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Weltweites Benefizkonzert "One World":Ich bin ein Star, ich bleib zu Haus'

People Watch 'One World: Together At Home' In Hong Kong

Besonders dem Mann rechts unten flogen die Herzen im Internet zu: Rolling-Stones-Drummer Charlie Watts trommelt zu "You can't always get what you want" selbstvergessen auf ein paar Kisten.

(Foto: Getty Images)

Acht Stunden lang streamen Popmusiker aus ihren Wohnzimmern. Die Show soll Hoffnung geben und Spenden einbringen - aber wohl auch die Stars ihrer eigenen Wichtigkeit vergewissern.

Von Jan Kedves

Braucht die Welt in Zeiten von Corona noch Stars? Die Frage wurde zuletzt in verschiedenen internationalen Medien gestellt, aufgehängt an der Beobachtung, dass gerade viele berühmte Menschen, die durch die Corona-Krise ihrer Auftrittsmöglichkeiten und ihres täglichen Applauses beraubt sind, in den sozialen Medien einen unangenehmen Hang zur Dauersendung entwickeln. Besonders schlimm war Ende März das Video, in dem Gal Godot, Zoë Kravitz, Norah Jones, Will Ferrell und andere versuchten, zusammen den John-Lennon-Klassiker "Imagine" zu singen - um der Welt Hoffnung zu machen, oder um sich selbst nur etwas abzulenken? Peinlich!

So gesehen konnte man den achtstündigen Streaming- und TV-Marathon "One World: Together At Home", der sich am Samstagabend von 20 Uhr deutscher Zeit bis um 4 Uhr morgens zog, als Versuch werten, die Wichtigkeit von Stars gerade jetzt wieder unter Beweis zu stellen, nach dem Motto: Die Welt braucht Hoffnung, Musik kann Hoffnung spenden, und Musik kann Geld für die WHO und deren "Solidarity Response Fund" sammeln! Stevie Wonder, Jessie J, Sheryl Crow, Zucchero, Adam Lambert, Billy Ray Cyrus und viele mehr sendeten aus ihren Wohnzimmern oder Heimstudios.

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Natürlich betonten sie dabei, dass die wahren Stars der Krise, die Helden der Corona-Zeit, all die Ärztinnen und Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger sind, die gerade in aufopfernder Rund-um-die-Uhr-Arbeit die eigene Gesundheit gefährden. Leider gab es aber, abgesehen von Allgemeinplätzen wie "Wir brauchen bessere Gesundheitssysteme!", kaum konkrete Forderungen oder Vorschläge, zum Beispiel wie man sich nach der Corona-Krise besser gegen Viren-Angriffe wappnen könnte, oder vor allem: wie systemrelevante Berufe angemessen zu entlohnen seien. Doch vielleicht ist das auch eine zu hohe Erwartung an Corona-Benefiz.

Die Highlights also vorweg: Lizzo legte daheim am Klavier soviel Blues und Soul in ihre Darbietung von Sam Cookes Bürgerrechtsbewegungs-Hymne "A Change Is Gonna Come", dass vom Wechsel der Momente der Verzweiflung und der Hoffnung wirklich etwas spürbar wurde. Die Französin Christine And The Queens legte in ihrem weiß gestrichenen, etwas einer Gummizelle ähnelnden Studio einen packenden Paartanz mit ihrem Mikrofon hin. Ansonsten ermüdete aber das Einerlei der akustischen Klavier- und Gitarren-Darbietungen. Komischerweise schien auch keiner der Stars, die sonst so viel Wert aufs Visuelle legen, daran gedacht zu haben, dass man im Hintergrund vielleicht auch eine interessante Videoanimation oder wenigstens ein Foto der Kommandobrücke aus "Star Trek" einblenden könnte?

Als Zuschauer begann man also, die Inneneinrichtungen zu vergleichen: Die Schauspielerin Kerry Washington gehört zu jenen Menschen, die ihre Bibliothek nach den Farben der Buchrücken sortieren. Der Schauspieler Matthew McConaughey hat einen ziemlich großen Drucker. Kesha und The Killers setzen sich zum Musizieren gerne vor ihre fetten Kamine. Topfpflanzen sind allgemein bei Stars sehr beliebt, besonders Palmen. Aber was ist mit Haustieren? Wurden sie weggesperrt? Oder haben Stars keine Haustiere, weil sie sonst ja meistens unterwegs sind? Den allermeisten schien es in ihren hübsch ausgespolsterten, häufig auch etwas geschmacklos eingerichteten Luxus-Apartments und Villen recht gut zu gehen.

Vielleicht blieb man also nur wach, weil man irgendwie damit rechnete, dass Lady Gaga zum Abschluss des Abends noch einen großen neuen Kollektiv-Hit aus dem Hut zaubern könnte. Einen Song, der die aktuelle Stimmungslage in etwa so fasst, wie die Supergroup-Benefiz-Singles "We Are The World" (USA for Africa) und "Do They Know It's Christmas (Band Aid) in den Achtzigerjahren die Sorge um Äthiopien fassten. Aber nein, es war dann nur eine leicht umgetextete Version des Andrea-Bocelli- und Celine-Dion-Schmalzbrockens "The Prayer", mit der das Programm endete. Bocelli und Dion boten sie gemeinsam mit Lady Gaga, John Legend und Lang Lang dar, und sie ersetzten dabei das Wort "faith" (Glaube) durch "space" (Raum), also: "give us space so wel'll be safe" - Herr, gib uns Raum, damit wir sicher sein können. Amen.

Wenigstens hielten sie sich dabei an die Regeln: Jeder spielte, beziehungsweise sang, seinen Teil schön zuhause, die digitale Technik fügte dann alles zusammen. Selbst die Rolling Stones bekamen das Zusammenspiel - vereint im Splitscreen, oder eben getrennt im Splitscreen - problemlos hin. Besonders schön, weil gewohnt ultralässig, war es, wie Charlie Watts den Band-Klassiker "You Can't Always Get What You Want" dann eben auf ein paar Koffern und einem Polstersessel trommelte und dabei grinste.

Das Duo Milky Chance aus Kassel, der einzige deutsche Beitrag zum Benefiz-Programm, schien diese Splitscreen-Technik aber nicht gut zu finden. Wie die HNA, die regionale Tageszeitung aus Kassel, am Vorabend berichtete, war das inzwischen in Berlin lebende Mitglied des Duos für die Darbietung extra in die Heimat zurückgereist. Milky Chance saßen also dicht nebeneinander in ihrem Studio vor der Webcam und missachteten, unbewusst oder demonstrativ, sämtliche zuvor und danach geäußerten Appelle der Stars an die Welt, den Sicherheitsabstand einzuhalten. Es mochte einen zurück zur Eingangsfrage bringen: Braucht die Welt noch Stars?

© SZ.de/mxm/sekr
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