Live-Streams in der Klassik:Der Ersatz ist leider ein Requiem

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Ist das jetzt die Gegenwart? In bester Absicht sollen Internet-Übertragungen klassische Konzerte ersetzen. Warum aber machen sie nicht glücklich wie der Besuch eines realen Musikereignisses?

Von Reinhard J. Brembeck

Der Münchner Theaterwissenschaftler Klaus Lazarowicz ist berühmt für seinen Aufsatz mit dem abgehoben befremdlichen Titel "Triadische Kollusion" (1977). Darin konstatierte er allerdings scheinbar nicht mehr als eine Banalität. Dass nämlich im Theater - also in Pantomime, Tanz, Schauspiel, Oper und letztlich auch der Klassischen Musik - ein Werk erst in einem Dreierschritt entstehe, im Live-Zusammen-Spiel von Text, Aufführenden und Publikum. Damit zielt Lazarowicz auf die Gemeinschaft stiftende Kraft dieser Künste, die sich so grundsätzlich von Literatur, Malerei, Bildhauerei, Architektur und selbst dem Kino unterscheiden. Aber hat Lazarowicz recht? Und ist diese These überhaupt von existenzieller Bedeutung für diese Künste?

Am Montagabend sollte im Münchner Nationaltheater ein von Ioana Mallwitz dirigiertes Orchesterkonzert stattfinden mit dem omnipräsenten Pianisten Igor Levit. Doch dann verhinderte die grassierende Seuche erst die Publikumsbeteiligung, und dann sagte der Staatsopernintendant Nikolaus Bachler auch noch den geplanten Livestream des Konzerts vor leeren Rängen ab. Zu groß war das Gesundheitsrisiko für ein Treffen von 100 Musikern. Stattdessen wurde ein kurzfristig anberaumtes, dementsprechend bunt zusammengewürfeltes Programm in kleiner Besetzung gestreamt.

Christina Landshamer und Christian Gerhaher sangen, begleitet von dem Pianisten Gerold Huber, das 50-minütige, 29-teilige und fast nie zu hörende "Liederalbum für die Jugend" op. 79 von Robert Schumann; Staatsopernmusiker geigten das erste der Haydn-Quartette von Wolfgang Amadeus Mozart; ihre Kollegen schlagzeugerten Musik von Johann Sebastian Bach und Chick Corea. Das alles war live in einem fast dreistündig pausenlosen Konzert ohne Publikum zu hören. Dazwischen spielte Igor Levit die 50-minütigen und nie um skurrile Einfälle verlegende Diabelli-Variationen von Ludwig van Beethoven. Die sind eines seiner Bravourstücke, das er jedoch aus nicht genannten Gründen nicht live spielte: Gezeigt wurde ein kurz vor der Übertragung entstandene Aufzeichnung.

"Livestream"? Vor dem Bildschirm zu Hause ist eigentlich ohnehin alles Gegenwart

Damit erwies sich diese ganze Veranstaltung in jeder Hinsicht als ein Zwitter. Jeder spielte, was er gerade draufhatte, eine Dramaturgie war nicht vorhanden, zudem mischte sich hemmungslos Live mit Konserve. Was für den, der vor dem Bildschirm sitzt, sowieso nicht zu erkennen ist und auch keinen Unterschied macht. Denn für den Menschen, der nicht körperlich anwesend ist bei einer Performance, ist immer alles Gegenwart, was er via Stereoanlage und Bildschirm erlebt. Ob Woodstock oder Staatsoper - alles eins.

Zudem sind Anspruch, Aufmerksamkeit und Verhaltenskodex bei einem Live-Fake-Ereignis andere als bei einem Live-Konzert. Im Saal ist der Hörer an seinen Platz gefesselt und dem Tun der Musiker ausgeliefert. Es wäre extrem unhöflich und kommt kaum vor, dass jemand während einer Aufführung protestierend aufspringt und geht. Nur wegdämmern wird akzeptiert. Von anderen unbeobachtet hingegen hat der Hörer schon ganz andere Möglichkeiten: laut schreiend gegen Langeweile und Missdeutungen aufbegehren, aus dem Zimmer rennen, den Ton oder die ganze Übertragung abschalten. Und wer den ganzen Tag im Homeoffice vor dem Computer verbracht hat, der hat derzeit, das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten noch verschärfen, nicht mehr viel Lust, sich solch ein Event wieder vor dem Bildschirm anzutun.

Nun spielt Gernot Huber den Klavierpart in den Schumann-Liedern überlegen subtil. Gerhaher und Landshamer agieren nach allen Regeln der Meistersingerzunft. Aber den großen Bogen, den roten Faden, den bieten sie nicht. Stück um Stück spulen sie ab, es könnten mehr oder (besser) weniger als die 29 Miniaturen sein. Unter Normalbedingungen hätte der Kritiker schon früh Schluss gemacht mit dem Livestream und sich eine überzeugender Einspielung gesucht. Da hat es Igor Levit leichter mit den ähnlich kleinteiligen Diabelli-Variationen, die er bereits zum Studienabschluss spielte und auch schon auf Platte vorgestellt hat. Die sind besser und schlüssiger und vielgestaltiger komponiert, die setzen sehr viel mehr als der intime Schumann-Zyklus auf Überwältigung. Was Levit, dem wirkungsbewussten unter den Jungpianisten, mehr als entgegenkommt. Es ist mit Abstand der musikalische Höhepunkt des Staatsopernpotpourris.

Ist solches Kritikergemäkel nicht ungerecht, angesichts der guten Absicht hinter diesem Event und ähnlichen Livestreams? Es geht schließlich darum, den zunehmend in ihren vier Wänden eingekerkerten Menschen ein wenig Freude zu machen, sie aus ihrer Tristesse herauszuholen. Dieser Überlegung aber liegen zumindest zwei Denkfehler zugrunde. Zum einen ist die musikalische Versorgung über Streamingdienste, Spotify, Amazon, iTunes und CDs auch schon vor dem Virus flächendeckend erschöpfend gewesen. Im Moment wird das unübersehbare Angebot noch sehr viel größer. Wenn die Berliner Philharmoniker jetzt ihre in der gebührenpflichtigen "Digital Concert Hall" versammelten Konzertaufzeichnungen für alle Menschen kostenlos zugänglich machen, dann vergrößern sie das Klassikübermaß genauso, wie sie für sich Werbung machen. Kein Altruismus scheint ganz ohne Hintergedanken auskommen zu können.

Es gibt großartige Aufnahmen. Aber wenn man leere Ränge sieht, fehlt einfach die Stimulation

Der zweite mit diesen Online-Aktivitäten konnotierte Denkfehler führt zu Klaus Lazarowicz zurück. Gerade weil in der Staatsopernübertragung immer wieder und geradezu penetrant die leeren Ränge des Nationaltheaters zu sehen sind, wird offenbar, dass hier etwas grundsätzlich nicht stimmt. Denn da wird kein Konzert übertragen, sondern eine unter aseptischen Studiobedingungen abgehaltene Probe. Mit den jetzt üblichen Streamingangeboten wird behauptet, dass eine Übertragung fast oder sogar genauso gut sei wie ein Konzert. Aber das ist grundsätzlich falsch. Der Staatsopernabend macht auch deshalb nicht glücklich, weil er die Sehnsucht nach einem Konzert erweckt. Eine Sehnsucht, die auf lange Zeit hinaus nicht zu erfüllen sein wird. So ist dieser Abend ein Requiem.

Damit ist nicht gesagt, dass Aufzeichnungen nicht auch ihr Gutes hätten. Wer Teodor Currentzis mit der Pathétique von Peter Tschaikowsky hört, Arturo Toscanini mit Achten von Beethoven, Jordi Savall mit Marin Marais oder Roger Woodward mit "Eonta" von Iannis Xenakis, der erlebt begeisternde und grandiose Aufführungen, wie sie in Konzerten nur sehr selten zu haben sind. Aber Aufnahmen gehören einer völlig anderen Kategorie an als Konzerte.

Aufnahmen ermöglichen den Egotrip des Einzelnen, sie sind also zeitgemäßer als Konzerte, die eine Zwangsgemeinschaft schaffen. Was aber stimulierend auf die Ausführenden wirkt. Jeder Musiker reagiert auf ein leibhaftig anwesendes Publikum, dessen Erwartung, Begeisterung, Enttäuschung sich auf den Spieler übertragen. Dieser letzte und so entscheidende Kick aber fehlt sicht- und hörbar der Staatsopershow wie auch den meisten Studioproduktionen. Vielleicht deshalb, weil Musik wie Theater ohne die von Lazarowicz beschriebenen "triadischen Kollusion" gar nicht Wirklichkeit werden.

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