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Rumänische Literatur:Die leeren Hügel

Endlich gibt es Liviu Rebreanus Roman "Der Wald der Gehenkten" in einer neuen Übersetzung

Neben all den schönen Worten während der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Ende des Ersten Weltkriegs, die Emmanuel Macron und Angela Merkel in der nachgebauten Kulisse des Speise- und Salonwagens von Compiègne im November fanden, hörte man im Begleitprogramm ab und zu den Namen Remarque, las ein paar Hinweise auf seinen Roman "Im Westen nichts Neues" von 1928. Dass es anderswo schon Jahre zuvor großartige pazifistische Literatur gab, die jetzt endlich wieder auf Deutsch erhältlich ist, ging im Erinnerungstaumel verloren.

"Unter dem grauen Herbsthimmel, der wie eine riesige Glocke aus Rauchglas alles überwölbte, reckte der neue, am Dorfrand errichtete Galgen seinen Arm mit dem Strang feindselig hinaus auf das Feld, aus dem hier und da kupferrote Bäume emporstachen." Der gespenstische erste Satz eines außerordentlichen Buches. Die Aggressivität, die der Mensch in die einsame Landschaft gebracht hat, ist in ein klar umrissenes Bild gebannt. Das schafft die expressionistische Kraft der Sprache von Liviu Rebreanus Roman "Der Wald der Gehenkten", der im Original 1922, sechs Jahre vor "Im Westen nichts Neues" erschien.

Der Schauplatz der Handlung ist Kriegsgebiet, im zweiten Jahr, irgendwo am russischen Rand des dem Untergang geweihten, aber sich ihm noch gereizt entgegenstemmenden k. u. k. Reichs. Unter dem Galgen brüllt ein Gefreiter zwei alte Totengräber an. Da kommt ein einzelner Hauptmann. Zu Fuß, er wirkt unsicher. Ein Offizier soll gehenkt werden. Der Hauptmann fragt nach der "Schuld"? Der Gefreite ist verwirrt: "Nun, Herr Hauptmann ... wie sollten wir das denn wissen? Im Krieg ist das Leben des Menschen wie eine Blume, die, wer weiß weshalb, ihre Blätter verliert ... Sünden gibt es viele vor Gott dem Herrn, und die Menschen vergeben nicht."

Ein Irrer? Ein Zyniker? Oder nur ein gewöhnlicher Soldat mit ernüchternden Erfahrungen, der die Frage nach der Schuld im Krieg vergessen hat? Immer wieder überrascht Rebreanu mit seiner zugleich exaltierten und präzisen Sprache, mit gemischten Charakteren vor einer apokalyptischen Szenerie. Georg Aescht hat den "Wald der Gehenkten" jetzt mit beeindruckendem Gespür für den Wechsel der Tonlagen neu übersetzt. Die erste deutsche Übertragung von Valentin Lupescu, die vor mehr als fünfzig Jahren im Aufbau Verlag in der DDR erschien und sich nie durchgesetzt hat, ist um vieles umständlicher und weiter vom Text entfernt.

In jungen Jahren ein Ankläger des Krieges, später ein Anhänger Hitler-Deutschlands: Liviu Rebreanu.

(Foto: mauritius images)

1885 im siebenbürgischen Dorf Târlișua als erstes von dreizehn Kindern eines rumänischen Dorfschullehrers geboren, wusste Rebreanu, wovon er im "Wald der Gehenkten" sprach. Sein Bruder Emil, dem der Roman gewidmet ist, war Offizier in k.u.k. Diensten und wurde 1917 wegen Desertion und Spionage hingerichtet, weil er sich geweigert hatte, auf die Zivilbevölkerung zu schießen. Im Frühjahr 1918 wurde Rebreanu selbst unter Verdacht auf Desertion verhaftet, kam aber mit dem Leben davon. Desertion lag in der Luft, wurde Massenschicksal. Die auseinanderdriftenden Interessen in den k.u.k Untertanenstaaten versahen das Heer mit Sprengkraft von innen. Der Wiener Fotohistoriker Anton Holzer hat das brutale Vorgehen gegen Zivilisten, das für Empörung sorgte, 2009 durch seine Dokumentation "Das Lächeln der Henker" in Erinnerung gerufen.

Das Opfer der Hinrichtung zum Roman- Auftakt ist der tschechische Unterleutnant Svoboda, vermutlich ein heimlicher Angehöriger der paramilitärischen "Tschechoslowakischen Legion", die den k.u.k. Gegner Russland unterstützte. Während des Gesprächs zwischen Gefreitem und Hauptmann stürmt ein einzelner Soldat, der sich in der Landschaft verliert, in der über zwanzig Seiten umfassenden Eröffnungsszene auf den Galgenhügel zu. Es handelt sich um die Hauptfigur, Apostol Bologa, einen rumänischen Leutnant, in dem man Rebreanus Bruder erkennen kann.

Noch ist Bologa überzeugt von der Richtigkeit dessen, was geschieht. Er hat sogar mit im Kriegsgericht gesessen und Svoboda schuldig gesprochen. Zackig meldet er sich beim Hauptmann, der unruhig um den Galgen streicht. Der Hauptmann beugt sich kurz vor und gibt Bologa die Hand: "Klapka, Otto Klapka", er sei Rechtsanwalt gewesen, Tscheche. Bologa, vom freundlichen Umgangston des Vorgesetzten überrascht, erzählt ihm, auch er sei Zivilist gewesen. Auch er habe studiert! Was? "Philosophie!" Klapka lächelt nachsichtig. Bologa wird unsicher.

Klapka und Bologa unterhalten sich auf Deutsch, derlingua franca des habsburgischen Reichs und seines Militärs. Sie bleiben die beiden wichtigsten Figuren des Romans. Elegant unauffällig hat Rebreanu sie zusammen geführt. Sie werden sich verlieren und immer wieder neu finden.

Die Leere der Hügel, die Präsenz der Gewalt, die zugleich schwachen und starken Charaktere - etwas verzweifelt Groteskes liegt über der existenzialistischen Szenerie des Romans. Man wähnt sich irgendwo zwischen Shakespeare und Beckett. Auch die überwältigende Verfilmung durch den rumänische Regisseur Liviu Ciulei beschwört eine vergleichbare Stimmung herauf. Ciulei erhielt für "Der Wald der Gehenkten", den man heute auf Youtube findet, 1965 in Cannes den Preis für die beste Regie. Er selbst spielte den Hauptmann, eine der wichtigsten Rollen. Wie im Buch steht auch im Film die Figur für Feigheit und Intelligenz. Im Lauf des Romans wird Klapka Bologa erklären, dass er selber eine Desertion nur aus Angst aufgegeben hat.

Seine Erzählungen vom Krieg und den Deserteuren überlebten Rebreanus Kollaboration

Bologa ist durch eine unsichere, religiös bewegte Jugend geprägt, die im Rückblick erzählt wird. Er ist vor allem aus Eifersucht auf einen Offizier, der seiner Verlobten gefiel, ins Heer geraten. Im Zuge der Verunsicherung, die mit dem Henkersopfer zum Romanauftakt beginnt, verlässt er das Mädchen, verliebt sich in die bäuerliche Tochter eines Totengräbers, und träumt in Uniform vom individualistischen Rückzug. Bis ihm die neuerliche Berufung in ein Kriegsgericht nur noch die Wahl der eigenen Desertion zu lassen scheint.

Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten. Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Mit einem Nachwort von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2018. 351 S., 26 Euro.

Mit seinen ersten Romanen, zu denen neben diesem "Mitgift" und "Der Aufstand" gehörten, wurde Rebreanu zu einem der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne Rumäniens und schließlich als Direktor des Bukarester Nationaltheaters eine öffentliche Figur. Leider ist ihm das auf Dauer nicht gut bekommen. In den dreißiger Jahren hielt Rebreanu seine individualistische Position eine Weile lang aufrecht, unterschrieb noch einen öffentlichen Brief, der die faschistische Propaganda gegen den linken Romancier Sadoveanu kritisierte - bis er selbst sich mit den wechselnden autoritären rumänischen Regimes arrangierte. Eine Spurensuche bringt Zwiespältiges zu Tage.

Rebreanu, der in seiner pazifistischen Erzählung, "Itic Strul, Deserteur", noch einen in den Tod getriebenen Juden zum Helden gemacht hatte, ließ sich vom Dritten Reich hofieren, reiste mit geistigen Kollaborateuren wie Knut Hamsun oder dem Franzosen Robert Brasillach durch Deutschland, nahm 1941 an den von Joseph Goebbels organisierten "Deutschen Dichtertagen" in Weimar teil und wurde mit dem von Hitler verliehenen "Verdienstkreuz des Ordens vom Deutschen Adler mit Stern" belohnt. Dennoch hieß es damals in Paul Carells schicker Nazi-Postille "Berlin, Rom, Tokio", die Rebreanu 1943 eine ganzseitige Fotoserie widmete, er vertrete "keinen ideologischen Standpunkt".

Anfang September 1944 starb Rebreanu in Rumänien. Für die Kraft seiner frühen Hauptwerke spricht, dass ihr Ruf nach dem Zweiten Weltkrieg kaum litt. Es wirkt noch heute unbegreiflich, dass sich der Autor von "Der Wald der Gehenkten", einem Roman der schon alles verstanden hatte, zwei Jahrzehnte später im verblendeten Gefolge der neuen Henker sehen ließ.