelegentlich durch seine Klappe oder seinen leicht beleidigten Unterton unangenehm, der immer mitzuschwingen scheint, aber nie durch Arroganz im engeren Sinn, über die z. B. die Italiener an den Römern klagen, die Amerikaner an den New Yorkern, von den Parisern zu schweigen.

Eher, dass ein Hanseat über das Prollige der Hauptstadt die Nase rümpft. Wenn es irgendwo in einer mittelgroßen deutschen Stadt einen Skandal gibt, kann es schon mal passieren, dass einer aufsteht und "Provinzposse!" ruft. Das ist aber nur als eine tendenziell veraltende, rein graduelle Steigerung von "Posse" überhaupt zu verstehen. Jeder weiß, dass die Sache in der Hauptstadt wenig anders und kaum größer geriete. Ja, auch die eigentlichen Metropolen dieser Erde dürften gegen das eigentlich Possenhafte an der Posse nicht gefeit sein. Wie heißt es doch in Ambrose Bierces "Aus dem Wörterbuch des Teufels" zum Stichwort "Weltstadt": "Hochburgen des Provinzialismus".